HGP Golf R32 Biturbo

Das ist der Gipfel

500 PS und 300 km/h – da wird die Luft allgemein ziemlich dĂŒnn. Nicht fĂŒr den HGP-Golf. Hier sorgen gleich zwei Turbolader dafĂŒr, dass der rote Renner beide HĂŒrden locker ĂŒberspringt.

Wolf im Golf-Pelz

Kleider machen Leute, behauptet der Volksmund. Und PS machen Autos. Sagt man zwar nicht, ist aber so. 200 PS dĂŒrfen es heutzutage schon sein, 300 werden noch lieber genommen, bei 400 kommt dann schon ein gewisser Ernst ins Spiel. Doch bei 500 wird die Luft ziemlich dĂŒnn und der Respekt umso grĂ¶ĂŸer.

Ob Maranello, MurciĂ©lago oder Dodge Viper: Diesen Kalibern nĂ€hert man sich mit einer Ehrfurcht, die man einem schnöden Golf in der Regel nicht entgegenbringt. Erst recht nicht, wenn er so harmlos aussieht wie dieser. Rot ist er zwar, aber sonst? Okay, die Reifen sind ein wenig breiter als beim Serien-R32, durch die 19-Zoll-RĂ€der schimmern Porsche-BremssĂ€ttel, und das Cockpit ist mit rattenscharfen Recaro-Rennschalen möbliert. Doch erst nach dem Öffnen der Haube dĂ€mmert es auch dem Laien, dass hier kein normaler Golf-Sport geboten wird: Fette blaue SchlĂ€uche ringeln sich um den Sechszylinder und umklammern ihn wie eine WĂŒrgeschlange ihre Beute. Nur: Im Unterschied zur WĂŒrgeschlange bewirkt das bunte GewĂŒrm hier das Gegenteil. Denn HGP-Chef Martin GrĂ€f (38) verdient seine Brötchen nicht mit dem AbwĂŒrgen, sondern mit dem Aufblasen von Motoren.

In diesem Fall hat er es aber gehörig ĂŒbertrieben. Könnte man meinen. Denn ein Golf, der leistungsmĂ€ĂŸig einen Maranello in die Ecke stellt – das ist nicht nur der Gipfel, das ist unfassbar. HĂ€tte irgendjemand gewollt, dass ein Golf ĂŒber 543 PS verfĂŒgt – er hĂ€tte ihm einen lĂ€ngeren Radstand und einen schlankeren Körper geschenkt. Andererseits hat das auch seinen Reiz: Nie zuvor waren so viele PS so unverdĂ€chtig verpackt.

Schneller als ein Ferrari 575M

Der wahre Ernst der Lage manifestiert sich erst nach dem Einsteigen: Die Recaros umklammern die rĂŒckwĂ€rtigen Körperteile wie eine zweite Haut. Komfort ist nicht ihre StĂ€rke, doch danach fragt ja auch keiner. Worum es hier geht, steht im Kleingedruckten. Auf der Tachoskala beispielsweise, die erst bei 360 endet. Das lesen wir nicht alle Tage. Und was nach dem Anlassen ertönt, klingt ebenfalls nicht alltĂ€glich: Ein dumpfes, fast schon obszönes Blubbern entringt sich dem Auspuff und wird zu einem heiseren Dröhnen, sobald der Gasfuß nur kurz zutritt.

Schade nur, dass die Kupplung nicht geht. Das heißt: Sie geht schon, aber wie! Zum Durchtreten braucht es eine sehr stramme Wade, denn hier hat Martin GrĂ€f eine Sachs- Rennkupplung installiert. Aus gutem Grund, wie sich schnell herausstellt: Denn die beiden mit maximal 1,35 Bar operierenden Lader setzen den ansonsten serienmĂ€ĂŸigen Sechszylinder derart unter Druck, dass der Besatzung Hören und Sehen vergeht. Schon bei 3600 Touren liegt das maximale Drehmoment von sagenhaften 720 Newtonmetern an – und schon nach 3,9 Sekunden kreuzt die Tachonadel die 100er-Marke. Da muss auch ein Maranello passen, und selbst ein Carrera GT hat alle MĂŒhe, hier mitzuhalten.

Keine Frage: Das ist kein Golf mehr, sondern ein Wolf. Ein bitterböse knurrender, auf Kommando gnadenlos zubeißender. Und damit das Untier auch morgen noch kraftvoll hinlangen kann, hat Martin GrĂ€f dem Motor zwei Ladeluft- sowie einen ÖlkĂŒhler und dem Ă€ußerlich serienmĂ€ĂŸigen Getriebe ein entsprechendes Gebiss verpasst: Eine VerstĂ€rkung der GangrĂ€der hĂ€lt den auftretenden KrĂ€ften problemlos stand, beeintrĂ€chtigt aber nicht den Schaltkomfort.

GrĂ¶ĂŸere Abstriche dagegen sind beim Fahrwerk zu verbuchen: Die Federn und DĂ€mpfer von KW senken nicht nur die Karosserie um 25 Millimeter ab, sondern reduzieren auch das Federungsvermögen erheblich.

Die Grenzen des Tunings sind erreicht

Die fahrdynamischen Auswirkungen der Umbaumaßnahme halten sich jedoch in Grenzen. Selbst die hĂ€rtesten Federn und die breitesten RĂ€der können die Probleme aus hohem Schwerpunkt und kurzem Radstand nur bedingt lösen. Was nicht heißen soll, dass der böse Golf schlecht um die Ecken kommt. Vor allem an Traktion mangelt es ihm dank des serienmĂ€ĂŸigen Allradantriebs nicht. Aber er bleibt nun mal ein Golf, und das zeigt sich in Ermangelung einer entsprechenden Aerodynamik bei hohen Geschwindigkeiten auf der Autobahn ebenso wie im Kurvenlabyrinth des Motoparks Oschersleben, wo sich selbst ein rund 170 PS schwĂ€cherer 911 GT3 noch um einen Hauch schneller erweist.

Als Porsche-like dagegen erweisen sich die Bremsen: Stand- und bissfest verzögern sie, dass es einem fast die Augen aus den Höhlen zieht. Und das ist auch gut so bei einem Auto, das mit einem Leistungsgewicht von deutlich weniger als drei Kilo pro PS und einer Höchstgeschwindigkeit von mehr als 300 km/h auf die Menschheit losgelassen wird.

Wer angesichts der brachialen Leistungswerte des HGP-Aggregats jedoch befĂŒrchtet, beim Tanken entsprechend zur Kasse gebeten zu werden, wird angenehm enttĂ€uscht: FĂŒr seinen Testverbrauch von 14 Litern muss sich der Wolf im Golfpelz nicht schĂ€men – so viele Pferde fressen gemeinhin deutlich mehr. Und wollen auch im Einkauf normalerweise deutlich teurer bezahlt werden.

Selbst gemessen am 105.000 Euro teuren Dodge Viper SRT, der gĂŒnstigsten Alternative im 500-PS-Club, nimmt sich der rund 30.000 Euro billigere HGP-Golf noch wie ein SchnĂ€ppchen aus. In Kauf nehmen muss man allerdings, dass nur die Kenner registrieren, wie faustdick es dieser VW unter der Haube hat. Und dass die mit 250 ĂŒber die Autobahn zuckelnden BMW-Fahrer immer erst ratlos in den RĂŒckspiegel starren, bevor sie endlich nach rechts gehen. Wenn ĂŒberhaupt ...

Fazit und Technische Daten

Ganz ehrlich: Einen Golf mit 543 PS hatten wir uns ganz anders vorgestellt: VerrĂŒckt, unfahrbar, eben ĂŒberflĂŒssig. Und um ehrlich zu bleiben: Ein wenig verrĂŒckt ist dieses Auto natĂŒrlich schon. Aber sehr, sehr gut gemacht: Wir ziehen den Hut vor Martin GrĂ€f. Dieser Golf lĂ€sst sich einfacher, besser und damit sicherer fahren als einer der elitĂ€ren Boliden aus Maranello oder Sant’ Agata. Fragt sich nur, wie lange die Hochdruck-Technik hĂ€lt. Doch auch da nimmt es Martin GrĂ€f mit der Konkurrenz auf: Ein Jahr Garantie ist bei ihm selbstverstĂ€ndlich.

Anzeige

Automarkt

Bei autohaus24.de Neuwagen gĂŒnstig kaufen und Geld sparen.

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.