Mercedes-AMG GT 63 4Matic+: Fahrbericht
Unterwegs mit dem Mercedes-AMG GT: Schön, dass es dich gibt!

Man kann aussterbende Spezies wie den Mercedes-AMG GT 63 verteufeln. AUTO BILD meint jedoch: Man darf so etwas auch lieben!
Bild: Tom Salt / AUTO BILD
Elektro ist die heilbringende Zukunft, Hybrid lassen wir gerade noch als genügend keusch gelten. Wir verweigern dicke Verbrennermotoren, ein ausfahrender Heckspoiler ist der Wink des Teufels und die Lust am Autofahren wollüstige Sünde aus dem rechten Fuß.
Uns scheint: Elektroismus ist die einzig erlaubte Konfession auf deutschen Straßen. Nein! Ist sie nicht. Das predigen nur spaßbefreite Tempolimit-Eiferer. Die verabscheuen auch den Klappenauspuff, wollen Lenkgefühl und Popometer von Fahrassistenz der Autonomie-Stufe 3 austreiben lassen.
Im GT steckt auch Alltagstalent
Okay, wir überspitzen gerade. Bitte nehmen Sie diese Einleitung augenzwinkernd hin. Des Pudels Kern ist jedoch: Irgendwie gehen die Typen mit Lust, Laune und Leistung im Lastenheft in letzter Zeit unter. Lasst uns gelegentlich auch noch mal den Blinker in Richtung Emotion setzen! Ein Motiv für diesen Spurwechsel heißt Mercedes-AMG GT 63 4matic+ Coupé. Dieser Typ (leider nicht mehr frei konfigurierbar) geht in seiner temporeichen, bolidenhaften, mechanischen Attitüde als fahrende Provokation durch. Dabei ist er gar kein reinrassiger Sportwagen mit Hang zu übertriebener Leichtbau-Askese.

Gar nicht mal so unpraktisch: Der AMG GT hat zwei Notsitze im Fond, sein Kofferraum fasst brauchbare 321 bis 675 Liter.
Bild: Tom Salt / AUTO BILD
Ganz im Gegenteil, in seiner aktuellen Bauform "muss" sich der GT das technische Rüstzeug vom Roadster SL borgen, verliert dadurch Schmankerl wie das Transaxle-Getriebe und gewinnt an Pfunden durch einen Allradantrieb. Sogar zwei Notsitze stecken dank der geändert konstruierten Bodengruppe in ihm, der Kofferraum lässt sich per Klapp-Bank erweitern. Das klingt auch nach einem alltagstauglich aufgestellten Typen. Zugleich – oder gerade deshalb – beheimatet der GT nun Züge aus zwei Welten: beheizte Wischerblätter, ein gläsernes Panoramadach und Holzelemente in "Esche Schiffsdeck" im Interieur auf der einen Seite.
V8-Meisterwerk unter der langen Haube
Auf der anderen Seite grantige 585 PS, eine effektive Verbundbremsanlage, elektromechanische Stabis und ein Biturbo-V8 mit 800 Newtonmeter Drehmoment. Kurz: Wir schauen in einen dampfenden Maschinenraum mit eleganten Lounge-Sesseln vor den Kohlenklappen. Genau dieses Gegensätzliche feiern wir! Zumal Mercedes-AMG diese Mischung speziell im GT 63 4matic+ bravourös zusammenrührt.

Viel Dampf in allen Lebenslagen: Der vier Liter große Turbo-V8 schickt 585 PS und bärige 800 Nm Drehmoment in den Allradantrieb.
Bild: Tom Salt / AUTO BILD
Den wichtigsten Part übernimmt dabei der V8-Motor. Das ist ein von Hand montiertes Prachtstück mit 90 Grad Zylinderbankwinkel und amtlicher Biturboaufladung. Zwei Twin-Scroll-Abgaslader pumpen Prozessluft mit Macht und Intelligenz in die Brennräume – sodass die dicke Drehmomentwelle über den breiten Bereich von 2500 bis 5000 Touren Schaumkrönchen trägt. Der Vierliter schickt seine Kraft an eine MCT-Neungangautomatik. Hier ersetzt eine kleine, leichte und somit wenig träge Kupplung im Ölbad den feisten Drehmomentwandler anderer Automatikgetriebe.
Was Getriebe und Motor hier auf die Straße bringen, ist ein sensationelles Unterfangen.
Was das AMG Speedshift MCT 9G und der M 177 genannte Vierliter da zusammen auf die Straße bringen, ist schlicht ein sensationelles Unterfangen. Der Motor kann grollend aus dem Keller drücken, kernig in der Mitte beißen, in der Drehzahlspitze pochend eskalieren. Untendrunter liegt aus jeder Drehzahl heraus ein spielerischer Vorwärtsdrang und das typische betörende Klangspektakel der AMG-Achtzylinder. Das Getriebe erlaubt kantig-bissige Blitzstarts und Gangwechsel im Wimpernschlag-Bereich, der fehlende Wandler ermöglicht besonders schnelles Hoch- und Abtouren.
Allradantrieb sorgt für massig Traktion
Alles wirkt wach, rassig, würdevoll, biestig und lässig zugleich. Schlupf? Ist dem GT so fremd wie dem Priester die Sünde. Das Allradsystem verwaltet die Kräfte variabel, zwischen der wintertauglichen 50:50-Abstimmung bis zum driftfähigen (ein eigenes Programm sieht das tatsächlich vor) reinen Hinterradantrieb sind fahrdynamische Späßchen möglich.

Talentierter Querdynamiker: Traktionsprobleme kennt der AMG GT 4Matic+ eigentlich nie. Es sei denn, der Fahrer aktiviert den Driftmodus.
Bild: Tom Salt / AUTO BILD
Außerdem stopft Mercedes alle möglichen und käuflichen Fahrwerksschmankerl in den GT. Als da wären: eine Hinterachslenkung, die bis 100 km/h wendig-gegenläufig arbeitet, darüber mittels gleichläufig gestellter Hinterräder für agil-weiche Richtungswechsel sorgt.
Fahrzeugdaten
Modell | Mercedes-AMG GT 63 4Matic |
|---|---|
Motor | V8, Turbo, vorn längs |
Hubraum | 3982 cm³ |
Leistung | 480 kW (585 PS) bei 6500/min |
max. Drehmoment | 800 Nm bei 2500/min |
Antrieb | Allrad, 9-Gang-Automatik |
Länge/Breite/Höhe | 4728/1984/1354 mm |
Leergewicht | 1970 kg |
Kofferraum | 321–675 l |
0–100 km/h | 3,3 s |
0–200 km/h | 11,7 s |
Vmax | 315 km/h |
Verbrauch | 14,1 l/100 km (Super plus) |
Abgas CO2 | 319 g/km |
Preis | 233.240 Euro* |
Dazu kommt ein aktiver Wankausgleich, der über hydraulisch miteinander verknüpfte Dämpfer wirkt. Das sorgt für stressarme Geradeausfahrt oder aufrechte Haltung der Karosserie in Kurven und beim Einlenken. Sagen wir es so: Gelassenes Cruisen verwandelt das System bei leichtesten Drehungen am Lenkrad in kitzelnden Kart-Spaß – nur eben mit 585 PS und 2,70 Meter Radstand.

Kommandozentrale: Der AMG GT zeigt einen Stilmix, nunmehr mit technischer Unterstützung vom Mercedes SL – und das tut ihm gut!
Bild: Tom Salt / AUTO BILD
Demgegenüber stehen klassische Gran-Turismo-Tugenden. In die linke Spur einlaufen, tief in die superbequemen Sitze abtauchen, zügig reisen statt hektisch rasen, unter Reserven der Maschine das Wohlfühltempo ab 130 km/h aufwärts abfragen – eleganter kann man die Republik auf der Autobahn nicht ausloten.
Das Auto schnürt, vorausfahrende SUV geben Lücken frei (tatsächlich hat der GT 63 ein selten souveränes Überholprestige), der Motor grummelt sonor – sogar der Verbrauch spielt dann mit. Eine Zehn vor dem Komma ist möglich. Das finden wir für ein 315 km/h schnelles Auto erträglich. Auch, weil Mercedes den Normverbrauch des Boliden mit 12,4 Liter Super Plus/100 km angibt.
Unterhaltskosten sind astronomisch hoch
Wobei hier eher der CO₂-Effekt als die Kostenidee Kaufentscheid sein sollte. Denn dieses Sport-Spaß-Schnellreise-Traumauto frisst Geldscheine genauso gerne wie Kilometer. Allein die Unterhaltskosten summieren sich auf mehrere Tausend Euro pro Jahr, ein (!) Hinterreifen kostet rund 500 Euro, die exklusiven Inspektionen stehen jährlich an. Z

Auch an der Kasse sportlich: Der Grundpreis des AMG GT lag bei 190.192 Euro. Ein Bestandsexemplar kostet stolze 233.240 Euro.
Bild: Tom Salt / AUTO BILD
Zu einst mindestens 190.192 Euro Grundpreis summieren sich schnell mehrere Zehntausend Euro für Extras wie die sensationelle 3D-Soundanlage von Burmester oder das Patagonienrot-Bright der Manufaktur-Abteilung. Technische Pakete wollen wir gar nicht erst aufdröseln ...
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