JiYue1 von Geely: Chinas smartestes SUV
So fährt Chinas Google-Auto

Das kommt dabei raus, wenn sich eine PS-Gigant und eine Tec-Größe zusammentun: Der JiYue1 von Geely und Baidu ist das vielleicht smarteste SUV auf Chinas Straßen.
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
Das kennen zumindest die Älteren unter uns noch von Knight Rider und seinem "K.I.T.T." oder "Herbie", dem Kino-Käfer: Kaum nähert man sich seinem Auto, wird man mit freundlichen Worten begrüßt und ein Satz genügt, schon schwingen einem die Türen entgegen.
Doch das hier ist weder Film noch Fernsehen, sondern das echte Leben. Zumindest für die Chinesen. Denn die können seit dem letzten Herbst ein Auto kaufen, das "K.I.T.T." und Hernie schon ganz schön nahekommt. JiYue 01 heißt das ausgesprochen schnittige SUV im Format von Model X und Mercedes EQE, das im Preis aber eher mit einem Einstieg von umgerechnet knapp 30.000 Euro auf dem Niveau von ID4 und Model Y liegt und nicht umsonst den Beinamen Robocar trägt.
JiYue 01: Baby von Geely und Baidu
Denn es ist das erste Kind aus dem 400 Millionen Dollar schweren Joint-Venture des Auto-Giganten Geely und des Tech-Titanen Baidu, der als die chinesische Antwort auf Google gilt. Doch während Google sich zumindest bislang damit beschieden hat, sein Betriebssystem zum Beispiel an Renault oder Volvo (ebenfalls eine Geely-Tochter) zu verkaufen, haben die Chinesen sich gleich in eine eigene Autofirma gegründet und die Nummer – mal wieder – ein bisschen größer aufgezogen.

Der JiYue1 von Geely und Baidu ist das vielleicht smarteste SUV auf Chinas Straßen.
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
Deshalb ist die Sprachsteuerung für die Türen auch nur der kleinste Teil der Knight-Rider-Realität. Dass "Simo", so heißt der nach Science-Fiction-Pabst Isaac Asimov benannte Digital-Assistent auf Basis von Baidus Chat-GPT-Pendant Ernie Bot, auf Zuruf jenes Fenster öffnet, dass der Fahrer gerade angeschaut hat, ist nicht viel mehr wert als ein Augenzwinkern.
Selbst wenn er dabei vorher auch noch das Wetter checkt und vor dem Regen warnt. Und natürlich kann man auf dem Display, das sich fast auf der gesamten Fahrzeugbreite schlank und freistehend über das Cockpit spannt, die neuesten Videospiele zocken, fernsehen oder im Internet surfen. Wozu schließlich haben sie hier erstmals im Auto einen Qualcomm Snapdragon 8295 Prozessor verbaut.
Sondern was den inYue1wirklich ausmacht, das ist sein "Robo Drive Max", der vom Nvidia Drive Ori-Chip bis zu den elf HD-Kameras alles mitbringt, was es zum autonomen Fahren braucht, und als monatlicher Dienst abonniert werden kann. Für die ersten paar tausend Kunden sogar kostenlos.

Die Point-to-Point-Navigation Robo Drive Max kämpft sich durch das Gewusel im urbanen Dschungel, während der Fahrer die Hände in den Schoß legt.
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
Noch trauen sich zwar auch die Chinesen die Level 3 und 4, bei denen der Fahrer aus der Verantwortung genommen oder gar nicht mehr gebraucht wird, nur auf dem Testgelände. Doch was sie im Alltag freischalten, geht weiter als Teslas Full Self Driving und lässt Systeme, wie wir sie bei uns in der Mercedes E-Klasse oder dem Fünfer BMW nutzen dürfen, nach Steinzeit aussehen. Denn statt dem Fahrer nur auf der Autobahn die Arbeit abzunehmen und dort natürlich ebenfalls auf Zuruf zum Beispiel automatisch die Spur zu wechseln, chauffiert Chinas Google-Auto seine Passagiere auch freihändig durch die Stadt.
Robo Dive Max
Bislang in Peking, Shanghai und Hangzhou und schon bald in 200 weitere Millionen-Metropolen beherrscht Robo Drive Max die so genannte Point-to-Point-Navigation und kämpft sich durch das Gewusel im urbanen Dschungel, während der Fahrer die Hände in den Schoß legt. Hoch auflösende Grafiken auf dem wie ein Wimmelbild gefüllten Display zeigen, wie der Robo Driver Bäume und Bauwerke erkennt und jeden anderen Verkehrsteilnehmer, der hier kreuz und quer zu Fuß, auf zwei oder vier Rädern über die Straße schießt.
Und während die Elektronik im Hintergrund alle denkbaren Bewegungsprofile berechnet, sucht sich das SUV überraschend flüssig seinen Weg durch dieses Chaos, lässt ein paar andere Autos einscheren, ohne sich gar vollends ausbremsen zu lassen, kurvt lässig um die kleinen Lieferdreiräder der Straßenhändler herum, zählt an der roten Ampel die Sekunden herunter und biegt völlig ungerührt vom Gegenverkehr sogar flüssig nach links ab. Da verliert dann selbst das Chaos einer fremden Großstadt seinen Schrecken. Ach ja: Und alleine ein- und ausparken kann der 01 natürlich auch. Und zwar auf Zuruf.

Den JiYue 01 gibt es erst einmal nur in China.
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
Während Geely und Baidu damit bei der Elektronik neue Maßstäbe setzen, liefern sie beim Maschinenbau immerhin gehobenen Durchschnitt: Natürlich steht das SUV auf einer Skateboard-Plattform mit entsprechend viel Platz auf allen Plätzen. Im Boden stecken Akkus mit 71,2 oder 100 kWh für bis zu 720 chinesische Norm-Kilometer, die mit bestenfalls 240 kW geladen werden und dann in weniger als 30 Minuten von 10 auf 80 Prozent kommen. Sie speisen wahlweise einen 272 PS starken E-Motor an der Hinterachse oder je einen Magnetläufer pro Achse mit zusammen dann 544 PS und soliden Fahrleistungen: Von 0 auf 100 beschleunigt der 01 damit in 3,8 Sekunden und zumindest in der Theorie schafft er 200 Sachen.
Aber ganz ehrlich: So schnell möchte man damit ganz sicher nicht fahren. Erstens, weil das Fahrwerk noch ein bisschen Feinschliff vertragen könnte, die Reifen etwas mehr Grip und die Bremsen ein bisschen mehr biss. Und zweitens, weil das Yoke-Lenkrad halt doch irgendwie ein Joke ist. Ja, mein chinesischer Begleiter ist froh, dass er den Wagen sogar mit dem kleinen Finger lenken kann und den nur oben auf Horn legen muss. Aber bei meiner Testfahrt auf einem geschlossenen Kurs mit engen Kehren greife ich für meinen Geschmack viel zu oft ins Leere. Und ein Elchtest-Manöver bei Autobahn-Tempo möchte ich mir mit diesem Lenkrad lieber auch nicht vorstellen.
Den JiYue 01 gibt's nur in China
Vielleicht ist es also gar kein Schaden, dass man in China ohnehin nirgends schneller als Tempo 120 fahren darf. Und woanders wird es den JiYue 01 erst mal nicht geben. Weil er nicht nur die künstliche Intelligenz von Baidu braucht, die Sensoren und die Software, sondern auch die extrem präzisen Baidu-Karten, ist ihm der Weg ins Ausland vorläufig verschlossen.
Für uns Deutsche ist das Fluch und Segen zugleich. Ein Segen, weil das Marken wir Mercedes oder BMW zumindest in der Illusion lässt, sie könnten beim hoch assistierten Fahren noch vorne mitmischen. Und ein Fluch, weil wir dann doch weiter Knight Rider oder Herbie schauen müssen, wenn wir von unserem Auto so zuvorkommend behandelt werden wollen.
Fazit
Vergessen wir mal Antrieb und Abstimmung. Da ist der JiYue 001 ein E-SUV wie so viele andere auch. Aber was Baidu da mit dem Robo Drive programmiert hat, sprengt vielfach die Vorstellung. Während wir uns so gaanz gaanz langsam an den Autopiloten für die Autobahn heran tasten, chauffieren uns die Chinesen schon munter durch die Stadt. Vielleicht nicht ganz so fein geschliffen und ausgereift, wie Mercedes es machen würde. Aber dafür nicht erst übermorgen, sondern heute.
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