HWA: Werksbesuch
Hinter diesen Türen entsteht der verrückteste Baby‑Benz aller Zeiten

1998 von Hans Werner Aufrecht gegründet, hat sich die Firma HWA vor allem im Motorsport einen Namen gemacht. Und dieses Know-how soll ab sofort in den Bau sportlicher Kleinserien fließen.
Bild: Toni Bader
- Phillip Tonne
Affalterbach, ländliche Idylle in Baden-Württemberg, keine 5000 Einwohner. Aus diesem Dorf heraus wurde der versammelten internationalen Motorsport-Konkurrenz in den letzten Jahrzehnten vor allem eines gelehrt: Verlieren! Legendäre DTM-Schlachten mit BMW, eindrucksvolle Siege in der Langstrecke, visionäre Einsätze in der Formel E.
Wir sind heute zu Gast in den bis vor wenigen Monaten tatsächlich noch geheimen Hallen von HWA, wo Projekte meist vertraulich und die jeweiligen Aufträge streng geschützt waren. Die Öffentlichkeit hatte keinerlei Optionen, hinter die Kulissen zu schauen. Es gab sogar Mitarbeiter, die jahrzehntelang hier geschafft und die Arbeitsräume ihrer Kollegen trotzdem nie betreten haben. Umso dankbarer sind wir für diese Gelegenheit, einmal hinter die Kulissen sehen zu können.

Bereits entlackt wartet diese Rohkarosse auf den "Feinschnitt" – so heißt die Phase vor der Applikation der Carbon-Elemente.
Bild: Toni Bader
Es startet erwartungsgemäß sportlich. Sofort geht es zum Kern des Evo: der Rohkarosse des W 201, der seit seiner Markteinführung umgangssprachlich liebevoll Baby-Benz genannt wird. Seine Transformation zum Supersportwagen beginnt zunächst mit drei Schritten: Zerlegung, Entlackung und Vorbereitung für den "Feinschnitt", wie auf dem Foto oben gut zu sehen ist. Darauf folgen die nächsten Umbauten, Einpassung des Überrollkäfigs, Hochzeit mit dem Antrieb samt Transaxle-Getriebe und der Verbau des je nach Kundenwunsch angefertigten Interieurs. Pro Fahrzeug dauert es rund eine Woche, bis es fahrfertig auf seinen eigenen vier Rädern steht. Bis es dazu kommt, arbeiten jedoch zahlreiche Abteilungen parallel miteinander.
Der V6 als Herzstück des Evo
Nächster Raum, vor uns steht eine Palette mit einem kompakten V6, intern M276 genannt. An diesem werden von HWA zwei geänderte Turbolader verbaut, um dem internen Leistungsanspruch des Evo gerecht zu werden. Die bürokratischen Hürden, die bei der Neuauflage eines solchen Fahrzeugs zu erfüllen sind, lassen sich in ihrem gesamten Umfang kaum darlegen. Und selbst wenn, würde es Sie höchstwahrscheinlich eher langweilen als begeistern. Nur so viel: Man muss es schon wirklich wollen, ein solches Projekt erfolgreich zu stemmen. Denn die Widerstände sind grotesk.

CTO Gordian von Schöning erläutert die Gründe für die Wahl des kompakten V6 mit drei Liter Hubraum.
Bild: Toni Bader
Wir betreten den nächsten Raum, hier wird ein weiteres Mosaiksteinchen der zahlreichen HWA-Projekte sichtbar: der Aufbau eines Zwölfzylinders mit sechs Liter Hubraum und einer Literleistung von 150 PS. Sie möchten nicht rechnen? 900 PS. Der Kunde? Kein Geringerer als Horacio Pagani, dessen Einzelstücke nun ebenfalls für sich sprechen.
HWA und seine "Hidden Champions"
Und dieser ist bei Weitem nicht der einzige Kunde von HWA. Gordian von Schöning nennt die exklusiven Entwicklungen hinter den Kulissen "Hidden Champions" – versteckte Gewinner. Und von diesen gibt es weit mehr, als man für gemeinhin meinen würde. An dieser Stelle empfehlen wir Ihnen wärmstens einen Besuch auf der Webseite von HWA, wo ebendiese Champions beim Namen genannt werden. Jede Wette: Sie werden überrascht sein, wie vielschichtig dieser vermeintlich kleine Betrieb auf ingeniös höchster Ebene aufgestellt ist. Preziosen wie der bildschöne De Tomaso P72, radikale Tracktools wie der Apollo IE, rollende Räume wie der Knaus E.Power Drive oder auch so exotische Sonderlinge wie der Zedu-1, seines Zeichens das im Fahrbetrieb umweltfreundlichste Fahrzeug der Welt! Die Bandbreite, die hier abgedeckt wird, ist wirklich nur schwer zu fassen.
Während unserer "Room Tour" passieren wir meterlange, mannshohe Vitrinen, die mit Hunderten von Pokalen und Trophäen gefüllt sind. Immer wieder werden wir zwischendurch an die äußerst erfolgreiche Historie von AMG und HWA erinnert. Wäre man arg, könnte man es als Angeberei betrachten. Doch wenn man so unglaublich viel gewonnen hat, muss man die Auszeichnungen ja auch irgendwo lagern. Das hält die Motivation der Mitarbeiter hoch.

Keine Umschweife, direkte Ansagen: Hans Werner Aufrecht schildert seine Bedenken zu Beginn des Evo-Projekts.
Bild: Toni Bader
Während wir mit Gordian von Schöning bereits am nächsten Auftragsprojekt stehen und uns über Entwicklungsprozesse austauschen, kommt plötzlich der Mann vorbei, der von 1967 an alles aufgebaut hat: Hans Werner Aufrecht. Jener Mann, den ich damals im Fernsehen beobachtet habe, wie er vom Kommandostand strengen Blickes seiner Crew beim Boxenstopp zusah. Das war schon am Bildschirm äußerst respekteinflößend. Nun erfahren wir im Wortsinne aus erster Hand, wie die Vergangenheit den Nährboden für die Zukunft bildet.
Aufrecht spricht Klartext
Und Herr Aufrecht spricht Klartext, kein politisches Geschwurbel. Klare Fakten und Bedenken, die es bei der Realisierung des Evo gab. Eine mutige Entscheidung sei es gewesen, ein derart aufwendiges Projekt zu initiieren. Im intensiven Austausch – und intensiv glaube ich unbesehen – habe er der nächsten Generation vertraut und grünes Licht gegeben. In dem Moment erscheint es mir surreal, so ganz nebenbei mit Herrn Aufrecht sprechen zu können. Insbesondere vor seinem Hintergrund. Wenn man von Handschrift eines Unternehmens sprechen will, so hat er die HWA-DNA quasi mit dem Füllfederhalter skizziert. Und es zeugt von allergrößter Hochachtung, wenn solch ein Mensch mit solch einer Vita den "Jüngeren" sein Vertrauen ausspricht.
Als wäre dies an Eindrücken nicht schon genug, erscheint plötzlich Martin Marx. Bei HWA war er zunächst als Renningenieur und technischer Leiter im GT-Kundensport sowie in der DTM tätig. Nun ist er Vorstandsvorsitzender der HWA und der Mann für die Zahlen im Hause. Denn so begehrlich die Projekte sein mögen, so seriös müssen sie kalkuliert werden, um zunächst die in Summe rund 300 Mitarbeiter und anschließend auch die Aktionäre zu bedienen. Aus seiner Sicht geschildert, wird auf einmal deutlich, wie extrem komplex ein solches Vorhaben wie der Evo wirtschaftlich ist. Die stete Suche nach der finanziellen Balance, er untermauert sie mit Zahlen.

Hier warten die zerpflückten Wracks auf ihre Auferstehung als Sportwagen – wenn Blech sprechen könnte …
Bild: Toni Bader
Dass er jedoch noch immer im Herzen Motorsport liebt und lebt, macht die folgende Aussage an einem der Prüfstände deutlich: "Ich erkenne die Rennstrecke, die die Jungs auf dem Prüfstand fahren, sofort am Auspuffgeräusch! Jede! Selbst wenn ich oben im Büro sitze und das Fenster geöffnet ist." Eine Wette wage ich nicht mit ihm einzugehen, zu überzeugend ist der Blick bei dieser Aussage gewesen.
Finaler Blick in die Evo-Zukunft
Wir schließen unseren Rundgang durch die vielen Hallen, in denen teilweise so viele rennbereite AMG-GT3-Derivate stehen wie bei anderen Kerzenlichter auf der Fensterbank in der Adventszeit. Unten im Keller angekommen, schweift unser Blick über ein gutes Dutzend zerlegter 201er-Karossen. Zig ausgebaute Türen, alle vorbereitet, ihr zweites Leben als Evo zu starten.

Halle an Halle gereiht: Die Infrastruktur von HWA umfasst alle Bereiche des Automobilbaus, inklusive hauseigener Lackiererei und Folierung.
Bild: Toni Bader
Und spontan verabreden wir uns hier zu einer gemeinsamen Reise der besonderen Art: Gordian, Martin und ich fliegen entweder nach Marokko oder Istanbul. Das muss noch geklärt werden. Fest steht bereits, dass wir dort einen 190er aufgreifen, um im Bestfall noch auf Achse nach Affalterbach zurückzukehren. Ein Bosporus-Diesel in der Metamorphose zum Evo. Und das von Anfang an vollumfänglich dokumentiert. Ein einzigartiges Stück Automobilgeschichte, das stellvertretend stünde für den heutigen Werdegang von HWA. Ein Unternehmen, ganz im Zeichen der automobilen Auferstehung.
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