Die größte Watsche fängt sich der Cayenne gleich zu Beginn ein. Hier, auf dem gern zitierten Supermarktparkplatz, umringt von Schaulustigen, ist er dem Jeep hoffnungslos ausgeliefert. Der Großmeister der Großdynamik, in den Schatten gestellt von einem 2,5-Tonnen-Kantholz, das nichts so gut beherrscht wie die große Show. Da hilft kein Torque Vectoring, keine Bremskeramik und auch nicht das höchst eindrucksvolle Beladungsniveau, das den Cayenne in bester Lowrider-Manier auf Bordsteinkantenhöhe absenkt. Im Beisein des Cherokee verkommt all diese ingeniöse Pracht zur unbedeutenden Nebensache.
Jeep Grand Cherokee SRT
Trotz der tendenziell hecklastigen Kraftverteilung bekommt der Jeep seinen Hintern nicht immer herum.
Jeep Grand Cherokee SRT Wobei man der Fairness halber erwähnen sollte, dass dem Jeep nichts wichtiger sein dürfte als eben jene Selfie-Wertung. Er ist die amerikanische Interpretation der Gattung Power-SUV. Ein vollends entarteter Allradkoloss, der einen Großteil seiner erblichen Anlagen geopfert hat, um mit Schürzen und Hemi-V8 einen auf dicke Pose zu machen. Vom eigentlichen Geländewagen, der in seinen zivileren Geschwistern schlummert, ist dabei kaum noch etwas übrig geblieben. Bodenfreiheit? Sehr bescheiden! Böschungswinkel? Mickrig! Verschränkung? Unerwünscht! Allrad ohne Sperren, Getriebe ohne Untersetzung; dafür drei verschiedene Performance-Modi nebst manuell anwählbarer Launch Control. Die Schallquellen sitzen nun seitlich, sodass sich das kastige Schwergewicht bei Bedarf zum Drei-Tonnen-Schlepper mausern kann.
Porsche Cayenne Turbo
Selbst im Sandkasten turnt der Cayenne herum, als sei er der Leichtbaufraktion entsprungen.
Porsche Cayenne Turbo Durchaus amtlich, wäre da nicht dieser Cayenne, der nochmals 500 Kilo mehr an den Haken nehmen darf, und nun, da er sich endlich vom Parkplatz mogeln konnte, auch in allen weiteren Belangen dominiert. Sei es in Form seiner Einrichtung, die sich fast noch tastenlastiger auffächert als das Jeep-Mobiliar, dafür aber eine klare Struktur verfolgt und dabei so solide wie hochwertig gezimmert wurde. Oder in der täglichen Handhabung, die aufgrund Servolenkung Plus, vergleichsweise guter Übersicht und der perfekten Ergonomie so unproblematisch verläuft, dass man fast meinen könnte, eine Klasse kompakter unterwegs zu sein.

Achsenverschränkung außer Konkurrenz

Oder eben in seinem Einsatzspektrum, das er so mühelos wie kein Zweiter von Innenstadt über Autobahn bis hin zu Rennstrecke und Kiesgrube spannt. Der Witz dabei: Das, was sich der 2,25-Tonner zum Wohle der Rundenzeit unters Blech packt, hilft ihm meist auch in anderen Bereichen des Lebens. Beispiel: die Luftfederung mit der bereits angedeuteten Niveauregulierung. Sie bügelt Fräskanten je nach Gusto soft oder formgenau ins 18-Wege-Gestühl, offeriert drei verschiedene Fahrzeughöhen und fährt die Karosserie zum Beladen kurzerhand auf Golf-Niveau herunter. Oder die aktiven Stabilisatoren, die den Kasten selbst bei höchster Fliehkraft in der Waagerechten halten, sich im Gelände aber auch ganz entspannt ausklinken können, was dem Cayenne eine Achsverschränkung ermöglicht, von der Mercedes ML, VW Touareg und Co. nur träumen können.

Bildergalerie

Jeep Grand Cherokee SRT Porsche Cayenne Turbo
Porsche Cayenne Turbo weiß Frontansicht
Jeep Grand Cherokee SRT weiß Frontansicht
Kamera
Jeep/Porsche: Geländewagen-Vergleich

Fazit

von

Manuel Iglisch
Zugegeben, einen mit allen Fahrdynamikextras bewaffneten Cayenne Turbo auf den Grand Cherokee SRT loszulassen, ist in etwa so, als würde man Parksünder mit der Anti-Terror-Einheit jagen. Am Ende fördert der Vergleich jedoch auch zwei echte Erkenntnisse zutage. Erstens: dass sich hinter einem doppelt so hohen Preis manchmal eben auch ein doppelt so gutes Auto verbirgt. Und zweitens: dass sich Charakter nicht konstruieren lässt, sondern immer entfalten muss. Und dazu ist ein dicker Hemi im coolen Umfeld noch immer bestens geeignet!

Von

Manuel Iglisch