Wird der Kanada GP leichtes Spiel für Weltmeister Max Verstappen? Der Red-Bull-Star dreht am Freitag in beiden Trainings die schnellste Runde, während seine WM-Rivalen Probleme haben: Teamkollege Sergio Perez ist am Nachmittag über seine Sekunde langsamer, Ferrari-Star Charles Leclerc muss in Montreal unterdessen von weiter hinten starten.
Nach seinem zweiten durch Antriebs-Defekt verursachten Ausfall innerhalb der letzten drei Rennen, werden bei Leclerc diverse Motorkomponenten getauscht: Für die dritte Steuereinheit des Hybridsystems kassiert der Monegasse eine Rückversetzung in der Startaufstellung um zehn Plätze. Im Training beträgt Leclercs Rückstand auf Verstappens Bestmarke von 1.14,127 Minuten nur 81 Tausendstel, Teamkollege Carlos Sainz sortiert sich mit 0,225 Sekunden Rückstand als Dritter ein.
Auffallend: In den ersten beiden kurvenreichen Sektoren ist Leclerc sogar knapp schneller als Verstappen, der Niederländer macht im dritten Sektor mit der langen Gerade aber über eine Zehntel wett – so wie bereits zuletzt in Baku. „Das haben wir die ganze Saison schon gesehen: Ferrari ist in den Kurven besser, Red Bull auf den Geraden. Jeder spielt hier wieder seine jeweiligen Stärken aus“, erklärt Experte Karun Chandhok.
Schnell: Max Verstappen einmal mehr vor den Gegnern

Ex-F1-Pilot Martin Brundle fällt auf: „Der Ferrari nimmt hier als einziges Auto auf dieser Strecke die Kerbs richtig gut, alle anderen müssen eigentlich darum herum fahren. Insgesamt ist Red Bull aber wieder sehr gut, vor allem bei der Traktion.“
Red-Bull-Motorsportberater Helmut Marko zeigt sich nach dem ersten Tag in Kanada jedenfalls optimistisch: „Über eine schnelle Runde war Max hier erfreulicherweise deutlich besser (als in Baku; d. Red.). Nur der Longrun war nicht ganz zufriedenstellend, weil wir immer wieder in den Verkehr gekommen sind. Aber der Speed stimmt und das Gesamtpaket auch.“
Ganz anders sieht das beim zweiten Red Bull von Perez aus: „Sergio hat keine optimale Runde erwischt, beim Setup ist sein Team nicht in die ideale Richtung gegangen“, verrät der Grazer und urteilt: „Sein Rückstand ist nicht so groß wie es aussieht, aber er ist wieder mehr so wie im Vorjahr.“ Da fehlten Perez meist drei bis fünf Zehntel auf Verstappen.
Nur träumen kann von so einem Rückstand aktuell Rekordweltmeister Lewis Hamilton: Der Brite beendet die zweite Session in Montreal nur auf dem 13. Platz, 1,3 Sekunden hinter der Bestzeit. „Dieses Auto ist jetzt unfahrbar“, flucht Hamilton schon am Funk und schüttelt beim Einparken vor seinen Mechanikern wütend den Kopf.
Wütend: Lewis Hamilton lässt kein gutes Haar am W13

Nach dem Aussteigen platzt Hamilton dann richtig der Kragen: „Dieses Auto ist so schlecht. Wir haben heute wieder viele verschiedene Dinge versucht: Ich bin mit einem experimentellen Unterboden gefahren, der nicht funktioniert hat, so wie alles, was wir mit diesem Auto versuchen.“ Hamilton erklärt: „George (Russell; d. Red.) und ich sind im zweiten Training mit verschiedenen Setups gefahren, um zu sehen ob ein Weg davon funktioniert. Ich muss erst hören wie es bei ihm war, aber bei mir war es ein Desaster.“
Hamilton redet sich in Rage: „Es ist, als ob das Auto immer schlechter wird, immer unzufriedener, je mehr wir zu ändern versuchen.“ Mit sieben Erfolgen ist Hamilton Rekordsieger in Montreal, gemeinsam mit Michael Schumacher. „Doch so ein schlechtes Auto habe ich hier noch nie gehabt. Das ist nicht das Montreal, das ich kenne“, raunt Hamilton und erklärt: „Eine Berührung mit dem Kerb und das Ding geht fliegen, bei jedem Aufsetzen nach dem Hüpfen geht es in eine andere Richtung. Es ist die ganze Zeit ein monumentaler Kampf, es aus der Wand zu halten.“
Was Hamilton besonders in die Verzweiflung treibt: So langsam ist Mercedes in Bezug auf den W13 wohl mit seinem Latein am Ende. „Wir haben bald alle Punkte abgearbeitet, aber nichts hilft, nicht einmal, dass wir es angehoben haben (bei der Fahrzeughöhe; d. Red.). Wir sind weit hinten, aber was soll man auch erwarten mit diesem Auto.“
Teamkollege George Russell steuert den Silberpfeil mit seinem Abstimmungspaket immerhin auf Platz sechs, stimmt aber – wenn auch in deutlich gemäßigteren Tönen – in Hamiltons Kritik mit ein: „Die Strecke hier macht echt Spaß, aber die vielen Bodenwellen machen uns Probleme, obwohl wir unser Auto so weich wie möglich abgestimmt haben. Unsere Performance ist nicht da, wo wir sein wollen.“
In Form: Sebastian Vettel überrascht auf Rang vier

Was Russell besondere Sorgen bereitet: „Im Vergleich zu den zwei Teams an der Spitze sind wir weit hinten, aber hier sind auch ein paar andere Jungs vor uns, allen voran Fernando (Alonso; d. Red.) und Sebastian (Vettel; d. Red.). Dem deutschen Aston-Martin-Star gelingt im zweiten Training die große Überraschung: Platz vier, gerade einmal drei Zehntel hinter der Spitze. Auch Alpine-Altmeister Alonso ist wieder nicht weit weg: Rang fünf für den Spanier, der in der Auftaktsession in Kanada sogar Dritter geworden war.
Für Mick Schumacher läuft der Freitag auf dem Circuit Gilles Villeneuve ebenfalls anständig: Der Deutsche fährt erstmals auf dem Kurs, da das Rennen letztes Jahr wegen der Pandemie ausfiel, hat auf Platz 15 gerade einmal 17 Tausendstel Rückstand auf seinen erfahrenen Stallkollegen Kevin Magnussen. Dafür lässt Schumi Jr. AlphaTauris Yuki Tsunoda hinter sich, sowie beide Williams und beide Alfa Romeo: Bei Letzteren kommt Valtteri Bottas mit einem technischen Defekt überhaupt nur drei Runden weit.

Formel 1 Grand Prix von Kanada
2. Freies Training, Ergebnis

1. Max Verstappen (Niederlande) - Red Bull 1:14,127 Min.
2. Charles Leclerc (Monaco) - Ferrari +0,081
3. Carlos Sainz Jr. (Spanien) - Ferrari +0,225 Sek.
4. Sebastian Vettel (Heppenheim) - Aston Martin +0,315
5. Fernando Alonso (Spanien) - Alpine +0,416
6. Pierre Gasly (Frankreich) - Alpha Tauri +0,752
7. George Russell (Großbritannien) - Mercedes +0,844
8. Lando Norris (Großbritannien) - McLaren +0,860
9. Daniel Ricciardo (Australien) - McLaren +0,906
10. Esteban Ocon (Frankreich) - Alpine +0,992
11. Sergio Perez (Mexiko) - Red Bull +1,040
12. Lance Stroll (Kanada) - Aston Martin +1,269
13. Lewis Hamilton (Großbritannien) - Mercedes +1,294
14. Kevin Magnussen (Dänemark) - Haas +1,372
15. Mick Schumacher (Gland/Schweiz) - Haas +1,389
16. Zhou Guanyu (China) - Alfa Romeo +1,399
17. Yuki Tsunoda (Japan) - Alpha Tauri +1,440
18. Alexander Albon (Thailand) - Williams +2,044
19. Nicholas Latifi (Kanada) - Williams +2,382
20. Valtteri Bottas (Finnland) - Alfa Romeo - keine Zeit

Formel 1 Grand Prix von Kanada
1. Freies Training, Ergebnis

1. Max Verstappen (Niederlande) - Red Bull 1:15,158 Min.
2. Carlos Sainz Jr. (Spanien) - Ferrari +0,246 Sek.
3. Fernando Alonso (Spanien) - Alpine +0,373
4. Sergio Perez (Mexiko) - Red Bull +0,461
5. Charles Leclerc (Monaco) - Ferrari +0,508
6. George Russell (Großbritannien) - Mercedes +0,664
7. Lance Stroll (Kanada) - Aston Martin +0,719
8. Lewis Hamilton (Großbritannien) - Mercedes +0,719
9. Sebastian Vettel (Heppenheim) - Aston Martin +0,883
10. Daniel Ricciardo (Australien) - McLaren +0,925
11. Pierre Gasly (Frankreich) - Alpha Tauri +1,007
12. Lando Norris (Großbritannien) - McLaren +1,053
13. Alexander Albon (Thailand) - Williams +1,150
14. Yuki Tsunoda (Japan) - Alpha Tauri +1,164
15. Esteban Ocon (Frankreich) - Alpine +1,263
16. Valtteri Bottas (Finnland) - Alfa Romeo +1,268
17. Zhou Guanyu (China) - Alfa Romeo +1,994
18. Mick Schumacher (Gland/Schweiz) - Haas +2,065
19. Nicholas Latifi (Kanada) - Williams +2,083
20. Kevin Magnussen (Dänemark) - Haas +2,397

Von

Frederik Hackbarth