Mercedes Concept Ocean Drive/300d Cabrio D
Traumschiff Mercedes

Ein Cabrio mit vier Sitzen und vier Türen hat Mercedes seit fast 50 Jahren nicht gebaut. Noch ist die offene S-Klasse eine Studie – AUTO BILD war zusammen mit ihrem Vorbild auf Kreuzfahrt.
- Joachim Staat
Er sagt, er sei Filmproduzent. "Wir machen nur Topstars wie Beyoncé und Madonna, okay?" Ein Filmproduzent mit richtig Muskeln. Auf seiner Brust baumelt ein riesiges Goldamulett. Mit seinen Ringen könnte er den Concept Ocean Drive vermutlich hier und sofort bezahlen. "Gib mir das Auto", ruft er, "für meinen nächsten Videoclip!" An diesem lauen Abend führt Mercedes seine Luxus-Studie erstmals in Miami Beach auf die Strandpromenade, die ihr den Namen gab: Ocean Drive. Ein öffentlicher Publikumstest mit klarem Ergebnis. Trauben von Zuschauern kleben an dem eleganten Traumschiff, die Angebote flattern nur so ins offene Auto hinein. Sind das nun alles Filmproduzenten oder potenzielle Käufer?
Ein hohes Ziel: das komfortabelste Cabrio unserer Zeit

Streng genommen rangiert die Studie Ocean Drive eine halbe Stufe tiefer, denn Fahrwerk und Antrieb mit dem Zwölfzylinder stammen nicht etwa vom Maybach, der heute die Spitze im deutschen Luxusbau markiert, sondern von der S-Klasse. Deren Tacho und Schalter sind in ein komplett neues Interieur eingefügt. Dunkler Vogelaugenahorn, helle Stoffe in Netzoptik, braune Lederteppiche unter den Füßen. Im Fond fährt auf Knopfdruck ein Champagner-Kühler aus der Mittelkonsole heraus. Alles edel, alles hochwertig, aber steht hier das "luxuriöseste Cabrio der Welt"? Ein Rolls-Royce Phantom Drophead übertrifft den Concept Ocean Drive sicher in der gefühlten Pracht- und Prestige-Wertung.
Der Zwölfzylinder rauscht wie eine ferne Meeresbrandung
Seinen Reiz entfaltet der 5,29 Meter lange Kreuzer, wenn er sich mit erhabener Ruhe in Bewegung setzt. Der Zwölfzylinder rauscht wie eine ferne Meeresbrandung und muss lässig immer nur einen Teil seiner 512 PS abrufen, wenn der Ocean Drive in seiner bevorzugten Gangart dahingleitet: dem Cruisen. Das lange Heck rückt den Fahrer optisch weit nach vorn, seelisch in eine komplett andere Welt. Das ist kein Auto fürs exaltierte Show-Gewerbe, sondern fürs entspannte Genießen. Dem Filmregisseur würde ich dringend abraten. Ganz zum Schluss, mit einer exklusiven Finesse, erhebt sich der Ocean Drive doch elegant über einen Rolls-Royce oder Bentley. Dieses Cabrio besitzt hinten Türen. Was so überflüssig klingt, entpuppt sich als sinnliche Entdeckung. Statt mich wie beim Zweitürer mit einem Hüft-Twist um die B-Säule zu winden, betrete ich den Fond – erhaben und würdig.
Und weil niemand daran denkt, etwa durch diese Türen unters Stoffdach zu kriechen, wird klar: Dieses Auto ist dafür gebaut, immer nur offen zu fahren. Der Ocean Drive steht für ein Leben auf der Sonnenseite, dagegen verblassen alle Zweifel, ob die vier Türen heutige Crashtests bestehen. "Ja, könnten sie," sagt Steffen Koehl. Das sind Normen und Vorschriften, die dem 300d Cabrio D zu seiner Zeit so fern lagen wie die Nackenheizung Airscarf im Ocean Drive oder dessen Radarsensorik Distronic Plus. Dafür glänzt der historische Viertürer mit einer unerreichten Opulenz, was den Platz und Stil angeht. Seine hinteren Türen sind so lang wie ein Weidezaun, der Knieraum im Fond reicht garantiert für das Gewand des Papstes (der für seinen Fuhrpark übrigens eine Sonderanfertigung aus Stuttgart erhielt). Oder für den Haltegriff von Bundeskanzler Adenauer, der stehend hinter den Vordersitzen die Huldigungen seiner "lieben Landsleute" entgegennahm.
Mercedes 300d Cabrio D: "Made in Western Germany"

Fazit von AUTO BILD-Redakteur Joachim Staat
Ein faszinierendes, exklusives Cabrio ist der Ocean Drive. Mit vier Türen setzt die Studie sich von Rolls-Royce oder Bentley ab – ein Stück automobiler Hochkultur. Wenn ein Autobauer weltweit so ein teures Modell verkaufen kann, dann ist es Mercedes. Aber eine offene S-Klasse ist längst nicht so realistisch wie der große CL als Cabrio Ende 2008. Mit zwei statt vier Türen.
Technische Daten Mercedes 300d Cabrio D
Sechszylinder-Reihenmotor, vorn längs (Benzineinspritzung) • zwei Ventile pro Zylinder • Hubraum 2996 cm3 • Leistung 118 kW (160 PS) bei 5300/min • max. Drehmoment 237 Nm bei 4200/min • Hinterradantrieb • Dreistufen-Automatik • Doppelquerlenker, Schraubenfedern vorn, Eingelenk-Pendelachse, Doppel-Schraubenfedern hinten • Trommelbremsen v./h. • Reifen 7,60 S15 v./h. • Länge/Breite/ Höhe 5190/1860/1620 mm • Radstand 3150 mm • Leergewicht 2080 kg • Tankinhalt 72 l • Zuladung 400 kg • 0–100 km/h in 17 Sekunden • Höchstgeschwindigkeit 170 km/h • Verbrauch 15,8 l/100 km • Preis: 37.000 D-Mark
Technische Daten Mercedes Conc. Ocean Drive
V12, vorn längs eingebaut • Einspritzung, zwei Turbolader, Ladeluftkühler • drei Ventile pro Zylinder • vier oben liegende Nockenwellen • Hubraum 5514 cm3 • Leistung 380 kW (517 PS) • maximales Drehmoment 830 Nm bei 1900– 3500/min • Hinterradantrieb • Siebenstufen- Automatikgetriebe • Vierlenkerachse vorn, Raumlenkerachse hinten • aktive Fahrwerkregelung ABC • innenbelüftete Scheibenbremsen vorn und hinten • Reifen 275/35 ZR 21 • Länge/ Breite/Höhe 5293/1911/1497 mm Radstand 3165 mm • Tankinhalt 90 l • Wendekreis 12,2 Meter • Höchstgeschwindigkeit 250 km/h • Preis: nicht verkäuflich
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