5,14 Meter, Lack, Leder und Luxus wohin das Auge blickt und ein Leergewicht von 2550 Kilo – der selige Colin Chapman würde sich bei diesem Auto im Grabe drehen so schnell wie die Motoren, die seinen Rennstall sieben Mal zum Formel-1-Weltmeister gemacht haben. Denn Purismus und Leichtbau, das waren seine Ideale – und wer einmal engtanzen war mit der seligen Elise, der weiß, wovon die Rede ist.
Und trotzdem prangt der Name seiner Firma am knallgelben Lack dieses Gran Tourismo, der in ein paar Wochen als Emeya auf die Überholspur der Electric Avenue stürmt. Natürlich hat der feiste Luxusliner so gar nicht zu tun mit dem leichten Mädchen Elise, das in 25 Jahren Bauzeit zur Markenikone geworden ist. Aber ein Porsche Taycan teilt mit einem Elfer ja auch nicht viel mehr als das Wappen auf der Haube.
Und genau wie Porsche zum Überleben den Cayenne brauchte, den Panamera und zuletzt den Taycan, hat sich auch Lotus von den idealen des Gründers entfernt und damit endlich einen Erfolgskurs eingeschlagen. Denn während die Briten früher mal bei 500 Autos pro Jahr herum dümpelten, sind sie mittlerweile bei mehr als dem Zehnfachen und wollen zum Ende der Dekade auf bald 100.000 Autos pro Jahr kommen.
Schon das Basis-Modell lockt mit 612 PS.
Bild: Lotus
Ja, es gibt noch einen Emira, der wenn schon nicht an die Elise erinnert, dann wenigstens an den großen Bruder Evora. Und der als letzter seiner Art noch auf einen Verbrenner setzt. Doch erst das elektrische Luxus-SUV Eletre hat den Briten eine tragfähige Brücke in die Zukunft gebaut, und wenn jetzt der Emeya antritt gegen Autos wie Taycan oder den Lucid Air und die Käufer eines Panamera oder eines Achter Gran Coupé in die elektrische Zukunft lockt, bekommt diese Brücke eine zweite Spur.

Lotus-Emeya: Basismodell mit 612 PS

Weil Lotus zwar bei den Pfunden zulegt, bei der Performance aber keine Abstriche machen will, wird unter dem Blech dabei nicht gekleckert, sondern geklotzt. Zwei Motoren sind Standard und schon das Basis-Modell lockt mit 612 PS und 710 PS, beschleunigt in 4,2 Sekunden auf Tempo 100 und erreicht 250 km/h.
Und wer den Emeya R bestellt, den katapultieren 918 PS und 985 Nm dem Horizont entgegen. Mit einem dann zweistufigen Getriebe schmilzt der Sprintwert auf 2,78 Sekunden, das Spitzentempo steigt auf 256 km/h und das Herz beginnt mit jedem Stromstoß schneller zu rasen.
Die Emeya R beschleunigt in unter 3 Sekunden auf Tempo 100.
Bild: Lotus
Die fast explosive Power des Elektroantrieb ist das eine. Aber wie der Lotus diese Kraft auf die Straße bekommt, ist das andere. Klar fehlt ihm die tänzerische Leichtigkeit einer Elise, die man allein mit dem Gedanken ans Lenken um die Kurve geprügelt hat. Und ganz so eng mit der Fahrbahn verbunden ist der Emeya natürlich auch nicht.
Doch eine rasend schnelle Luftfederung, eine präzise Lenkung, die beim Top-Modell auch an der Hinterachse greift und bissige Bremsen verfehlen ihre Wirkung nicht. Und während die Karbonelemente in Haube und Dach eher Kosmetik sind, leistet die Elektronik sehr wohl einen Beitrag zur Dynamisierung des elektrischen Gran Turismo.
Man muss nur mit der Wippe am Lenkrad in den Sportmodus wechseln, dann spannt das Auto die Muskeln an, schärft die Sinne und nimmt den Fahrer automatisch enger in die Zange – und das kann man dank der aufblasbaren Seitenwagen in den Sportsitzen sogar wörtlich nehmen. Dann fliegt selbst so ein Kaventsmann von 2,5 Tonnen wie von selbst durch die Kurven, die Fliehkraft hält sich Merklich zurück und immer rhythmischer wird der Sturm durchs Alpenvorland. Bis irgendwo in die Stille des Stromers plötzlich ein bisschen "Ballade pour Elise" hineinspielt. Zumindest im Hinterkopf. Und mit jeder Kurve zieht der Takt merklich an.
Seit Geely bei Lotus die Strippen zieht, wird der sportliche Purist zunehmend zur elektrische Luxusmarke.
Bild: Lotus
Nur dass man hier halt nicht in einem Schraubstock von Sitz eine Handbreit über dem Asphalt kauert, sondern auf einem klimatisierten Ledersessel über den Dingen thront. Und wo bei der Elise schon das Radio Aufpreis gekostet hat, flimmern hier große Bildschirme und das Head-Up-Display, es gibt all die schönen Software-Spielereien, ohne die die Generation iPhone offenbar nicht mehr genießen kann, und wo man hinschaut, sieht man Lack und Leder und faszinierende Lichtspiele.

Kofferraum fasst 510 Liter

Und nennenswerte Transportkapazitäten gibt es anders als bei der Elise auch: Bei 3,07 Metern Radstand ist der Fond des Lotus bequemer als beim Panamera und erst recht beim Taycan, der Kofferraum fasst alltagstaugliche 510 Liter und zumindest fürs Ladekabel gibt es auch noch ein kleines Staufach unter der Bughaube.
Er mag praktischer sein als der Porsche und auf dem Papier mindestens genauso stark. Aber auch wenn ein direkter Vergleich noch aussteht, dürfte sich der Lotus bei aller Begeisterung schwertun, dem Taycan zu folgen. Auf der Autobahn ist der Schwabe schneller und abseits davon wahrscheinlich doch noch etwas leichtfüßiger.
Für 106.400 Euro kann man den neuen Emeya sein eigen nennen.
Bild: Lotus
Doch den kleinen Vorsprung, den die Stuttgarter vielleicht auf der Landstraße herausfahren, den verlieren sie spätestens an der Ladesäule. Denn auch wenn Porsche bei Taycan gerade nachgelegt hat und jetzt auf eine Ladeleistung von gut 320 kW kommt, stiehlt ihm der Emeya hier locker die Show: Mit bis zu 400 kW lädt er schneller als es die meisten unserer DC-Säulen bislang erlauben. Obwohl sein Akku gewaltige 102 kWh fasst, mit denen je nach Modell 485 bis 610 Norm-Kilometer drin sind, reichen deshalb in besten Fall 18 Minzen für den Hub von 10 auf 80 Prozent. Und während der Porsche noch an der Leitung zutzelt, macht der Lotus als King of The Load schon wieder mächtig Meter.
Und spätestens beim Kassensturz hat man im Lotus ohnehin besser lachen. Ja, sechsstellige Beträge für einen englischen Exoten sind viel Geld. Aber für die 106.400 Euro des Einstiegsmodells gibt's bei Porsche kaum mehr als den Basis-Taycan, der langsamer ist und weniger Leistung hat. Und die 150.990 Euro für den Emeya R sind ein absolutes Schnäppchen, wenn man ihn zum Beispiel mit dem Turbo S für über 200.000 Euro vergleicht.
Egal wie schwer der Emeya geworden ist, sollte das die Entscheidung leicht machen – und mit diesem späten Sieg über Ferry Porsche als Bruder im Geiste kann dann vielleicht auch Colin Chapman doch noch in Frieden ruhen.

Fazit

Wow! Mit dem Eletre als erstes elektrisches SUV eines Sportwagenherstellers hat Lotus der großen Konkurrenz schon im letzten Jahr gezeigt, wo der Hammer hängt. Und mit dem Emeya legen die Briten jetzt noch einmal nach. Natürlich ist das eher Luxus als Leichtbau und mit Colin Chapmans Idealen hat das nicht mehr viel gemein. Aber die Zeiten ändern sich, die Elise ist längst ein altes Mädchen und lebt nur noch in der Erinnerung. Und mit dem Emeya fährt Lotus gar vollends in eine neue Ära, die angesichts der alten Zahlen eigentlich nur besser werden kann.