Feuer frei – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes! Beim Startvorgang verschluckt sich der Zwölfzylinder, trotz Gasstößen – und quittiert das mit einem lauten Knall. Spätestens jetzt sind alle wach.
An diesem Morgen bin ich mit einem Lamborghini LM002 unterwegs. Pünktlich zum 40. Jubiläum der Ikone haben die Italiener ein frühes Exemplar aus ihrer Sammlung geholt, das ich auch abseits befestigter Straßen bewegen darf – der LM002 ist schließlich kein weichgespültes SUV, sondern ein echter Geländewagen.
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Der Einstieg ist Lambo-untypisch – wie (fast) alles am LM002. Statt mich durch eine schmale Scherentür in einen Sportsitz fallen zu lassen, öffne ich eine konventionelle Tür mit außenliegenden Scharnieren über einen massiven Bügelgriff und klettere hinauf. Eine Gemeinsamkeit mit den Supersportwagen aus Sant'Agata Bolognese gibt es dann aber doch: die beengten Platzverhältnisse. Trotz zwei Metern Breite sitze ich eingequetscht zwischen Fahrertür und dem übergroßen Mitteltunnel – ähnlich wie im Hummer H1.

Die Geschichte mit dem Humvee

Und ohne den Hummer würde es den "Rambo-Lambo" genannten LM002 in dieser Form vermutlich gar nicht geben. Rückblick: Wir springen in die 1970er-Jahre, als man auf die Idee kam, einen Geländewagen für das US-Militär zu entwickeln, um Lamborghini wirtschaftlich wieder auf Kurs zu bringen. Die Ölkrise von 1973 und der Rückzug von Firmengründer Ferruccio Lamborghini hatten das Unternehmen in Schwierigkeiten gebracht – da kam die Ausschreibung des US-Militärs gerade recht. Auch wenn Lamborghini bis dato keinerlei Erfahrung mit Geländewagen hatte – wohl aber mit Traktoren –, machten sich die Italiener an die Arbeit.
AM General Humvee
Unter anderen Umständen wäre das US-Militär womöglich mit Lamborghini‑Geländewagen ausgerüstet worden – statt mit dem Humvee von AM General.
Bild: Werk

Der Lamborghini Cheetah

Das Ergebnis: das Cheetah Concept – eine Art XXL-Wüstenbuggy ohne Türen, aber mit einem 5,9-Liter-Chrysler-V8 im Heck und einer Karosserie aus Fiberglas. Mit 183 PS blieb die Performance allerdings hinter den Erwartungen zurück, und auch das Heckmotor-Layout erwies sich als unvorteilhaft. Am Ende ging der Auftrag an AM General – und damit an den später legendären Humvee.
Lamborghini Cheetah
Alles begann mit dem Lamborghini Cheetah, der noch einen Heck-/Mittelmotor besaß.
Bild: Automobili Lamborghini
Trotz der Insolvenz 1978 wurde die Idee eines Lamborghini fürs Gelände nicht verworfen – ein mutiger, aber revolutionärer Gedanke. Unter neuer Führung entstand 1981 der LM001, eine Weiterentwicklung des Cheetah – noch immer mit Ami-V8 im Heck. Nur ein Jahr später folgte der Prototyp LMA002. Die Bezeichnung ist schnell entschlüsselt: "LM" steht für "Lamborghini Militare", das "A" für "anteriore" (vorn). Statt des schwachen V8 bekam der Geländewagen den 4,8-Liter-V12 aus dem Countach – und wechselte vom Heck- zum Frontmotor.

Serienversion des LM002

Bis die Serienversion vorgestellt wurde, sollte es noch vier Jahre dauern – im Januar 1986 war es so weit: Der LM002 wurde auf der Brüssel Motor Show gezeigt und sorgte für ungläubiges Staunen weltweit. Was damals noch niemand ahnte: Er sollte der Urvater aller Performance-SUV werden – und zwar lange bevor der Begriff SUV überhaupt salonfähig wurde.

Der Urvater aller Performance-SUV

Heutzutage ist der Urus nicht mehr wegzudenken. Das 2017 eingeführte SSUV (so nennt Lamborghini ihn) ist der Verkaufsschlager aus Sant'Agata Bolognese. 2025 wurden weltweit 10.747 Lamborghini ausgeliefert, der Großteil davon entfiel auf den Urus.

Prominente Besitzer eines LM002

Vor 40 Jahren sah es anders aus – der revolutionäre LM002 war ein Nischenmobil für Wüsten-Scheichs und Prominente. Neben Hollywood-Star Sylvester Stallone (der auch für den Kosenamen Rambo-Lambo verantwortlich war) und Ex-Formel-1-Weltmeister Keke Rosberg besaß auch die Pop-Ikone Tina Turner einen der 301 gebauten LM002 (manche Quellen berichten von 328 Fahrzeugen), den sie für 150.000 DM auf Mercedes-Technik (Motor und Getriebe aus dem 500 E) umbauen ließ, weil ihr die Bedienkräfte zu hoch waren.
Und spätestens in dem Moment, als ich die Kupplung das erste Mal trete, weiß ich, was Tina meinte. In einem kilometerlangen Stau möchte ich mit dem LM002 lieber nicht stehen. Gut, dass ich den Rambo-Lambo heute auf dem Autodromo Riccardo Paletti in der Nähe von Parma und nicht auf der Autostrada erleben darf.
Streng genommen nicht auf, sondern neben der Strecke. Denn die Italiener dachten sich, dass der LM002 dort gefahren werden soll, wofür er konzipiert wurde. Und da spontan keine Wüste zu finden war, geht es eben in den Wald.
Für einen Geländewagen aus dieser Zeit ist das Interieur sehr luxuriös. Der LM002 war immer ein Viersitzer.
Bild: Automobili Lamborghini
Anfahren gelingt ohne Gas – 500 Nm Drehmoment sei Dank. Der etwas schnöde Plastikschaltknauf ragt aus einem Leder-Schaltsack hervor, der wiederum mit einer Lederschlaufe zugeknotet ist. Details, die zeigen, dass Lamborghini die Idee vom rustikalen Militär-Vehikel zu einem luxuriösen Geländewagen umstrickte. Der erste Gang der Fünfgang-Handschaltung von ZF ist unten links (Dogleg), was aus heutiger Sicht ungewohnt erscheinen mag, damals aber nicht unüblich war.

5,2-Liter-V12 aus dem Countach

Ich blicke nach vorne über das wunderschön schnörkellose Dreispeichen-Nardi-Lenkrad hinweg auf die gigantische Hutze auf der Haube. Ein nicht zu übersehenes Detail, an dem Experten erkennen, ob es sich um einen frühen oder späten LM002 handelt. Der Grund: Bis zur Serienreife des LM002 im Jahr 1986 hatten sie bei Lamborghini die nächste Evolutionsstufe des Countach, den LP 5000 S QV, präsentiert. Dessen V12 wurde auf 5167 cm³ aufgebohrt und soll 455 PS geleistet haben.
Auf diesem Foto ist die überdimensionale Hutze auf der Haube gut zu erkennen. Sie war nötig, um Platz für die sechs Weber-Doppelvergaser zu schaffen.
Bild: Automobili Lamborghini
Der perfekte Motor also für den knapp drei Tonnen schweren und 4,90 Meter langen LM002. Mit dem kleinen Unterschied, dass der V12 hier mit zwei obenliegenden Nockenwellen pro Zylinderbank als Frontmotor verbaut wurde. Und die Einbaulage brachte ein Problem mit sich: Die sechs Weber-Doppelvergaser bauen so hoch, dass der Powerdome auf der Haube unumgänglich war.

Lamborghini LM002: Fahrbericht

100 Liter auf 100 Kilometer sind möglich

Bild: Automobili Lamborghini

Der LM/American

Aufgrund der strengeren Abgasnormen lieferte Lamborghini 1990 eine Version mit elektronischer Einspritzung (das System wurde später auch im Diablo eingesetzt) speziell für die USA nach, deren Motorhaube deutlich entschärft wurde und die zudem "modernere" Achtspeichen-Felgen besitzt. Schätzungen zufolge wurden rund 60 dieser 420 PS starken LM002, die auch LM/American genannt werden, gebaut – keiner davon wurde offiziell in Europa angeboten.
Dieser LM002 ist ein spätes Modell mit elektrischer Einspritzung (auch LM American genannt). Zu erkennen ist es an dem weniger stark ausgeformten Powerdome und den Achtspeichen-Felgen.
Bild: Automobili Lamborghini
Der rohe, aggressive Sound und die super direkte Gasannahme lassen keine Zweifel aufkommen, dass ich in einem frühen LM002 mit Vergaser sitze. Die Kombination aus V12-Klang und Benzin-Geruch ist ein Fest für die (Petrolhead-)Sinne.

Über 200 km/h schnell – und das vor 40 Jahren

Gleichzeitig ist der LM002 ein Auto, das einschüchtert. Die martialische Optik, die walzenartigen Spezialreifen und die schiere Größe wirken furchteinflößend, doch nach ein paar Minuten groove ich mich langsam ein. Zwar sind die Bedienkräfte hoch, aber genau dadurch wird das Fahren zum Erlebnis.
Auf Schotterwegen lässt sich der schwarze Koloss überraschend zügig bewegen. Und man bekommt ein gutes Gefühl dafür, wie viel Power der LM002 hat. Kaum vorzustellen, dass diese Schrankwand über 200 km/h schnell gewesen sein soll – und das vor 40 Jahren!
Ein Lamborghini LM002 ist nicht das ideale Auto zum Brötchenholen. Man sollte besser gut gefrühstückt haben, denn die Bedienkräfte sind hoch.
Bild: Automobili Lamborghini
Ein Erlebnis, das nicht ganz günstig ist, denn schon bei gemächlicher Fahrt soll sich der V12 im Rambo-Lambo rund 30 Liter auf 100 km genehmigen. Wer voll durchlädt, kann auch bei 100 Litern landen. Nur gut, dass der LM002 ein Tankvolumen von unfassbaren 290 Litern besitzt (die Einspritzer haben 180 Liter Tankvolumen).

Ein echter Geländewagen

Dann heißt es: anhalten und die mechanische Geländeuntersetzung reinhauen. Um in "L" zu wechseln, muss man rechts an einem der ordentlich dimensionierten Hebel ziehen – dann kann es losgehen: Ich fahre auf einen Wall zu und will instinktiv abbremsen, doch Instruktorin Alessandra auf dem Beifahrersitz bestärkt mich, Gas zu geben – im nächsten Moment sehe ich nur noch Himmel. Dank Allrad, niedriger Untersetzung und dem gewaltigen Drehmoment des V12 überfährt der LM002 den Wall, als wäre es ein Geschwindigkeitsbuckel in der 30-km/h-Zone.
Beeindruckend, wie mühelos der LM002 Hindernisse passiert, die für viele moderne SUV eine ernsthafte Herausforderung darstellen. Der LM002 ist ein waschechter Geländewagen – roh, laut, fordernd. Und teuer – damals wie heute.
Der LM002 ist auch heute noch beeindruckend, kaum vorstellbar, wie es sich angefühlt haben muss, vor 40 Jahren mit diesem Ungetüm unterwegs gewesen zu sein.
Bild: Automobili Lamborghini

Heutiger Wert eines LM002

Vor vier Jahrzehnten lag der Neupreis bei 220.000 DM, heute ist der LM002 grob zwischen 400.000 und 500.000 Euro wert. Dazu kommen noch Unterhaltskosten, die richtig ins Geld gehen: Einmal volltanken macht locker 500 Euro, ein neuer Satz Reifen knapp 20.000 Euro.
Heutzutage wirkt der LM002 wie ein Relikt aus einer vergangenen Zeit – und genau DAS macht ihn so reizvoll. Und noch während ich das Erlebte gedanklich sortiere, parkt ein Hummer H1 vor der L'Osteria in der wir zu Mittag essen. Ironie des Schicksals oder geplant?

Fazit

Der Lamborghini LM002 ist extrem – und zwar in jeder Hinsicht. Er ist roh, laut und unglaublich emotional. Heute wirkt er völlig aus der Zeit gefallen – vor 40 Jahren vermutlich auch. Wie schön, dass es solche automobilen Meilensteine gibt.