Der WM-Kampf tobt beim Grand Prix von Katar nicht nur auf der Strecke: Nachdem Red Bull zuletzt mehrfach Fragen über die Legalität des Mercedes-Heckflügels aufgeworfen hat, reagiert die FIA mit einem Extra-Belastungstest, der am Samstag nach dem Qualifying erstmals ins Prozedere der technischen Überprüfung der Autos aufgenommen wurde.
Red-Bull-Teamchef Christian Horner feiert das als Teilerfolg für sein Team. „Wir sind sehr zufrieden, dass die FIA die Sache so ernst nimmt. Es ist toll, dass sie nun endlich proaktiv werden und es sich anschauen“, lobt der Brite die Sportbehörde auf ihrer „Mission, Fakten zu finden“.
Dass auch der angedrohte Test bereits „seinen Job erfüllt und erste Wirkung gezeigt“ hat, macht Horner daran fest, dass Mercedes' Topspeed im Katar-Quali nicht mehr signifikant schneller ist als der von Red Bull.
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Bei den Schwarzpfeilen gibt man sich jedoch weiter betont entspannt. Weltmeister Lewis Hamilton erklärt nach seiner Pole in Bezug auf den Heckflügel-Test: „Ich habe mit dem Team gesprochen und mir wurde zu einhundert Prozent das Gefühl gegeben, dass wir uns diesbezüglich keine Sorgen machen müssen. Wir haben einen großartigen Job gemacht dieses Wochenende und es ist toll, im Moment ganz vorne zu stehen. Ich hoffe, dass ich morgen auch von dort starten darf und nicht von hinten, so wie beim letzten Mal. Aber da habe ich nicht wirklich Bedenken.“
Teamchef Toto Wolff muss in Bezug auf die vielen Anschuldigungen von Red Bull Schmunzeln. „Ich kann den ganzen Debatten, die sie vorantreiben, ehrlich gesagt schon gar nicht mehr folgen. Deswegen haben wir als Team und auch ich die Entscheidung getroffen, mit den ganzen Kommentaren von ihrer Seite nicht mehr mitzuhalten“, erklärt der Mercedes-Boss.
Die FIA nimmt den Mercedes in Katar genau unter die Lupe
Der jüngste Flügel-Test lässt Wolff kalt: „Ich denke, der neue Belastungstest richtet sich vor allem aufs nächste Jahr, um dann breiteres Wissen zu haben und dafür alles zu checken. Es wird interessant die Ergebnisse zu sehen, aber ich denke, wir sind auf der guten Seite.“
Die FIA bestätigt die Intention hinter der Ausweitung der Tests indirekt. Ein Sprecher erklärt in Katar: „Die Tests, von denen die Rede ist, sind dafür gedacht, Informationen zu sammeln und nicht Teil der regulatorischen Anforderungen. Sie können eher dazu dienen, dass neue Kriterien in Zukunft miteinbezogen werden. Die Testergebnisse werden wir mit der Technik-Gruppe durchgehen.“
Heißt übersetzt: Für 2021 dürfte der Mercedes-Flügel legal sein, in Zukunft könnte eine derartige Lösung aber verboten werden.
Auch Bilder vom Mercedes-Heckflügel, die Red Bull der FIA als Beweis vorgelegt haben soll und auf denen Kratzspuren von einer möglichen Bewegung des unteren Spoiler-Elements zu sehen sind, beeindrucken Wolff nicht. „Ich kann auf den Fotos nichts erkennen und weiß auch nicht, wo sie die herhaben oder was es zeigen soll. Es ist ein Gespenst“, unkt der Österreicher und spottet in Bezug auf das Qualifying: „Haben sie hier schon Daten oder Fotos von unserem Speed auf den Geraden gezeigt?“
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Dass Mercedes' Geschwindigkeits-Vorteil aus Brasilien in Katar verschwunden ist, ist aber auch Wolff nicht entgangen. „Diese Strecke ist nicht so Power-sensitiv“, sagt der Mercedes-Teamchef und erklärt mit Blick auf die in Sachen Topspeed wiedererstarkten Red Bulls: „Sie sind dieses Wochenende, trotz einen großen Heckflügels, gleichschnell wie wir. Also haben sie wohl einen guten Job gemacht. Ich bin happy, wenn sie happy sind. Mal sehen, was wir dann in Saudi-Arabien für Kommentare von ihnen hören.“
Auf dem kommenden Kurs in Dschidda wird wegen des hohen Vollgas-Anteils Mercedes als Favorit gehandelt. Wolff räumt ein: „Es sollte dort zu unserem Vorteil sein, aber hoffentlich bereue ich diese Worte nicht noch.“
Kurios: Den Kurs in Katar bezeichnet Wolff von den letzten drei Strecken im Kalender als Mercedes' „Achillesferse“ - obwohl Hamilton im Qualifying mit 0,455 Sekunden Abstand auf Verstappen den größten Vorsprung in einem Trocken-Qualifying der Saison 2021 auf den Asphalt zaubert.
Dass der Ton im WM-Kampf mit Red Bull rauer wird, beeindruckt Wolff indes nicht: „Ich weiß nicht, was sie noch alles planen und verstehe auch ihre Denkweise dahinter nicht. Zuletzt scheint das ganz schön unberechenbar, aber es ist okay. Ich will auch gar nicht mehr Öl ins Feuer gießen. Wir müssen auf uns schauen und den bestmöglichen Job machen. Noch sind wir 14 Punkte hinten, brauchen deswegen morgen ein gutes Rennen. Nur das zählt. Es ist sehr wichtig, dass wir hier ganz oben rauskommen, um die WM offen zu halten.“
Max Verstappen führt in der WM mit 14 Punkten Vorsprung
Fest steht trotzdem: Die Drähte zwischen den Top-Teams und der FIA glühen im Schlussspurt des WM-Duells. Ein weiteres Thema für die Stewards ist das Zweikampfverhalten. Mercedes' abgewiesene Revision des Verstappen-Manövers in Brasilien bewertet Wolff als „sehr gefährlich“. Der Wiener erklärt: „Damit hat man den Ball ins hohe Gras gekickt und hofft jetzt, dass er darin verschwindet. Wenn wir aber bei einem der drei kommenden Rennen eine vergleichbar kontroverse Situation haben, kann man sich den Aufschrei vorstellen, weil das nicht klar formuliert wurde.“
Wolff sauer: „Wir hätten uns gewünscht, selbst wenn das Resultat negativ für uns ausgefallen wäre, dass es eine klare Linie gibt. Jetzt sind die Wenigsten mit dem Resultat zufrieden. Darf man jemanden rausdrängen oder muss man eine Wagenbreite Platz lassen? Letzteres ja wohl auf keinen Fall, nach der Aktion in Brasilien.“
Für Wolff öffnet der Präzedenzfall Tür und Tor zu „schmutzigem Fahren“, wie der Mercedes-Boss bereits im Vorfeld des Katar Grand Prix erklärt hatte. „Damit wollte ich aber nicht andeuten, dass Max irgendetwas in die Richtung vor hat. Ich denke, wir sind alle Sportsleute: Jeder will ein sauberes Rennen haben und niemand auf diese Art und Weise eine WM entscheiden.“

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Von

Frederik Hackbarth