Im Sommer 2021 haben wir über Lutz Estel und seinen Ärger mit einer Mercedes E-Klasse berichtet. Einem Auto für 92.000 Euro, das offenbar ein seltsames Eigenleben führt. Wenn Lutz Estel daheim in Magdeburg in einer 30er-Zone mit Tempomat fährt, beschleunigt das Auto immer wieder an der gleichen Stelle auf 100 km/h. Im Wohngebiet!
Auto-ABO
AUTO ABO

Jetzt Tesla Model 3 und weitere Modelle flexibel im Abo

Profitieren Sie von kurzen Lieferzeiten, der Möglichkeit zu pausieren und zahlreichen Modellen im Sixt+ Auto-Abo.

In Kooperation mit


Ein Einzelfall? Leider nicht. Wenn Estel in einer bestimmten 80er-Zone die "Distronic" auf 80 km/h einstellt, funktioniert das zunächst. Aber dann springt der Tempomat plötzlich eigenständig um. Mal auf 130 km/h, mal auf Tempo 200. Und das bei einem Auto mit 340 PS.
Manchmal verzögere der 2019er Benz auch auf der Autobahn unvermittelt, sagt Estel. "Auf der A14 bremste der Wagen mal von 190 km/h auf 40 km/h ab."
Mehrmals bringt Estel den Wagen im Laufe der Zeit zu seinem Magdeburger Händler. Nach dem ersten Bericht in AUTO BILD ruft das Autohaus bei Estel an, bittet ihn, noch einmal zu kommen. Jetzt bleibt der Wagen für eine ganze Woche in der Werkstatt. Besser wird es nicht.
Eine 30er-Zone in Magdeburg. Der Tempomat ist richtig eingestellt ...

Also beauftragt Estel auf eigene Kosten einen Gutachter. Der DEKRA-Mann bestätigt am 12. Oktober 2021 in der Verhandlung vor dem Landgericht, dass der "streitbefangene Pkw" selbstständig stark beschleunigt, so wie von Estel beschrieben. Und so, wie es auch AUTO BILD bei einer Mitfahrt erlebt hat. Hat das Auto also einen offensichtlichen Mangel?

Mercedes sieht keinen Mangel

Der Hersteller sieht das anders, argumentiert vor Gericht, das Assistenzsystem entspreche dem aktuellen Stand der Technik. Die geschilderten Erscheinungen seien technisch nicht zu verhindern und beruhten unter Umständen auf veraltetem Kartenmaterial in der Software des Fahrzeugs. Auch tagesaktuelle Änderungen der Beschilderung seien dem System nicht bekannt.
... und springt dann ohne Ankündigung mitten in einer Kurve auf 100 km/h.

Das Landgericht Magdeburg entscheidet daraufhin, dass ein unabhängiger Gutachter sich der Sache annehmen möge. Die Kosten dafür, je 4000 Euro, müssen beide Seiten vorab ans Gericht überweisen.
Estel hat zwar Glück, dass der Mercedes ein Firmenfahrzeug ist und sein Chef die Kosten trägt. Verärgert ist der Vertreter für Erinnerungsdiamanten dennoch. Denn das Gericht beauftragt einen Gutachter in Münster. "Ich wohne in Magdeburg, Münster ist 340 Kilometer entfernt. Verstanden habe ich das nicht", sagt Estel.

Sechs bis acht Wochen beim Gutachter

Am 18. April bringt Estel seine E-Klasse zum Experten. Für sechs bis acht Wochen müsse das Fahrzeug dort bleiben, hatte das Gutachter-Büro im Vorwege bereits mitgeteilt.
Etwa 1500 Kilometer fährt Estel pro Arbeitswoche. "Ich habe mir einen privaten Wagen organisiert, den ich in den nächsten Wochen nutzen kann", sagt Estel. "Auf eigene Kosten."
Lutz Estel bei einer Testfahrt mit AUTO BILD im vergangenen Jahr. Jetzt musste er das Auto von Magdeburg nach Münster zum Gutachter bringen.

Und was sagt Mercedes zu dem E-skalierten Streit? Zu laufenden Verfahren könne man sich nicht äußern, heißt es von dort.
"Insgesamt sind durch den Rechtsstreit inzwischen Kosten in Höhe von 25.000 Euro aufgelaufen, beide Seiten zusammengerechnet", sagt Lutz Estel. "Meiner Meinung nach ist es jetzt an der Zeit, dass Mercedes einem Vergleich zustimmt, schon aus Gründen der wirtschaftlichen Vertretbarkeit für alle Beteiligten."

Jetzt auch noch ein Rückruf-Brief

Ob Estel nach den avisierten sechs bis acht Wochen sein Auto wiederbekommt, steht übrigens in den Sternen. Denn gerade als er sein Auto beim Gutachter abgegeben hatte, flatterte ihm ein Rückruf-Brief ins Haus. Es gebe Probleme mit der Kühlmittelpumpe, es bestehe eventuell Brandgefahr, heißt es darin. Das Auto solle umgehend in die Werkstatt.
"Umgehend" ist fett gedruckt. Aber so einfach ist das nicht. "Jetzt muss der Gutachter erst einmal beim Gericht nachfragen, ob er das Auto überhaupt in eine Mercedes-Werkstatt bringen darf", sagt Estel.
Der Brief von Mercedes zur Rückrufaktion beginnt übrigens mit den Sätzen: "Es freut uns sehr, dass Sie uns mit dem Kauf Ihres Mercedes-Benz Ihr Vertrauen entgegengebracht haben. Damit Sie immer mit dem guten Gefühl von Sicherheit und Zuverlässigkeit unterwegs sein können, beobachten wir unsere Fahrzeuge kontinuierlich."

Kommentar

Wenn Autos Gegenstand von Gerichtsprozessen werden, wird es schnell teuer. Manchmal übersteigen die Kosten sogar den Zeitwert eines Fahrzeugs. Wer auch immer in diesem Fall juristisch recht hat, Mercedes könnte durch einen Vergleich zweierlei erreichen: dass nicht noch mehr Gebühren und Honorare anfallen. Und dass ein Stammkunde ein Stammkunde bleibt.