800-Volt-Technik, bis zu 320 kW Ladeleistung, 85 kWh Akkukapazität (netto) – die technischen Daten des Mercedes CLA klingen mehr als vielversprechend. Und weil das E-Auto zudem besonders effizient fährt, ließ sich Mercedes zu einer bemerkenswerten Aussage hinreißen: Mit einem geeigneten Gleichstromlader sollen sich in nur zehn Minuten bis zu 300 Kilometer Reichweite nachladen lassen.
Das klingt richtig flott – und wirft zugleich die Frage auf, ob wir es hier mit cleverem Marketing oder tatsächlich reproduzierbaren Praxiswerten zu tun haben. Genau das wollten wir herausfinden. Denn gerade auf der Langstrecke wären derartige Ladezeiten ein gewaltiger Pluspunkt: Muss man für ein weit entferntes Ziel gleich mehrere Stopps einlegen, ist jede eingesparte Lademinute Gold wert – und jeder seltenere Stopp erst recht.
Und natürlich – so dürften es sich auch die Mercedes-Presseleute gedacht haben – könnten Elektro-Skeptikern bei solchen Zahlen bald die Argumente ausgehen. Zeit also für den Realitäts-Check:

Sehr schnelles Laden geht nur mit sehr leerem Akku

Gleich vorweg: Ultraschnelles Nachladen klappt auch beim CLA 250+ nicht einfach so im Handumdrehen. Wie bei jedem Elektroauto müssen dafür mehrere Parameter optimal zusammenspielen. Einer der entscheidenden Faktoren beim CLA: Der Ladestand des Akkus (SoC) muss sehr niedrig sein – idealerweise unter zehn Prozent.
Im Test zeigte sich deutlich: Beginnt der Ladevorgang bei einem SoC zwischen zehn und 15 Prozent, werden Ladeleistungen über 300 kW gar nicht erreicht. Dabei ist bekannt, dass viele E-Auto-Fahrer ihren Akku eher vorsichtig behandeln – aus gutem Grund – und Ladestände unter 20 Prozent möglichst vermeiden. Andere trauen sich schlicht nicht, den Akku so weit herunterzufahren, aus Angst, liegenzubleiben.
Für all diese Fahrer gilt: Wer sich nicht traut, den SoC bis in den einstelligen Bereich sinken zu lassen, wird das Katalog-Versprechen beim CLA niemals erreichen.

Maximale Ladeleistung höher als angegeben

Eine weitere Voraussetzung: Der Akku muss korrekt vortemperiert sein. Das ist allerdings kein großer Aufwand. Wird über die sehr gelungene Routenführung ein geeigneter High-Performance-Charger (360 oder 400 kW, mittlerweile keine Seltenheit mehr) angewählt, startet die klimatische Konditionierung der Batterie automatisch – je nach Bedarf mit Heizen oder Kühlen.
Im Batterie-Menü des Infotainmentsystems gibt es nicht nur eine Anzeige für die aktuelle Akkutemperatur, sondern auch eine Prognose, mit welcher Ladeleistung (in kW) der Akku gleich geladen werden kann. Steht die maximale Ladeleistung einmal nicht zur Verfügung – was in der Praxis häufig vorkommt –, liefert das System eine plausible Erklärung: Unter "Gründe für gedrosselte Ladeleistung" tauchen Hinweise wie "aktueller Ladestand" oder "Akku-Temperatur" auf.
Apropos Ladeleistung: Beim CLA fließt der Strom inzwischen sogar noch schneller, als Mercedes in den technischen Daten verspricht. Seit einem kleinen Software-Update im Sommer sind bis zu 350 kW möglich.
348 kW Ladeleistung erreicht
Bei einem anderen Ladevorgang wurden in der Spitze tatsächlich knapp 350 kW erreicht. In dieser Phase werden jede Minute rund sechs kWh Energie nachgeladen.
Bild: AUTO BILD intern

Unsicherheits-Komponente Ladesäule

Auf dem Weg zur Aufzeichnung der unten abgebildeten Ladekurve lief zunächst alles nach Plan. Nachdem der Akku vortemperiert war, stieg auch unsere Erwartungshaltung, als der Bordcomputer eine maximale Ladegeschwindigkeit von 354 kW in Aussicht stellte. Doch der erste Versuch endet ernüchternd: Obwohl außer uns kein einziger Stromabnehmer am Ladepark steht, steigt die Ladeleistung nur auf bescheidene 158 kW. Nach weniger als drei Minuten brechen wir den Vorgang ab.
In dieser kurzen Zeit hat der Akku allerdings schon so viel Energie aufgenommen, dass wir den nächsten Ladepark in einem weiten Bogen ansteuern müssen, um den SoC wieder unter zehn Prozent zu drücken. Kurz vor Ankunft zeigt der Mercedes erneut 354 kW als maximale Ladeleistung an. Dass Schnellladesäulen eiligen Strom-Reisenden gelegentlich einen Strich durch die Kurve machen, ist bekannt. Doch beim nächsten Halt klappt es endlich deutlich besser.
Ladeleistungs-Prognose im Mercedes CLA 250+
Bis zu 350 kW Ladeleistung schafft der CLA inzwischen, anfangs versprach der Hersteller nur 320 kW. Wichtig für kurze Ladezeiten ist jedoch nicht die Peak-Ladeleistung, sondern eine hohe durchschnittliche Ladeleistung. Und auch da liefert der CLA sehr ordentlich ab.
Bild: AUTO BILD intern

Die Ladewerte des CLA

In der Spitze werden zwar "nur" 313 kW erreicht, doch der Wert liegt immerhin deutlich über 300 kW und damit so nah am Optimum, dass wir den gesamten Vorgang als praxisüblich gelten lassen. Bei einem früheren Ladevorgang hatten wir bereits einen Spitzenwert von 348 kW erreicht – womit der neue Maximalwert von 350 kW für uns als bestätigt gilt.
Auf der anderen Seite ermöglicht eine hohe Peak-Leistung nicht automatisch den schnellsten Ladevorgang. Entscheidend ist dagegen eine möglichst hohe Durchschnitts-Ladeleistung über den gesamten Ladevorgang hinweg. Und genau hier kann der CLA überzeugen:
  • Maximale Ladeleistung: 312,5 kW
  • Ladedauer 9 bis 80 Prozent: 22 Minuten (entspricht Herstellerangabe)
  • Ladedauer 9 bis 90 Prozent: 28 Minuten
  • Ladedauer 9 bis 100 Prozent: 55 Minuten
  • Ø-Ladeleistung 10 bis 80 Prozent: ca. 175 kW
  • Ø-Ladeleistung 10 bis 90 Prozent: ca. 156 kW
  • Ø-Ladeleistung 10 bis 100 Prozent: ca. 89 kW
  • Ladeverlust: ca. 6,8 kWh
Der Ladevorgang wurde bei einer Außentemperatur von 6° Celsius durchgeführt. Die vergleichsweise niedrige Temperatur hatte keine nennenswerte Auswirkung auf die Ladegeschwindigkeit: Die Ladedauer von 10 auf 80 Prozent entsprach exakt dem Herstellerversprechen. Ausschlaggebend dafür war die zuvor erfolgte Vorkonditionierung des Akkus.
Ladekurve Mercedes CLA 250+ EQ
Mit über 300 kW lädt der CLA nur wenige Augenblicke (rote Linie). Das reicht locker, um Die Herstellerangabe für die Ladedauer von 10 bis 80 Prozent (22 Minuten) zu schaffen. Im Test dauerte es von 9 bis 80 Prozent exakt 22 Minuten (gepunktete Linie). Auch fix: bis 90 Prozent sind es nur weitere sechs Minuten. Außerdem: in den ersten zehn Minuten wurden 40 kWh nachgeladen. Das reicht nach WLTP für 300 Kilometer – und ist unter guten Bedingungen auch in der Praxis erreichbar.
Bild: AUTO BILD intern, mit Hilfe von KI erstellt

So viel lädt der CLA in zehn Minuten

Kommen wir zum 300-Kilometer-Versprechen. In den ersten zehn Minuten wurden ziemlich genau 40 kWh geladen – ein beachtlicher Wert. Da der Ladestand nach diesen zehn Minuten jedoch bereits bei 51 Prozent SoC lag, ist von rund 4 kWh Ladeverlusten auszugehen. Auf Basis unseres im Test ermittelten Autobahnverbrauchs (18,1 kWh/100 km) würden die im Akku angekommen 36 kWh für nur rund 200 Kilometer reichen, bis der Ladestand wieder auf neun Prozent gefallen wäre. Das allerdings bei für E-Autos flotten 130 km/h.
Wer sich beim Tempo zurückhält und nicht schneller als 90 km/h fährt, kann unter optimalen Bedingungen – über 10 °C Außentemperatur, ohne Winterreifen und auf flacher Strecke – tatsächlich einen Verbrauch von etwa 12 kWh/100 km erreichen. In diesem Szenario würde die in zehn Minuten nachgeladene Energiemenge tatsächlich für rund 300 Kilometer ausreichen.
Lädt der CLA in zehn Minuten Energie für 300 Kilometer nach? Die Antwort lautet eindeutig: "Ja, aber …" Mercedes bezieht sich bei dem Versprechen natürlich auf den kombinierten WLTP-Verbrauch von 12,2 kWh. Der ist unter entsprechenden Voraussetzungen und bei zurückhaltender Fahrweise auch in der Praxis erreichbar. Entscheidend ist jedoch etwas anderes: Die starke Lade-Performance und die hohe Effizienz des Stromers nehmen dem Thema Reichweite im täglichen Einsatz spürbar den Druck. So denkt man weniger über Stromstecker und Prozentstände nach und kann sich endlich mehr auf das fokussieren, was wirklich Spaß macht: das Fahren.