Fahren wir bald alle elektrisch? Abwarten! Erst mal stromern drei AUTO BILD-Männer drauflos. Denn es wird ernst: Jaguar I-Pace im ersten Test. Chefredakteur Tom Drechsler, sein Vize Stefan Voswinkel und Testchef Andreas May erzählen, wie sie den Elektro-Jag erlebt haben. Und ob sie elektrisiert sind.

Beim Anschaffungspreis tut der i-Pace richtig weh

Jaguar -Pace
Teuer: Jaguar berechnet für den I-Pace mindestens 77.850 Euro, der Testwagen lag sogar bei 102.410 Euro.
 Andreas May (47): Pace kommt aus dem Englischen und steht für Schnelligkeit. "Die Pace war hoch", heißt es im Pferderennsport. Meine Pace liegt heute bei 110 km/h, Gegner sind die Brummis auf der rechten Autobahnspur. Große Pferde, aber lahme. Mein Pferd heißt Jaguar I-Pace, ein Elektro-Crossover in der 80.000-Euro-Liga, autsch! Chef Tom hat befohlen: "Du machst mal einen Tag Homeoffice in deiner Heimat Ziegenhain." 375 Kilometer von Hamburg nach Hessen elektrisch, schönen Dank auch. Der Akku zeigt 349 Kilometer Reichweite an. Also: Theoretisch müsste ich an der A-7-Abfahrt Homberg/Efze aussteigen und schieben. Daher erst mal in den Eco-Modus schalten, geht ganz einfach per Knopfdruck auf der Konsole. Überhaupt: alles total easy in diesem Jag, links vier Knöpfe für die Fahrstufen, darüber das Touchscreen-Navi. Nach kurzer Eingewöhnung hast du dich schnell eingefuchst, du siehst auf dem Navi alle Ladestationen an der Route, ob sie schnell oder mittelschnell laden erst im Untermenü.

Langstrecke dauert mit dem E-Auto länger

Jaguar I-Pace
Mehr Saft: Strom für 120 Kilometer ist in einer halben Stunde nachgetankt – das muss man einplanen.
Mit rohem Ei auf dem Gaspedal über die A7, in Rhüden im Harz erster Halt. Nach 225 Kilometern wäre eh Gassi-Stopp, hinten im Auto sitzt Labrador-Dame Bella und muss mal. Doof nur: Durchschnittstempo 85 km/h, bei 120 Sachen geht die Restreichweite schneller runter als das Bier im Sommer. An der Ladestation im Harz zeigt die Batterie um 16.45 Uhr 39 Prozent an, Restreichweite 132 Kilometer. Nach Gassirunde und Kaffee ist es 17.19 Uhr, also 34 Minuten später. Der Akku steht bei 74 Prozent und 251 Kilometern. Reicht für die restlichen 150 Kilometer. Und der "I" kann sogar noch ein bisschen Pace machen. Mit 26 Prozent und 76 Kilometer Restreichweite kommt er an. Nach fünfeinhalb Stunden. Mit einem Diesel sind es zwei Stunden weniger. Könnten aber auch ein, zwei Knöllchen mehr sein, die Rennleitung an der A 49 blitzt auch nachts.
Ach ja, das Laden, die Kosten. In Ziegenhain habe ich den Akku in 58 Minuten wieder auf 80 Prozent geladen, von 76 auf 264 Kilometer. Die Kilowattstunde (kWh) kostet 37 Cent, macht bei 42,8 kWh genau 15,84 Euro. Für 188 Kilometer. Dass ein E-Auto günstig fährt, hat niemand behauptet. Die Anschaffung ist es ja auch nicht.

Im Elektro-Jaguar steckt viel dynamisches Talent

Jaguar I-Pace
Das macht Laune: Die Beschleunigung des E-Jag ist klasse, in Kurven liegt er satt und sicher.
 Tom Drechsler (54): Als ich Freitagabend in den I-Pace steige, dessen Crossover-Form mir übrigens sehr gut gefällt, zeigte er 401 km Reichweite an. Warum so viel? Tiefgarage, 21 Grad. Draußen bei 8 Grad gebe ich das Ziel ein: Potsdam, 283 km. Das Navi sagt: Sie können Ihr Ziel nur mit einem Ladestopp erreichen. Warum? Wenn’s kalt ist und dunkel, suppt die Reichweite weg. Ich denke: Das wollen wir doch mal sehen. Als ich nach der Stadtgrenze und etwa 15 Kilometern schon 50 Kilometer Reichweite verloren habe, schalte ich die Klimaanlage aus, dimme die Ambientebeleuchtung (Fahrlicht riskiere ich lieber nicht) herunter. Dann lerne ich: Bei 95 bis 105 km/h schaffe ich schneller einen Kilometer zum Ziel, als dass ich einen an Reichweite verliere. Okay: Ich brauche nicht zweieinhalb, sondern dreieinhalb Stunden, aber ich komme ohne Zwischenstopp an. Mit 34 Kilometer Restreichweite. Waschküchenfenster auf Kipp, Kabel durch, Strom an. 38 Stunden Ladezeit zeigt mein iPace an. Meine Frau sagt: Das Fenster bleibt jetzt aber nicht das ganze Wochenende offen, oder? Ich so: nee, nee.
Nächster Tag, alle drei Kinder rein, 37 Prozent geladen, Rundtour. Ehefrau fährt und lernt: Rekuperation? Macht den Bremsfuß überflüssig. Beschleunigung? Einfach klasse. Platz und Anmutung? Richtig schick. Kurvenlage? Sportliches Spaß-Kunststück (klar, bei den Batterien im Boden). Dann wieder laden, laden, laden. Ich google: Wie geht Stromtankstelle für zu Hause? Stoße auf nur einen AUTO BILD-Artikel. Das muss mehr werden. Montags schaffe ich die 283 Kilometer wieder in dreieinhalb Stunden, diesmal sogar mit 60 Kilometer Restreichweite. Und mich hat kein Lkw überholt. Sauber! Noch eine Erkenntnis: zumindest auf der Autobahn ist ein E-Auto nicht leiser.
Was Stefan Voswinkel mit dem i-Pace erlebt hat, erfahren Sie in der Bildergalerie.

Fazit

Lange haben wir auf die europäischen Tesla-Gegner gewartet, der Jaguar ist der erste. Und überzeugt auf ganzer Linie mit einem "Haben wollen"-Gefühl. Das ist echt Premium-Verarbeitung! Auch Langstrecke ist kein Thema mehr. Das ist aber a) teuer und b) passt nicht in jeden Alltag.
AUTO BILD-Testnote: 2

Von

Stefan Voswinkel