Man muss schon über vierzig Jahre zurückblicken, um den technologisch heftigen Sprung vom legendären Countach zum Diablo nachvollziehen zu können.
Der Countach, gefühlt in jedem Kinderzimmer jener Zeit als Poster an der Wand, war ein Auto, das sich genau diametral entgegengesetzt zu seinem Aussehen fahren ließ: richtig mies! Mit 16 Jahren Produktionszeit war er am Ende rein fahrdynamisch regelrecht aus seiner Zeit gefallen.
Um weiter als Sportwagenhersteller ernst genommen zu werden, beschloss Lamborghini daher das Projekt 132 – den Diablo. Die Anforderung war klar: Kein anderes Fahrzeug auf der Welt sollte dem Diablo in Sachen Höchstgeschwindigkeit die Stirn bieten können.
Lamborghini Diablo 6.0 SE: Fahrbericht
Die Plakette zeigt es: Der Letzte seiner Art – nur 42 Exemplare des 6.0 SE wurden gebaut.
Bild: Coco Beutelstahl
Der Diablo trat ein schweres Erbe an, denn die Strahlkraft des Countach hatte zuvor alles übertroffen. Dann folgte im Jahr 1990 die Präsentation. Marcello Gandini, der Vater des Countach, zeichnete sprichwörtlich auch für den Diablo verantwortlich. Der Zwölfzylinder leistete anfangs 492 PS bei 5,7 Liter Hubraum. Ab 1993 wurde erstmals ein VT (Viscous Traction) genannter Allradantrieb angeboten. Ab 1997 wuchs der Hubraum auf 6,0 Liter, die Leistung kletterte auf bis zu 640 PS.

Diablo SE Nummer 42 von 42

Wir hatten die Gelegenheit, einen der letzten Diablo mit 549 PS starkem Sechsliter-V12 zu fahren – den Diablo SE (Special Edition). Und das hier auf diesen Seiten ist nicht irgendein SE, sondern die Nummer 42 von 42.
Im Beisein von Testfahrer Mario Fasanetto nehme ich in dem goldenen Kunstwerk Platz, starte den Motor und lege den ersten Gang ein. Oder besser: Ich versuche es zunächst. Aus dem Leerlauf heraus erweist sich das Getriebe nämlich als durchaus widerspenstig. Kenner wählen daher den Umweg über den zweiten Gang, von dem aus die erste Gasse deutlich williger einrastet.
Lamborghini Diablo 6.0 SE: Fahrbericht
Kinästhetik in Reinkultur, der Diablo ist ein Fest für die Sinne.
Bild: Coco Beutelstahl
Am Vorabend sprach Coco, die Fotografin, noch einen Wunsch aus. Sie würde das Auto gern zwischen Weinreben fotografieren. Enrico, der Verantwortliche für die Historik-Abteilung, telefonierte darauf kurz. So kurz das Telefonat auch war, die Überraschung später sollte umso größer sein. Wir starten, Blinker links, ab Richtung Norden – und kurz darauf bin ich im siebten Auto-Himmel.
Motorbauart/Aufladung 
V12 
Einbaulage 
hinten Mitte längs 
Hubraum 
5992 cm3 
Bohrung x Hub 
87,0 x 84,0 mm 
Verdichtung 
10,5:1 
Leistung bei 1/min 
404 kW (549 PS)/7100 
Literleistung 
92 PS/l 
Drehmoment bei 1/min 
620 Nm/5500 
Getriebe 
5-Gang manuell 
Antriebsart 
Allrad 
Reifengröße 
235/40 ZR 18 - 335/30 ZR 18 
Maße L/B/H 
4460/2040*/1100 mm 
Radstand 
2650 mm 
Leergewicht/Zuladung 
1625/200 kg 
Tank-/Kofferraumvolumen 
100/120 l 
0-100 km/h 
4,0 s 
Höchstgeschwindigkeit 
330 km/h 
Grundpreis 
285.000 € (2001)
Bereits nach wenigen Kilometern fällt auf, wie souverän der Zwölfzylinder die Leistung entfaltet, das Drehmoment im Drehzahlkeller wirkt beinahe surreal, maximal sind es 620 Nm. Doch zunächst geht es darum, den Diablo richtig warm zu fahren. Und das Fahren selbst ist exakt so, wie man(n) es sich früher immer vorgestellt hat: direkt, präzise, fordernd und fortwährend belohnend, auf jedem zurückgelegten Meter. Richtiges Autofahren mit spürbaren Bedienkräften und ehrlichem Draht zur Mechanik. Radio? Bleibt natürlich ausgeschaltet, aber es ist ein Alpine. Ehrensache.

Zwischen Weinreben und Rennsportgeschichten

Nachdem wir das Weingut erreicht und die ersten Fotos geschossen haben, kommt plötzlich ein kleiner Lieferwagen. Der Inhaber stellt sich kurz vor, und wir sprechen ein wenig, während Coco Details des 6.0 SE zwischen den Reben schießt. "Ja, ich habe auch viel mit Autos zu tun!", meint der Mann, der sich wenig später als Sergio Campana, italienischer Formel-3-Meister von 2011, entpuppt. "Kann man sich nicht ausdenken", murmele ich in mich hinein, während er davon erzählt, dass er am vergangenen Wochenende mit Kimi Antonelli und Valentino Rossi Kart gefahren sei. "In Rimini, da wohnt der Doktor!"
Lamborghini Diablo 6.0 SE: Fahrbericht
Mix aus Carbon, Leder und Aluminium im Innenraum – fünf Gänge, gut für mindestens 330 km/h. Mut sollte man haben.
Bild: Coco Beutelstahl
Einige Rennsport-Anekdoten und eine ausgiebige Werkstattführung später müssen wir auch schon wieder los. Und dank Enrico, der im aktuellen Urus vorweg fährt, habe ich einen verständnisvollen Vorausmann, der über mögliche Überraschungen vorab via Funk informiert.
Und da sich das Wetter weiter gebessert hat, erfahre ich nun, wie abartig der Diablo damals im Vergleich zur Konkurrenz gewesen sein muss. Sobald es die Straßen hergeben, lassen wir kleine Lücken zum Urus aufgehen. Zweiter Gang rein und: gib ihm! Dritter Gang, vierter Gang …

Ein Fest der Mechanik

Ohne Allradantrieb würde ich mich das auf den teils schmierigen Stellen wahrscheinlich nicht trauen. Auch wenn die meisten Sport-Diablo damals mit reinem Heckantrieb angeboten wurden. Dieses Klangerlebnis beim Ausdrehen, diese Rückmeldung in den Pedalen, das Schalten, es ist wirklich ein Technik-Fest.
Lamborghini Diablo 6.0 SE: Fahrbericht
Das Weingut La Piana diente uns als Kulisse, der Besitzer erzählt seine ganz eigene Geschichte (https://lapianawinery.com).
Bild: Coco Beutelstahl
Je näher ich dem Werk komme, umso mehr macht sich bei mir eine merkwürdige Timm-Thaler-Stimmung breit. Vielleicht sollte ich doch einfach umdrehen? Leider keine Option! Ich parke den Diablo vor dem Werk, Mario winkt mir noch einmal zu – ich habe einen Kloß im Hals. Ein unvergessliches Erlebnis. Grazie mille, Lamborghini!

Fazit

von Phillip Tonne
Von wegen lässig genippt: Der Diablo hat meine Erwartungen bei Weitem übertroffen. Die beißend elegante Form, der Klang des Zwölfzylinders, die heftigen Fahrleistungen. Die Engländer würden sagen: "What a machine!" Und das unterschreibe ich!