"Verrückt" – ausdrücklich im besten Sinne. So beschreibt Ola Källenius den neuen elektrischen Mercedes-AMG GT 4-Türer. Und man merkt schnell: Der Mercedes-Chef hat sichtbar Spaß an diesem Auto. Er lacht über seine eigene Wortwahl, wird dann aber sofort wieder ernst – weil es ihm genau darum geht. Dieses Auto soll nicht einfach nur schnell sein. Es soll eine neue AMG-Ära einläuten.
"Der AMG GT 4-Türer ist im Prinzip das, was passiert, wenn man den AMG-Entwicklern ein weißes Blatt Papier gibt und ihnen sagt: Übersetzt Driving Performance aus Affalterbach möglichst frei von Restriktionen ins Elektrozeitalter", erklärt Källenius.

Elektro-AMG schafft hohe Dauerleistung dank cleverem Konzept

Noch steckt das Auto unter einer Tarnfolie. Trotzdem ist schnell klar: Hier kommt nicht einfach nur ein weiterer Elektro-Sportler. Sondern ein Projekt, das bei AMG offenkundig als technischer und emotionaler Neuanfang verstanden wird.
Denn genau darum kreist Källenius immer wieder: "Viele Elektroautos können brutal beschleunigen. Doch sie haben ein Problem: die Dauerleistung. Genau hier setzt diese Technologie an. Sie liefert nicht nur enorme Leistung und Drehmoment, sondern kann diese auch dauerhaft halten, bei gleichzeitig geringem Gewicht."
AMG GT 4-Türer
Auf der hauseigenen Entwicklungsstrecke durfte der getarnte Prototyp schon mal seine Qualitäten unter Beweis stellen.
Bild: Mercedes
Der 4-Türer bekommt drei Axialflussmotoren, zwei an der Hinterachse, einen an der Vorderachse. Entwickelt wurde das Konzept ursprünglich vom Start-up Yasa nahe Oxford, später von Mercedes weiterentwickelt und industrialisiert. Produziert werden die Motoren in Berlin.
Der große Vorteil laut Källenius: hohe Leistungsdichte, geringes Gewicht und vor allem eine Dauerleistung, die sich deutlich stabiler abrufen lässt als bei vielen bisherigen E-Autos. Oder anders gesagt: nicht nur kurz brutal, sondern auch dann noch brutal, wenn andere längst nachlassen.

Über 500 kW Ladeleistung und 500 km Reichweite nach 10 Minuten

Das Datenblatt dürfte sich dabei ähnlich lesen, wie beim Concept Car AMG GT XX: 1360 PS und 360 km/h Höchstgeschwindigkeit. Zur Performance gehört für AMG aber mehr als nur ein extremer Antrieb.
AMG GTXX Concept
Der Concept AMG GT XX gab bereits einen Design-Ausblick auf den neuen AMG 4-Türer.
Bild: Mercedes
Auch die Batterie wurde klar auf Belastbarkeit getrimmt. Källenius spricht von einer flüssigkeitsgekühlten Hochleistungsbatterie, die genau für den Einsatz auf der Rennstrecke entwickelt wurde: wiederholt Vollgas geben, hohe Last, viel Performance – ohne dass das Auto nach kurzer Zeit einknickt. Die Batteriekühlung hilft nicht nur auf der Straße, sondern auch beim Laden.
AMG GTXX Concept
Das Concept Car brach in Nardò gleich 25 Langstreckenrekorde für Elektroautos.
Bild: Mercedes
Im Concept Car AMG GT XX waren bis zu 1000 kW Ladeleistung drin. Man wollte eben zeigen, was technisch möglich ist. In der Serienversion wird es erwartungsgemäß nicht ganz so extrem sein – vermutet werden aber weit über 500 kW. Immer noch deutlich über dem, was Schnellladesäulen aktuell hergeben. Das könnte knapp 500 Kilometern Reichweite in zehn Minuten entsprechen, auch wenn AMG offiziell noch keine Werte kommuniziert.

Mitfahrt im Prototyp des AMG GT 4-Türer

Und der 4-Türer ist erst der Anfang. Die Modellpalette soll mit Coupé und SUV-Modellen komplettiert werden. Alles zu seiner Zeit, versteht sich.
Die Begeisterung für dieses Auto versteht man spätestens dann, wenn man selbst einsteigt. Zwar noch nicht auf dem Fahrersitz, sondern erst mal daneben – aber schon das reicht. Wenn Rennfahrerin Doriane Pin auf der hauseigenen Teststrecke durchlädt, presst die schiere Wucht des Antriebs die Insassen tief in die Sitze.
Doriane Pin im AMG 4-Türer
Doriane Pin ist unter anderem Meisterin der Ferrari Challenge Europe und der F1 Academy sowie Rennsiegerin in der European Le Mans Series und Formel-4-Serien. Bei Mercedes unterstützt sie als Entwicklungsfahrerin.
Bild: Mercedes
Genau dieses Gefühl beschreibt Ola Källenius im Gespräch herrlich drastisch: als würde einen "von hinten ein Pferd treten". Doriane Pin bringt es ebenfalls auf den Punkt. Ihr kurzes, klares Fazit: "Ein wirklich großartiges Auto."

Virtuell blubbernder, AMG-typischer V8-Sound

Und der neue AMG will nicht nur brutal nach vorn gehen, sondern sich auch so anfühlen, wie ein AMG sich anfühlen und vor allem anhören muss. Deswegen gibt's auf Knopfdruck den virtuell blubbernden, AMG-typischen V8-Sound. Innen wie außen so abgestimmt, dass Klang, Charakter und sogar simulierte Schaltimpulse an einen klassischen Achtzylinder erinnern sollen.
Und so sehr man sich vielleicht gegen künstliche Sounds bei Elektroautos sträubt, so ist das Gehirn plötzlich voll überzeugt, man säße in einem V8 – nur eben mit noch mehr Drehmoment und noch mehr Druck.

Der Supersportler soll auch im Alltag funktionieren

Fast am schönsten ist aber, wie Källenius plötzlich über den Nutzwert dieses Elektro-AMG spricht. Ja, richtig gelesen: Nutzwert. Weil der GT 4-Türer trotz flacher, sportlicher Linie erstaunlich viel Platz bietet. Hinten sollen selbst große Erwachsene vernünftig sitzen können, das clevere Batterielayout mit "Fußgarage" macht's möglich.
Källenius nennt das Auto deshalb mit einem Augenzwinkern fast schon ein "Nutzfahrzeug". Ein herrlich schräges Wort für ein Auto dieser Leistungsklasse – und gerade deshalb bleibt es hängen. Denn genau das ist der Witz an diesem AMG: Er will nicht nur spektakulär sein, sondern auch im Alltag funktionieren.