Land Rover Defender: Topmodell Octa im Extremtest
Zurück zu den Wurzeln: Defender Octa erobert Afrika

Gebaut wird er in England, doch sein Herz schlägt in Afrika. Denn nirgends fühlt sich der Defender mehr zu Hause als in Steppen, Wüsten und Wäldern südlich des Äquators. Selbst das neue Topmodell Octa ist sich für Schlamm und Schmutz nicht zu schade, sondern treibt es in der Wildnis besonders wild.
Bild: Nick Dimbleby
Es herrscht Totenstille in der Lambert's Bay, und wer die Ohren spitzt, der kann förmlich hören, wie eine sanfte Brise die weißen Sandkörner eines nach dem anderen zu haushohen Dünen auftürmt, weiche Wellenmuster zaubert und messerscharfe Kanten. Und er kann spüren, wie plötzlich der Boden bebt in dieser längst vom Meer abgeschnittenen und ausgetrockneten Bucht, als würde eine Herde Elefanten durch die Steppe stürmen.
Doch was sich da unter tosendem Gebrüll in einer Wolke dichten Staubs nähert, das sind keine Dickhäuter, sondern Defender. Und zwar nicht irgendwelche. Hier schickt Land Rover gerade den bis dato stärksten Defender in über 70 Jahren auf seine Jungfernfahrt. Und auch wenn niemand in die Zukunft schauen kann, spricht vieles dafür, dass dieser "Octa" sich auch den Ehrentitel "stärkster Defender aller Zeiten" an sein mit reichlich Carbon dekoriertes Blech heften darf.
Die Entwickler um Chef Matt Becker haben jedenfalls nicht gekleckert, sondern geklotzt: Wo bislang beim V8 mit 500 PS Schluss war, gehen sie jetzt mit stolzen 635 PS ins Rennen und haben sich dafür sogar von ihrem legendären Fünflitermotor verabschiedet. Weil der Octa schließlich auch noch unter dem Joch der Euro-7-Norm die Petrolheads verführen soll, bauen die Briten wie schon im Range Rover Sport SV den 4,4 Liter großen Achtzylinder von BMW ein.

Der Octa ist der ultimative Defender. Stärker, schneller und härter im Nehmen. Und nirgendwo kann er seine neuen Talente besser beweisen als in Afrika.
Bild: Nick Dimbleby
Und wo sie den eiligen Lord schon fleddern, übernehmen sie gleich auch noch dessen spektakuläres 6D-Fahrwerk, das mit einer hydraulischen und deshalb besonders schnellen Regelung im Nullkommanichts nahezu alle Nick- und Wankbewegungen ausgleicht. Dazu noch sieben Zentimeter mehr Spurweite und vor allem drei Zentimeter mehr Bodenfreiheit, fertig ist nicht nur der stärkste und schnellste, sondern der fähigste Defender aller Zeiten. Und das will bei einem Auto wie dem Defender schon etwas heißen.
Octa stammt von der Oktaederform eines Diamanten
Selbst die Marketingabteilung geht dafür in den Overdrive und spinnt um das Spitzenmodell eine hübsche Geschichte. Denn Octa steht nicht etwa für den hochprozentigen Sprit, der so reichlich durch die acht Zylinder rauscht. Sondern Octa stamme von der Oktaederform eines Diamanten, die einerseits zu den härtesten Substanzen zählen, die in natürlicher Form auf der Erde vorkommen, und andererseits zu den seltensten und begehrenswertesten.
Natürlich hat so ein Diamant auch seinen Preis. Schließlich ist der Octa für 185.300 Euro schon in der Grundversion gute 60.000 Euro teurer als der 5,0-Liter-V8, der mit fürs Erste weiter 435 PS im Programm bleibt. Und als Edition 1 mit dem ganzen Carbon-Gedöns und auf 2000 Exemplare limitiert, kostet er sogar 204.200 Euro und ist trotzdem fast ausverkauft.
Extremtest in Afrika
Aber vor allem ist der Diamant kaum kaputtzukriegen. Und genau das wollen sie uns hier in Afrika beweisen: Klar hätten sie den Octa auch auf dem Nürburgring präsentieren können, wo ein Gutteil der eine Million Extra-Entwicklungskilometer und fast 14.000 zusätzlichen Tests gefahren wurde, oder auf dem Highspeed-Oval in Nardò. Schließlich ist er nicht nur der stärkste, sondern auch der sportlichste Defender aller Zeiten. Er sprintet in irrwitzigen 4,0 Sekunden auf Tempo 100, erreicht für alteingesessene Defender-Fahrer schier unvorstellbare 250 km/h und ist mit seinem 6D-Fahrwerk auf einer Rennstrecke oder wenigstens dem Bainskloof-Pass, der sich wie eine Kap-Kobra über das Küstengebirge schlängelt, genauso gut aufgehoben wie in einem Bachlauf, einem ausgetrockneten Flussbett oder eben den Dünen von Lambert's Bay.

In den Dünen hilft nur Leistung. Oder mehr Leistung. Oder viel mehr Leistung. Zum Beispiel 635 PS.
Bild: Nick Dimbleby
Und natürlich passt er auch nach Utah oder in die Emirate. "Doch der Defender gehört nach Afrika, denn auch wenn er in England gebaut wird, schlägt hier sein Herz“, sagt Chefentwickler Becker.
Nicht umsonst denkt jeder gleich an Daktari, Hatari, Grzimek oder die Serengeti, wenn er einen Defender sieht. Selbst wenn das in Düsseldorf ist, in Hannover, Görlitz oder Stuttgart. Deshalb wühlt hier jetzt ein Defender durch den Dreck wie ein hyperaktives Kind durch den Sandkasten, surft auf dem Dünenkamm, gräbt mit seinen 20-Zöllern tiefe Furchen in den haushohen Sand und schleudert ihn dabei in großen Fontänen meterweit hinter sich. Wo man zu Fuß nur noch mit Mühe weiterkommt, stapft der Defender mit der Macht seiner bis zu 800 Newtonmeter so ungerührt, als bummle er über den Boulevard.
Der Flugmodus – Technik für die Wildnis
Und wer mutig genug ist, der erlebt hier auch eine jener Errungenschaften, auf die Becker besonders stolz ist: den Flugmodus. Das ist eine spezielle Programmierung der Hydraulikdämpfer, die im Nu erkennt, wenn der Defender auf einer Sprungkuppe abhebt und in Sekundenbruchteilen alles für eine butterweiche Landung einstellt. Wobei butterweich so eine Sache ist, wenn fast drei Tonnen in den Sand klatschen oder auf den Stein krachen. Deshalb verdienen die grobstolligen Goodyear mindestens den gleichen Respekt.
Natürlich spielt das Spitzenmodell nicht nur im Sand, sondern beherrscht jedes afrikanische Terrain. Schnee und Eis wird man hier bei winterlichen 30 Grad und mehr zwar nirgends finden, räumt Becker mit einem Hauch gespielter Enttäuschung ein, und Rennstrecken sind ebenfalls selten.

Natürlich schlägt sich der Octa auf der Straße besser als jeder Defender vor ihm.
Bild: Nick Dimbleby
Doch wer sich von Kapstadt mal ausnahmsweise nicht auf die Gardenroute macht, nach Stellenbosch und über den Franschhoek-Pass, der findet im Norden Landstraßen, die den Nürburgring vergessen machen. Die R301 zwischen Wellington und Wolseley zum Beispiel fühlt sich fast so an wie die Nordschleife zwischen Wehrseifen und Wippermann. Und gegen die Route durch die von der UNESCO als Naturerbe geschützten Cederberg Mountains hinunter nach Wupperthal – ja, das Dorf heißt wirklich so – war die Targa Florio selbst in den Kindertagen des Automobils eine Flaniermeile, so schmal und schartig ist die nur gelegentlich asphaltierte Piste.
Von Weinbergen zur Wildnis
Anfangs liegen links und rechts noch Weingüter und so weit das Auge reicht jene Obstplantagen, die den globalen Norden im Winterhalbjahr mit Vitaminen versorgen. Doch Kilometer für Kilometer wird die Besiedlung dünner, die Zivilisation verschwindet im digitalen Rückspiegel. Und in den Geruch der hartholzigen, dornigen Fynbos-Hecken mischt sich der Duft von Freiheit und Abenteuer.
Teer gibt es schon lange nicht mehr, und irgendwann ist auch nicht mehr viel von der Piste zu sehen, die eine Planierraupe alle paar Monate durch die trockene Landschaft schiebt. Sondern wie Großwild streift der Defender jetzt frei Schnauze durch die Steppe, kurvt um Dornenbüsche, hinter denen verschreckt die Zebras und ihre wilden Eselskreuzungen hervorspringen, und klettert wie die Paviane über Stock und Stein. Selbst als sich ihm Felsentreppen hoch wie Überseecontainer in den Weg legen, hält der Octa nicht inne.

Für den Testwagen geht es abwärts, aber für den Defender insgesamt steil bergauf. Noch nie hat Land Rover so viele davon verkauft wie seit dem Generationswechsel.
Bild: Nick Dimbleby
Denn wo sich Performance-Modelle sonst dichter an den Boden ducken, steht dieser Sportler wie der Storch im Salat und klettert mit seiner XXL-Bodenfreiheit auch über die größten Brocken. Zwar im Kriechgang und sicherheitshalber nur mit der Hilfe eines Einweisers, bahnt sich der Tross so seinen beschwerlichen Weg hinunter ins Tal von Bushmans Kloof. Dort haben Gerhard und Michelle Thom eine Wohlfühl-Enklave in die Wildnis gebaut, die zwar wenig mit dem rustikalen Abenteuergeist des originalen Land Rover zu tun hat, dafür aber mit Spa und Sterneküche gut zur luxuriösen Seite des Diamanten-Defender passt.
Wobei sie Sterneküche in Afrika ein bisschen anders definieren als im Rest der Welt. Denn wer einmal unter dem Nachthimmel der Savanne beim traditionellen Braai der Fleischeslust am Grill frönt und erschöpft nach oben schaut, der lernt schnell, dass allein die Milchstraße mehr Sterne hat als alle Michelin-Fibeln zusammen. Und die füllt schließlich nur einen Teil des Himmels über Afrika.

Für den Octa gab es in Afrika kaum ein Hindernis. Für den Kunden schon. Den Preis, denn der beträgt unsittliche 185.300 Euro.
Bild: Nick Dimbleby
Während die Teilnehmer der Defender-Safari auf der Felsenterrasse über der Lodge am knisternden Feuer zum gemütlichen Teil übergehen, steht der Octa allerdings unten vor den Wirtschaftsgebäuden und überlässt die Nachtschicht einem traditionellen Safari-Shuttle. Zwar ist der Octa der bis dato fähigste in über 70 Jahren Defender, aber für die schnöde Personenbeförderung mit vier aufsteigenden Reihen auf einer offenen Pritsche ist er sich dann doch zu schade. Dafür muss dann ein alter Defender ran. Wie gut, dass dieser Offroad-Klassiker in Afrika an jeder Ecke steht und dort längst seine neue Heimat gefunden hat.
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