GWM Ora 07 AWD: Test
Ist der elektrische 07 GT so spannend, wie er aussieht?

Bild: Christoph Böries / AUTO BILD
Obgleich diese Forderung in Bezug auf den 408 PS leistenden Elektriker durchaus seine Berechtigung hat.
Optische Zitate außen und innen
GWM will mit seinem viertürigen Schrägheck viel erreichen und scheut dabei nicht davor zurück, andere Hersteller zu zitieren. So ist die Front eine Mischung aus Porsche 911 und VW Beetle. Das Heck scheint dem ersten Panamera entlehnt zu sein, und im Innenraum findet man eine Mittelkonsole, die schwer an Bugatti erinnert.

Von allem ein bisschen: Die Front ist eine Mischung aus Porsche 911 und VW Beetle, am Heck erkennen wir den ersten Panamera.
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Lässt man den Gedanken des schnöden Kopierens mal weg, könnte man ehrfurchtsvoll mit dem Kopf nicken und GWM für den Mut loben, sich solche Vorbilder zu suchen. Und ganz ehrlich? Der Ora 07 GT besticht tatsächlich durch außergewöhnlich gute Materialien und eine exzellente Verarbeitung. Auf unserer Test-Holperpiste klappert da nichts, es fasst sich alles hervorragend an und sieht auch gut aus. Um den oben zitierten Sportgrößen Paroli zu bieten, reicht es aber nicht.
Für 53.490 Euro gibt es gute Sprintwerte
Doch auch hier wollen wir fair bleiben. Allein der Preis von 53.490 Euro ist eine Ansage für ein E-Auto mit ausgesprochen sportlicher Attitüde. Dank seiner zwei Elektromotoren (je einer an Vorder- und Hinterachse), die gemeinsam 408 PS leisten und ein maximales Drehmoment von 680 Newtonmetern zur Verfügung stellen, beschleunigt der knapp 2,2 Tonnen schwere Chinese in 4,3 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100.

Sehr ordentlich: In 4,3 Sekunden ist der 2,2 Tonnen schwere Ora auf Tempo 100. Maximal sind 180 km/h drin. Reichweite: 448 Kilometer.
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In der Spitze müssen dann aber 180 km/h reichen, um den 83,5 kWh großen Akku nicht über Gebühr zu beanspruchen. Allerdings ist das Energiemanagement so gut, dass eine Ladung selbst bei zügiger Fahrt reicht, um nach unseren Messungen 370 Kilometer zurückzulegen. Im Drittelmix haben wir sogar 448 Kilometer ermittelt, was lediglich um 72 Kilometer vom WLTP-Wert mit 520 Kilometern abweicht.
Fahrzeugdaten
Modell | Ora 07 AWD |
|---|---|
Elektromotor vorn | Synchronelektromotor |
Spitzenleistung vorn | 150 kW (204 PS) |
Elektromotor hinten | Synchronelektromotor |
Spitzenleistung hinten | 150 kW (204 PS) |
Systemleistung | 300 kW (408 PS) |
maximales Drehmoment | 680 Nm |
Höchstgeschwindigkeit | 180 km/h |
Getriebe | Einganggetriebe |
Antrieb | Allradantrieb |
Bremsen vorn/hinten | Scheiben/Scheiben |
Testwagenbereifung | 235/45 R 19 |
Reifentyp | Michelin Pilot Sport EV |
Radgröße | 8 x 19" |
Reichweite* | 520 km |
Verbrauch* | 17,5 kWh/100 km |
Batteriekapazität (brutto/netto) | 86/83,5 kWh |
Ladeleistung (AC/DC) | 11/88 kW |
Ladezeit (DC-Ladung; 10-80 %) | ca. 43 Minuten |
Ladeanschluss | vorn rechts |
Vorbeifahrgeräusch | 66 dB(A) |
Anhängelast gebr./ungebr. | - |
Stützlast | - |
Kofferraumvolumen | 333–1045 l |
Länge/Breite/Höhe | 4871/1862/1500 mm |
Radstand | 2870 mm |
Grundpreis | 53.490 Euro |
Testwagenpreis (wird gewertet) | 53.490 Euro |
Ladezeiten erfordern viel Geduld
Das ist eine durchaus beachtliche Distanz, die leider von der mäßigen Ladeleistung konterkariert wird. An der Schnellladestation (DC) kann der Ora 07 GT nämlich mit maximal 88 kW Energie aufnehmen, was bedeutet, dass man für 10 bis 80 Prozent 43 Minuten Standzeit einplanen muss.

Am Schnelllader braucht der Ora GT 43 Minuten von 10 bis 80 Prozent Akkufüllstand. Er lädt mit maximal 88 kW Gleichstrom.
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Wer es an der AC-Dose versucht, lädt mit 11 kW nicht unter acht Stunden. Schade ist auch, dass das Navigationssystem mit Echtzeitnavigation nicht in der Lage ist, Ladepunkte zu empfehlen und diese in die Routenplanung einzubinden. Wo man am Ende lädt, muss der Fahrer selbst entscheiden.
Assistenzsystem mit gefährlicher Eigenart
Schlimmer als das und die Wartezeiten an den Ladestationen sind die Assistenzsysteme des Ora 07 GT. Der Spurhalteassistent reißt willkürlich mit solcher Wucht an der Lenkung, dass die mit viel Kraft durch den Fahrer wieder in Richtung gebracht werden muss. Dabei ist es egal, ob es einen Mittelstreifen gibt oder nicht. Wenn die Elektronik glaubt, eine Abweichung erkannt zu haben, greift sie konsequent ins Lenkrad. Umso irritierender ist es, dass wenn der entnervte Pilot glaubt, er könne die Verantwortung an die virtuellen Helferlein übergeben, der Ora ohne zu zucken in den Gegenverkehr rollt.

Gefährliches Ärgernis: Der Spurhalteassistent greift ziemlich willkürlich und mit voller Wucht ins Lenkgeschehen ein. Das muss besser werden.
Bild: Christoph Böries / AUTO BILD
Zu diesem gefährlichen Ärgernis kommt hinzu, dass das "Fahrer-Überwachungssystem" in einer penetranten Art und Weise verbal und visuell zur Aufmerksamkeit mahnt. Da reicht ein kurzer Blick auf das Fahrerdisplay, der aufwendige Versuch, über das mächtige Zentraldisplay den Wind aus den Lüftungsdüsen auszurichten oder die Temperatur einzustellen. Kurz: Jede Kopfbewegung, bei der die Augen den Blick zur Straße verlieren, wird mit einer missbilligenden Warnung zur Aufmerksamkeit bedacht.
Messwerte
Modell | Ora 07 AWD |
|---|---|
Beschleunigung | |
0–50 km/h | 1,9 s |
0–100 km/h | 4,3 s |
0–130 km/h | 6,7 s |
0–160 km/h | 9,8 s |
0–180 km/h | 12,6 s |
Zwischenspurt | |
60–100 km/h | 2,0 s |
80–120 km/h | 2,6 s |
Leergewicht/Zuladung | 2160/400 kg |
Gewichtsverteilung v./h. | 48/52 % |
Wendekreis links/rechts | 12,0/12,0 m |
Sitzhöhe | 585 mm |
Bremsweg | |
aus 100 km/h kalt | 36,2 m |
aus 100 km/h warm | 36,9 m |
Innengeräusch | |
bei 50 km/h | 56 dB(A) |
bei 100 km/h | 63 dB(A) |
bei 130 km/h | 67 dB(A) |
Verbrauch | |
Sparverbrauch | 18,5 kWh/100 km |
Testverbrauch Durchschnitt der 155-km-Testrunde (Abweichung zur WLTP-Angabe) | 19,6 kWh/100 km (+12 %) |
Sportverbrauch | 26,8 kWh/100 km |
CO2 (lokal) | 0 g/km |
Reichweite | 448 km |
Fahrbar wird der Ora 07 GT somit erst, wenn die vielen Bevormundungen deaktiviert wurden. Einfach ist das nicht, weil sie sich in unterschiedlichen Menüs befinden und der Griff ins Lenkrad erst aufhört, wenn auch der "Notfall-Spurhalte-Assistent" deaktiviert ist.
Lenkung agiert nicht durchweg stimmig
Apropos Lenkung. Auch die wird von einem Assistenten unterstützt und lässt sich über drei Stufen einstellen: Leicht, Komfort und Sport. Die beiden erstgenannten sollte man meiden, weil sich so gar kein Lenkgefühl einstellen will. Zudem ist der Lenkeinschlag immer weiter, als die Kurve es erwarten lässt. Erst in Sport wird das mit Blick auf die Kehre stimmiger, ein Gefühl für die Bewegung bekommt man aber auch hier nicht.

Nicht gut abgestimmt: Der Lenkeinschlag passt gefühlt eher selten zum Kurvenradius. Erst im Modus Sport geht es einigermaßen.
Bild: Christoph Böries / AUTO BILD
Genau das ist der Grund, warum schnelle Wechselkurven keinen Spaß machen. Zu hektisch und zu unruhig wird die Bewegung hier am Lenkrad, was sich wiederum auf die Fahrstabilität überträgt. Die Rettung ist ein sportlich straff abgestimmtes Fahrwerk, das einiges puffert. Allzu übermütig sollte man dennoch nicht werden, denn das ESP regelt für ein chinesisches Fahrzeug erstaunlich zögerlich.
Plötzliche Vollbremsung bei hartem Einsatz
Das ist einmal mehr unschön, als dass die Bremse beim harten Einsatz plötzlich durchsacken kann und eine Vollbremsung einleitete, wo sie der Fahrer nicht haben wollte. Bei unseren Bremstests hingegen zeigten sich die Stopper unauffällig. Mit Werten von 36,2 Metern (kalt) und 36,9 Metern (warm) verzögerten sie hier ordentlich. Einzig, dass sie etwas gefühllos und teilweise ein wenig wattig waren.

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Was die Bremse betrifft, gibt es noch eine Eigenart. Die Handbremse wird über das Schließen des Fahrergurtes deaktiviert. Das heißt, nur wenn der Pilot angegurtet ist, lässt sich der Wagen bewegen. In der Waschanlage hingegen reicht es nicht, den Gangwählhebel auf Neutral zu stellen und sich abzuschnallen. Auch wer im Menü die Einstellung "Waschanlage" aktiviert hat, wird nicht von der Kette gezogen. Erst wenn nach langem Suchen die Bremse per Fingertipp im entsprechenden Menü gelöst ist, bewegt sich das Auto in den reinigenden Schauer.
Große Menschen reisen weniger gut
Bei normaler Fahrt filtern Federn und Dämpfer Straßenunebenheiten ganz charmant weg, wobei Fahrgäste in der zweiten Reihe deutlich mehr über den Zustand der Fahrbahn informiert werden als die auf den Vordersitzen. Egal wo man im Ora 07 GT sitzt, man sollte nicht zu groß sein. In der ersten Reihe reicht die Laufschiene nicht weit genug zurück, dass auch Menschen mit 1,90 Meter Körperlänge gut sitzen können, und im Fond stoßen bereits kleinere Reisende mit dem Kopf an den kühnen Coupébogen des großen Glasdachs.

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Insgesamt sitzt man in den durchaus gut geschnittenen und gepolsterten Sitzen etwas hoch. Das Raumgefühl ist dennoch nicht schlecht, denn auch die Knie- und Beinfreiheit im Fond ist üppig bemessen. Weniger Platz bietet das Gepäckabteil mit 333 bis 1045 Litern für ein Fahrzeug, das in der Länge 4,87 Meter misst. Auch die Zuladung ist mit 400 Kilogramm eher bescheiden. Anhängen darf man an den Ora 07 GT nichts, was die Flexibilität weiter einschränkt.
Es gibt noch echte Drehknöpfe im Ora
Bei der Bedienung darf man froh sein, dass GWM darauf verzichtet hat, eine Tesla-Kopie anzubieten, die gar keine Knöpfe und Schalter mehr hat. Insofern kann die Klimaanlage über die Drehknöpfe in der Mittelkonsole gesteuert werden. Ebenso die Fahrprogramme, die von Eco bis Sport Plus reichen. Im letztgenannten kann dann auch aus einem Soundmenü gewählt werden, ob man den Klang eines Rennwagens, eines Mehrzylinders oder einfach nur Sport hören möchte. Übertragen über die elf Lautsprecher des Infinity-Soundsystems, hört sich das gar nicht so doof an.
Wertung
Modell | Ora 07 AWD |
|---|---|
Karosserie | Gutes Raumgefühl, hinten kann es eng werden, kleiner Kofferraum, wenig Zuladung, keine Anhängelast. |
3/5 Punkten | |
Antrieb | Beschleunigung und Zwischenspurt toll, geringe Vmax, magere Reichweite, niedriger Verbrauch. |
3,5/5 Punkten | |
Fahrdynamik | Gute Traktion, mächtiger Wendekreis, etwas schwache Bremsen, Fahrspaß bei Bedarf. |
3/5 Punkten | |
Connected Car | Verständige Sprachsteuerung, Navi bindet Ladestationen nicht ein, klasse Audiosystem. |
4/5 Punkten | |
Umwelt | Recht groß und schwer, kein CO2-Ausstoß, sehr leise, umwelttechnisch auf dem Stand der Zeit. |
3,5/5 Punkten | |
Komfort | Umfangreiche Serienausstattung, überambitionierte Assistenzsysteme, Klimaregelung nur über TFT. |
3,5/5 Punkten | |
Kosten | Preis/Leistung stimmt, schlechter Wiederverkaufswert, geringe Steuern und Versicherung. |
3/5 Punkten | |
AUTO BILD-Testnote | 3+ |
Insgesamt ist der Ora 07 GT für den Preis sehr gut ausgestattet. Neben den nicht in allen Details wirklich gut funktionierenden Assistenzsystemen gibt es eine 360-Grad-Kamera, Sitzheizung vorn und hinten, elektrisch verstellbare Fahrer- und Beifahrersitze, ein großes Head-up-Display und Verkehrszeichenerkennung.

Bild: Christoph Böries / AUTO BILD
Dazu kommt ein Infotainmentsystem, das sehr verständig auf den Ruf "Hallo Ora" reagiert und neben der Klimaanlage die Fenster öffnen und schließen kann, die Musik auf Wunsch startet oder Navigationspunkte einbindet. Das ist nicht zu vergleichen mit dem, was BMW oder Mercedes bieten, aber besser als das, was andere Mitbewerber für mehr Geld offerieren.
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