Altgediente Wehrdienstleistende und "Bundis" kennen das: Die Bundeswehr ist nicht arm an Abkürzungen. Lange, sperrige Bezeichnungen verschwinden in kuriose Wortgebilde: KrKw, Hakazuzieh oder hümS. Versteht kein Mensch außerhalb der Bundeswehr.
Nehmen wir den hümS. Sein massiver Kühlergrill trägt stolz den Stern, doch in dieser Umgebung steht er nicht für Luxus, sondern für Verlässlichkeit. Ein Mercedes-Benz Zetros 1836 A 4x4, ein ziviles Modell, das sich durch militärisch nutzbare, wählbare Sonderausstattungen unterscheidet und für mittelschwere Einsatzbereiche der Bundeswehr gedacht ist. Ist doch logisch, oder?
Der Zetros ist ein Koloss aus Stahl, gebaut für das Unmögliche, geschaffen, um dort zu fahren, wo Straßen enden. Riesig ragt er auf, in der Morgendämmerung auf einem Schotterplatz am Rande von Molsheim, dezent in der Farbe "Wüstensand". Die Luft riecht nach Diesel und feuchter Erde. Mit einem tiefen Grollen erwacht der Motor, und der Sechszylinder-Reihendieselmotor brummt gleichmäßig, fast beruhigend – ein Klang, der Vertrauen schafft.
Mercedes-Benz Zetros 1836 A 4x4
Insgesamt kommt der Mercedes-Benz Zetros auf eine Gesamtleistung von 265k W/360 PS.
Bild: Fabian Hoberg
Parkbremse lösen und gleich den zweiten Gang des manuellen Achtganggetriebes mit Splitgetriebe zum Anfahren wählen. Der Allradantrieb – robust, unnachgiebig – greift selbst im tiefsten Morast, bleibt aber vorerst deaktiviert. Also kräftig Gas geben und die Gänge langsam hochschalten. Bei jedem Vorgang knickt die Kabine des Langhaubers kurz, schnauft der Diesel laut mit.

Eine aufgeräumte Kabine, kein überflüssiger Luxus

Der Pilot sitzt hoch oben, fast wie in einem Turm. Vor ihm: eine aufgeräumte Kabine, kein überflüssiger Luxus, aber auch kein Mangel an Komfort. Die Sitze sind gefedert, vibrationsgedämpft, die Lüftung trotzt Wüstensonne und Winterfrost gleichermaßen – zumindest ein bisschen. Hier oben herrscht Konzentration und Präzision. Lkw-Fahren in seiner reinsten Form.
Die riesigen Einzelreifen, eigens für extremes Gelände ausgelegt, pressen sich in den Boden, graben sich durch den Schotter, wenn nötig auch durch Matsch, Geröll und Schnee. Kraftfahrer profitieren im Gelände von den großen Böschungs- und Rampenwinkeln. Mit jeder Umdrehung beweist der Zetros, dass er kein Showfahrzeug ist, sondern ein Werkzeug, ein Partner im Einsatz. Das große Lenkrad liegt gut in der Hand, der Langhauber reagiert erstaunlich flink für einen Lastwagen, fast schon sportlich. Das mag vielleicht daran liegen, dass der Vorführwagen von Mercedes frisch vom Band kommt und die Pritsche leer ist.
Mercedes-Benz Zetros 1836 A 4x4
Große, robuste Reifen sind fürs Gelände elementar.
Bild: Fabian Hoberg
Das Fahrzeug bietet einen verwindungsarmen Pritschenaufbau mit Plane und Sitzbänken zum Transport von Personal und Material. Wäre der Laderaum mit Material oder Soldaten bestückt, würden zumindest Letztere jede Bewegung spüren. Dafür bringt sie der Zetros überall durch. Ob Versorgungstransport im Gebirge, Evakuierung nach einem Unwetter oder Einsatz in Krisengebieten – er bleibt unbeirrt. Seine Nutzlast von bis zu 6,34 Tonnen macht ihn zum Rückgrat der logistischen Ketten. Die Vorderachse trägt 7,5 Tonnen, die Hinterachse 10,5 Tonnen. Sein 265 kW/360 PS starker 12,8-Liter-Sechszylinder liefert mit 1800 Newtonmetern genug Kraft, um selbst Panzerteile oder mobile Werkstätten zu transportieren. Bis zu 90 Zentimeter Watttiefe reichen für die meisten Bäche oder Überschwemmungen.
Trotz seiner schieren Größe wirkt der Zetros nicht plump. Seine 2,3 Meter breite Kabine ist nach hinten versetzt, fast wie bei einem Haubenfahrzeug aus alten Zeiten. Diese Bauweise erleichtert Wartungsarbeiten im Feld: kein Kippen der Kabine, kein kompliziertes Werkzeug – nur schnelle, praktische Lösungen, wie sie in Gefechtssituationen oder im harten Einsatz gebraucht werden. Im Einsatz zeigt der für einen Lkw niedrige Zetros seine wahre Stärke: Ausdauer. Tagelang kann er sich durch unwegsames Gelände kämpfen, mit minimaler Wartung, bei sengender Hitze oder klirrender Kälte. Mit den beiden 290-Liter-Tanks auf der rechten Seite besitzt der Zetros ausreichend Reserven für ein langes Manöver. Er ist kein Schnellläufer – knapp 90 km/h sind seine Grenze –, doch Tempo ist hier keine Tugend. Verlässlichkeit ist es.

Spezialfahrzeug aus dem Elsass

Das ist es, was einen Lkw von Benz aus Wörth und Molsheim ausmacht. Molsheim? Seit 1967 betreibt Mercedes-Benz einen kleinen Standort im französischen Elsass, keine drei Minuten vom Bugatti-Werk entfernt und rund 100 Kilometer vom Mercedes-Lkw-Werk Wörth. Rund 600 Mitarbeiter schneidern in der französischen Lkw-Manufaktur Lastwagen auf Kundenwunsch nach Maß – ganz gleich, ob für die australische oder koreanische Feuerwehr, die Straßenwacht der Schweiz oder eben für die Bundeswehr. So stammen alle Fahrzeuge für den Einsatz in der Ukraine aus den Händen der Molsheimer Haustuner.
In diesem Jahr (2025) gingen schon 45 Lastwagen an die Truppe, derzeit warten etwa 70 Mercedes Arocs, hochgeländegängige UH-Unimog und Zetros auf die Auslieferung. Zwischen 70 und 400 Stunden investieren die Mitarbeiter in ein Fahrzeug; 66 einzelne Umbaustationen stehen dafür bereit. Hier werden dann je nach Kundenwunsch Rahmen verlängert, zusätzliche Achsen montiert, Kabinen erweitert oder Fahrzeuge erhöht.
Mercedes-Benz Zetros 1836 A 4x4
Sein 12,8-Liter-Sechszylinder liefert 1800 Newtonmeter.
Bild: Fabian Hoberg
Von den etwa 3000 umgebauten Fahrzeugen pro Jahr fallen zwischen 25 und 30 Prozent auf Militärfahrzeuge. "Wir bauen für fast alle Armeen der Welt unsere Spezialfahrzeuge auf handelsüblichen Lastwagen der Großserie auf", sagt Marc Schulz, verantwortlich für Custom Tailored Truck bei Daimler Truck. Der Vorteil liege in der Großserie: zuverlässig, robust, günstig. Obwohl das mit dem günstig so eine Sache ist. Offiziell nennt Mercedes zwar keine Preise, aber rund 200.000 Euro wird ein militärischer Zetros schon kosten.
Beim Zetros wie auch beim Mercedes Arocs kommen kleine Tarnlichter vorne und hinten zum Einsatz, was einen Eingriff in die gesamte Elektronik erfordert. Das weiße Lkw-Leitkreuz auf einer grünen Gummiplatte mit schwach leuchtendem Tarnlicht am Heck erleichtert das Nachfahren in Kolonnen. Der Fahrer steuert das Tarnlicht über einen Drehschalter links neben dem Lenkrad.
Zusätzliche Befestigungspunkte helfen beim Arocs bei der späteren Bahnverladung und dem Zugtransport, ebenso wie die Tieferlegung (kein Witz). Im Fahrerhaus hilft eine runde Dachluke mit Drehring für einen schnellen Ausblick nach außen, eine Art Überrollbügel auf dem Dach stabilisiert das Führerhaus nach der ECE-29-3-Norm – einer internationalen Norm für die Sicherheit von Fahrerhäusern bei Lastkraftwagen.
Mercedes-Benz Zetros 1836 A 4x4
Unser Reporter Fabian Hoberg hat den Mercedes-Benz Zetros unter die Lupe genommen.
Bild: Fabian Hoberg
Mit einer Watttiefe von nun 75 Zentimetern kommt der Arocs 2646 6x6 mit seinen 26 Tonnen auch durch tieferes Gewässer. Dafür müssen die Entlüftungen von Motor, Achsen und Getriebe geändert und die Elektronik verlegt werden. Alle Wartungs- und Schmierpunkte markieren die Mitarbeiter rot. Und da die Lkw häufig wochenlang auf ihren Einsatz warten müssen: Schnellstartsteckdosen können die Batterien schnell für den nächsten Start laden.
Mercedes-Benz bietet den hochgeländegängigen Zetros auch mit vier Achsen und Allradantrieb als 8x8 mit und ohne geschützte Kabine an – wahlweise mit zwei vorderen lenkbaren Achsen und zwei Hinterachsen oder einer lenkbaren Vorderachse und drei Hinterachsen. Auf die im Stammwerk Wörth aufgebrachte Lackierung in "Bundeswehr-Oliv" folgt erst beim Aufbauer die Tarnlackierung. Der Umbau des Logistik-Lkw der Bundeswehr dauert in Molsheim bis zu zwei Wochen, bis der Lastwagen endlich der Truppe überstellt wird.
Mercedes-Benz Zetros 1836 A 4x4
Ein Blick in die Kabine des Mercedes-Benz Zetros.
Bild: Fabian Hoberg
Und wenn das Manöver oder die Dienstfahrt endet und der Motor verstummt, bleibt ein Nachhall in der Luft. Der Zetros steht da, verschlammt, verkratzt, aber ungebrochen. Ein Symbol der Bodenständigkeit, ein rollendes Bollwerk. Für die Männer und Frauen der Bundeswehr ist er mehr als nur ein Fahrzeug. Er ist ein Begleiter, ein Beschützer – einer, der nicht fragt, warum, sondern einfach weiterfährt. Im Morgengrauen wird der Motor wieder anspringen.
Und mit jedem dumpfen Schlag seiner Kolben wird er aufs Neue beweisen, dass Stärke nicht laut sein muss, sondern zuverlässig. Und was bedeuten KrKw, Hakazuzieh und hümS? Krankenwagen, Handkarren zum Ziehen und handelsübliches Fahrzeug mit militärischer Sonderausstattung. Eigentlich ganz einfach. Oder?