Das ewig junge Duell Porsche gegen BMW – dieses Mal im Gewand der Edeltuner Techart und Hamann. Was geht noch bei 911 Carrera S und M4?
Guido Komp
Den Tuner-Dreisatz zur Erweckung maximaler Aufmerkamkeit kennen Sie alle: tiefer, breiter, lauter. Und so stumpf er auch klingen mag, das Konzept funktioniert bis heute derart prächtig, dass so mancher Hersteller selbst darauf zurückgreift. Angefangen in den 80er-Jahren, als flachgeschnauzte Kiez-911er in Breitbau Mann und Maschine den nötigen Respekt bescherten. Oder die 90er, als BMWs M3-Spiegel auch an Golf GTI und Audi chic wurden. Es war ein kurzer Weg, den im Jahr 2016 nahezu alle Marken mitgehen.
Techart kitzelt 60 zusätzliche PS aus dem Turbo-Boxer
Kraftpaket: Techart holt aus dem Dreiliter-Biturbo im Porsche-Heck 480 PS und 580 Nm Drehmoment.
Bild: Ronald Sassen
Wer dann als Veredler zu Stuttgarts und Münchens Feinstem greift, den stellen die Ausgangsmodelle Porsche 911 Carrera S und BMW M4 vor so manche Herausforderung, der nur mit viel Selbstbewusstsein und einer klaren eigenen Linie zu begegnen ist. An den schwäbischen Rassesportler, der nicht erst seit der Turboumstellung längs- wie querdynamisch eine Macht ist, legt man bei Techart in Leonberg die feine Hand der Manufaktur: Das Exterieur mit Aerokit-Spoilerwerk aus Carbon sucht stilsicher Anschluss an die aktuellen 911er-GT3- und Turbo-Modelle. Der Motor erstarkt per Software um feintarierte 60 PS auf deren 480, und das Interieur verwöhnt penibel verarbeitet in Leder und matter Kohlefaser auf höchstem haptischen Niveau. Dem Farbenspiel aus Graphitblau mit neonorangen Akzenten erliegt auch der Nachbar mit dem seltenen 1981er-911 Turbo, der im angeregten Benzingespräch belegt, wie gut man in Leonberg um den besonderen Geschmack seiner Kundschaft zu wissen scheint.
Tuning nach klassischer Machart: Gerade durch sein Übertreiben begeistert der getunte M4 schon im Stand.
Bild: Ronald Sassen
Ein gänzlich anderes Publikum bedient der bayerische Prachtkerl auf der anderen Seite, dessen man sich in Laupheim bei Tuner Hamann Motorsport annimmt: Fans klassischen Tunings, das optisch wie akustisch auf ganz dicke Hose machen muss. Gerade durch sein Übertreiben begeistert der getunte M4 schon im Stand nach klassischer Machart: Den Frontspoiler tief ins Gesicht gezogen wie eine Snapback-Kappe, lässig auf den fetten 21-Zöllern lümmelnd und hinten raus dann Beats statt Bose durch die Vierrohr-Boombox feuernd. Die Identifikation mit dem blau tätowierten Weißen fällt besonders der jungen Generation leicht, die den Fahrer gern zum ungehemmten Gasgeben animieren würde. Der Hamann ist wie die Jungs an der Bushaltestelle: Cool in den ungebundenen Sneakern zu spät in die Sportstunde schlurfen, den Tadel des Lehrers frech weglächeln, um am Ende noch ordentlich einen rauszuhauen.So stakst der M4 noch recht unbeholfen in seinen losen Vredestein-Schuhen aus dem Startblock, verliert eine halbe Sekunde auf die Serie beim 100er-Sprint, um sich bis 200 mit 0,6 Sekunden Vorsprung dann wieder zu fangen. Die 517 PS nach der Leistungskur erscheinen damit glaubhaft, auch weil die Launch Control bereits mit der Serienleistung ordentlich zu kämpfen hat und einen griffigen Gummi zum Zünglein an der (Mess-) Waage macht. Mit anderen Reifen wäre hier wahrscheinlich mehr drin gewesen.
Das Chiptuning nimmt dem Reihensechser die Sämigkeit
Erst etwas schwach, dann langsam kraftiger und am Ende wieder abfallend – ohne Chip ist der R6 besser.
Bild: Ronald Sassen
Die Leistungsentfaltung des gechipten Reihensechsers wirkt unharmonisch; bis 3000/min eher kleinlaut, erwacht er langsam zur Mitte hin, ab 5000 dann erbost bis an die 7000 zürnend, um final doch wieder etwas an Elan einzubüßen. Deutlich spürbare Ladedruckschwankungen und der lautstarke Sportauspuff sorgen insgesamt für mehr Unmut denn Lob, auch weil sich Leistung und Drehmoment rein subjektiv bei hohen Geschwindigkeiten weniger spürbar ins Szene setzen, als der Fahrer es von 500 PS erwartet. Auf der Autobahn sind die Riesenräder samt Tieferlegung nur im Komfortmodus eine annehmbare Kombination, der den wilden Hamann gerade noch passabel durch den Alltagseinsatz rettet. Im harten Sportmodus stolpert er dann schnell mal über Querfugen, wackelt unruhig mit der Hinterachse und beweist am Ende, wie wenig Spielraum das perfektionistische Streben eines Serien-M4 für allzu extreme Veränderungen lässt.
So ist er mehr Beau für die Showmeile der Innenstadt denn Rennmaschine für die sportliche Kurvenhatz auf der Hausstrecke, wo das Fahrwerk rasch an seine Grenzen federt, die Reifen rutschig durch den Gangwechsel schlupfen und den M4 recht ungehalten zum Springbock werden lassen. Die Show stiehlt ihm dafür so schnell keiner.
Weitere Details zu den beiden getunten Sportlern finden Sie in der Bildergalerie. Den kompletten Artikel mit allen technischen Daten und Tabellen gibt es als Download im Online-Heftarchiv.
Fazit
von
Guido Komp
Besser als die Serie, lautete das Ziel, und am Ende schafft es Techart mit einem deutlich emotionaleren Carrera S, auch hartgesottene 911er-Fans von sich zu überzeugen. Dem Vergleich mit dem Serienbruder hält der Hamann M4 nicht ganz so gut stand, erzeugt mit seiner auffälligen Optik jedoch weitaus extremere Reaktionen am Straßenrand. Am Ende muss jeder selbst entscheiden, ob ihm Show oder Perfektionierung den größeren Anreiz für die teure Veredelung liefert.