Als Vice President of Verhicle Engineering ist Lars Moravy bei Tesla der Kopf für die Technik. Er ist zuständig für die Fahrzeugentwicklung und -fertigung – unter anderem beim Model Y Facelift. Was das neue Model Y so besonders macht, welche Rolle das Innenraum-Radar für die Sicherheit spielt und inwiefern KI die Zukunft von Tesla beeinflusst, darüber hat AUTO BILD mit ihm im Werk in Grünheide gesprochen.

Lars Moravy von Tesla verrät Details zum Model Y

AUTO BILD: Wir sind heute in der Gigafactory in Grünheide, wo vor einigen Tagen die Produktion des Tesla Model Y Facelift angelaufen ist. Insgesamt soll es sich um ein rundum verbessertes Model Y handeln. Herr Moravy, fangen wir mit einer persönlichen Frage an: Was sind Ihre drei Highlights am neuen Model Y?
Lars Moravy: Nummer eins ist für mich auf jeden Fall die Effizienz. Wir haben die Reichweite um rund zehn Prozent erhöht – und das ohne große Änderungen am Antriebsstrang. Selbst das Einstiegsmodell liegt nun bei 500 Kilometern (WLTP, Anm. d. Red.) – das ist großartig. Nummer zwei ist das Fahrerlebnis. Insgesamt ist das Auto deutlich komfortabler geworden – nicht nur in Sachen Federung, auch in Sachen Sound und Fahrgefühl. Und Punkt Nummer drei: ganz klar die Konnektivität. Das neue Model Y ist 5G-fähig, außerdem sind mehr Antennen verbaut. Das verbessert den Empfang und damit das Gesamterlebnis im Auto, zum Beispiel beim Musikhören.
Sie sagen, es gab kaum Veränderungen am Antriebsstrang, dennoch haben sich die Fahrleistungen verbessert.
Ja, mit der Launch Edition gab es einen Power-Boost. Die Beschleunigung von null auf hundert geht es jetzt etwas schneller, das Top-Modell benötigt nur noch 4,3 Sekunden. Auch die weiteren Ausführungen werden bei gleicher Leistung schneller sein, denn das neue Model Y ist etwas leichter geworden.
Haben Sie auch Anpassungen in Sachen Aerodynamik vorgenommen?
Ja, der CW-Wert liegt jetzt bei 0,22 (zuvor: 0,23, Anm. d. Red.). Dazu wurden ein paar Änderungen vorgenommen. Zum Beispiel gibt es jetzt am vorderen Stoßfänger einen Luftdurchlass, der die Luft um den Reifen herumleitet und das Zusammenspiel zwischen Rad und Reifen optimiert. Dazu gibt es am Radhaus z. B. eine kleine Lippe, die dafür sorgt, dass die Luft besser um das Rad herumgeleitet wird. Selbst solche Kleinigkeiten machen einen großen Unterschied. Auch der Spoiler am Heck sowie der Diffusor wurden überarbeitet, um den Luftfluss zu optimieren.
Tesla Model Y Facelift
Die Luft wird durch den Luftdurchlass direkt weiter zum Reifen geleitet.
Bild: Kevin Schiefler – AUTO BILD
Auch die Überarbeitung des Fahrwerks beeinflusst die Aerodynamik. Das ist gerade hier in Deutschland wichtig – ich weiß ja, dass ihr gern mal schnell auf der Autobahn unterwegs seid (schmunzelt). Gerade bei hohen Geschwindigkeiten hatten wir bisher einen kleinen "Uplift" am Heck. Dadurch wurde das Auto etwas instabil. Um das zu vermeiden, haben wir der Hinterradaufhängung mehr Spiel gegeben. Das führt dazu, dass das Auto insgesamt komfortabler fährt, aber auch stabiler auf der Straße liegt. Es absorbiert dadurch mehr Unebenheiten. Auch die Aufhängung der Vorderräder haben wir überarbeitet. Das wirkt sich besonders auf die Lenkung aus, die beim neuen Model Y vorhersehbarer und linearer wird. Allein die Aerodynamik-Maßnahmen bringen schon um fünf Prozent mehr Reichweite.

4D-Radarsystem zur Insassenüberwachung wird kontinuierlich verbessert

Ich habe mich ein wenig in den Tesla-Foren umgesehen. Für besonders viel Gesprächsstoff sorgt hier das 4D-Radarsystem zur Überwachung der Insassen. Welche Vorteile hat das System?
Bei Tesla hat das Thema Sicherheit oberste Priorität. Dass wir die sichersten Autos bauen, stellen wir nicht nur durch Crashtests sicher, sondern auch durch Fortschritte bei der Insassenerkennung. Nehmen Sie allein sich und mich: Wir haben ganz unterschiedliche Körpergrößen. Und um das zu erkennen, nutzen wir das Radarsystem. Das erkennt nicht nur, ob jemand da ist, sondern auch, ob es zum Beispiel ein Kind oder ein Erwachsener ist. Und dementsprechend werden die Rückhaltesysteme und Auslösezeiten der Airbags angepasst. In ein bis zwei Monaten wird es außerdem ein Update geben, dass es erlaubt, zu erkennen, wenn Kinder zurückgelassen wurden. Dann wird eine Warnung an die Tesla App gesendet.
Das Radarsystem macht das Auto nicht nur sicherer, es reduziert auch Kosten und erhöht den Komfort. Denn normalerweise ist die Insassenerkennung in den Sitzen verbaut. Das können wir uns sparen.
Ich habe gelesen, dass das System auch in der Lage sein soll, Vitalfunktionen der Insassen zu überwachen.
(schmunzelt) Ja. Das Radar ist recht sensibel, und es gibt eine Implementierung, die es erlaubt, den Herzschlag zu beobachten. Wir hoffen, dass die Technologie irgendwann soweit ist, dass wir darüber einen drohenden Infarkt erkennen können, um dann direkt einen Krankenwagen zu alarmieren. Wir arbeiten kontinuierlich daran, das Gefühl von Sicherheit beim Autofahren zu verbessern.
Und wo wir schon beim Innenraum sind: Die Schalldämmung im Innenraum soll sich enorm verbessert haben. Was wurde genau verändert?
Viel Arbeit ist in das Interieur geflossen, um hier einem Premiumanspruch gerecht zu werden. Insbesondere die Haptik wurde optimiert. Gleichzeitig wirken die neuen Materialien lärmabsorbierend. Die Oberflächen wurden teilweise ausgeschäumt. Für die Akkustik wurden insgesamt 16 Lautsprecher verbaut, die aber größtenteils hinter der Verkleidung versteckt sind. Der Sound geht also durch die Verkleidung. Das macht den Innenraum optisch ansprechender. Gleichzeitig werden Geräusche, die von außen kommen, besser absorbiert. Außerdem nutzen wir spezielles Fensterglas, das den Innenraum von Außengeräuschen abschirmt. Das merkt man ganz besonders bei hohen Geschwindigkeiten.
Interview Lars Moravy (Tesla)
Als Vice President of Verhicle Engineering ist Lars Moravy bei Tesla der Kopf für die Technik. Er ist zuständig für die Fahrzeugentwicklung und -fertigung.
Bild: Kevin Schiefler – AUTO BILD

Blinkerhebel bleibt im Model Y erhalten

Was ebenfalls für Aufsehen gesorgt hat, ist der Blinkerhebel: Anders als in den anderen Tesla-Modellen gibt es ihn im Model Y. Wieso?
Insbesondere das Feedback aus Europa war da sehr klar. Die Europäer haben den Hebel vermisst, vor allem im Kreisverkehr. Und wenn die Kunden sich beschweren, reagieren wir darauf – das ist eine unserer größten Stärken bei Tesla. Der neue Blinkerhebel ist cool geworden. Das Besondere: Man kann ihn jeweils nur auf eine Weise in die eine oder andere Richtung betätigen – er rastet nicht ein. Die Abschaltung des Blinkers übernimmt das Model Y automatisch, wenn die Kameras erkennen, dass ein Manöver abgeschlossen ist.
Gibt es weitere Dinge, die anhand des Kunden-Feedbacks optimiert wurden?
Da gibt es noch ein paar Beispiele: Zur Frontkamera gab es einige Beschwerden. Vor ein paar Jahren haben wir die Ultraschallsensoren abgeschafft. Und daraufhin wollten die Kunden eine bessere Sicht beim Vorwärtseinparken. Jetzt springt beim Einparken automatisch die Frontkamera an.
Auch die Verbesserungen im Fahrverhalten gehen auf Feedback zurück, das wir bekommen haben. Und natürlich ist der Tesla Model Y ein Familienauto. Dementsprechend wollten wir auch das Erlebnis auf der Rückbank verbessern. Eine Kleinigkeit, die gar nicht auf den ersten Blick auffällt: Wir haben die Position der Sicherheitsgurte verändert. Sie sind jetzt direkt am Sitz befestigt, sodass sie sich mitbewegen, wenn die Rückbank verstellt wird. Gerade die kleineren Insassen, können sie nun besser erreichen. Die Rückbank ist jetzt automatisch verstellbar. Und wir haben jetzt einen Bildschirm im Fond. Das erlaubt es auch, zwei unterschiedliche Soundzonen im Auto zu haben. So können die Kinder hinten einen Film auf ihren Kopfhörern gucken, während man vorne Radio hört.
Tesla Model Y Facelift
Auf der ersten Fahrt zeigt sich: Die Versprechen werden gehalten, das Facelift ist deutlich komfortabler.
Bild: Kevin Schiefler – AUTO BILD

So bekommt Tesla Qualitätsschwankungen in den Griff

Kommen wir zu etwas allgemeineren Themen: Tesla stand in der Vergangenheit oft in der Kritik für Qualitätsschwankungen. Beim Vorfacelift-Modell wurde u. a. der Innenraum oft kritisiert. Bei den ersten Einblicken ins Facelift konnte man hier schon eine deutliche Qualitätssteigerung feststellen. Welche konkreten Maßnahmen haben Sie getroffen, um die Fertigungsqualität zu verbessern?
Insbesondere das Werk in Deutschland hat uns sehr dabei geholfen, unsere Produktionsqualität zu steigern. Wir haben hier ein paar großartige Ingenieure gewinnen können. Sowohl in der Fahrzeugentwicklung als auch bei den Produktionsprozessen. Dabei haben wir viel gelernt. Aber insgesamt kann man sagen: Wenn man ein Auto entwickelt, gibt es viele Kleinigkeiten, die man optimieren kann, um die Qualität insgesamt zu verbessern. Wir hatten zum Beispiel die beiden Scheinwerfer an der Front, die sehr fließend in die Karosserie eingearbeitet sind. Jetzt haben wir die Frontscheinwerfer etwas separiert und klarere Linien geschaffen. Dadurch haben wir weniger Abweichungen in den Spaltmaßen. Die Qualität fängt also wie hier beim Design an und geht dann aber weiter mit unseren hochqualifizierten Mitarbeitern, die extrem bemüht sind, alles noch besser zu machen.
Welche Rolle spielt das Model Y Facelift in Teslas Gigacasting-Strategie*? Wurden neue Fertigungstechniken eingesetzt, um Gewicht zu reduzieren oder die Karosserie zu verbessern?
Beim Model Y haben wir vor vier Jahren das Gigacasting eingeführt, hauptsächlich am Heck. Wir haben hier inzwischen einige Verbesserungen vorgenommen. Das Gigacasting im Model Y Facelift ist noch mal rund sieben Kilo leichter. Hat aber eine um fünf bis zehn Prozent erhöhte Steifigkeit. Und wir können dreimal schneller produzieren. Wir verbessern mit dem Gigiacasting vor allem die Performance in der Produktion.
Sie haben auch einige Bauteile verändert, um das Model Y nach einem Unfall besser instandsetzen zu können.
Das stimmt. Das alte Model Y hatte ein ziemlich empfindliches Heck. Und schon bei einem kleinen Unfall, musste man teilweise die komplette Heckklappe austauschen. Das Auto ist nun etwa 20 Millimeter länger, dadurch konnten wir den Stoßfänger etwas versetzen und weitere Plastikteile einbauen, sodass bei einem kleinen Unfall am Heck einzelne Teile getauscht werden können und nicht mehr die komplette Heckklappe.
Zum Schluss noch ein Blick in die Zukunft: Tesla nutzt KI für autonomes Fahren, aber auch für Fertigung und Batterieentwicklung. Welche Rolle wird maschinelles Lernen in der nächsten Generation von Tesla-Fahrzeugen spielen?
Wir nutzen KI nicht nur für die "offensichtlichen" Felder wie zum Beispiel bei der Entwicklung des autonomen Fahrens – es spielt in allen Feldern eine Rolle, in denen Ingenieure Entscheidung treffen. Also auch Aerodynamik, Akkustik oder im Produktionsprozess, um Qualitätsprobleme aufzudecken oder bei der Auswertung von Kundenfeedback. Der Vorteil ist: Computer benötigen keine Pause, und sie machen keine Fehler. Wir benutzen KI deswegen vor allem dafür, um die Prozesse in der Entwicklung, die viel Zeit kosten, zu beschleunigen.
*Gigacasting ist ein innovatives Fertigungsverfahren, bei dem große Aluminiumbauteile in einem einzigen Guss hergestellt werden. Dies reduziert die Anzahl der Bauteile, senkt Produktionskosten und steigert die Steifigkeit sowie Crashsicherheit des Fahrzeugs. Besonders Tesla setzt auf diese Technik, um die Effizienz der Fertigung zu erhöhen und Gewicht zu sparen.