Nichts, man hört einfach nur nichts. Da katapultieren einen 1000 Newtonmeter in weniger als vier Sekunden von 0 auf Tempo 100 – und statt des Brüllens eines Acht- oder Zwölfzylinders dringen nur das Rollen der Reifen und das Rauschen des Windes ans Ohr. Willkommen im wahrscheinlich abgefahrensten Sportwagen der Welt, willkommen im Mercedes SLS electric drive. Wie vor gut zwei Jahren versprochen, setzten die Schwaben jetzt ihren Silberpfeil unter Strom und stänkern munter gegen die Konkurrenz: "Wo andere aufgeben, geht es für uns erst so richtig los", sagt Entwicklungsvorstand Thomas Weber mit einem spöttischen Blick auf den gescheiterten Audi R8 e-tron und schickt stolz das stärkste und schnellste Elektroauto der Welt ins Rennen.
Mercedes SLS AMG electric drive
Bürzel raus und Vollgas, der Sound wird künstlich erzeugt.
751 PS aus vier Motoren, maximal 250 km/h und purer Fahrspaß – wenn so das Auto der Zukunft fährt, dann kann sie gerne schon heute beginnen. Dummerweise markiert der ab Juni lieferbare SLS electric drive nicht nur bei Power und Performance die Spitze, sondern auch beim Preis: 416.500 Euro machen ihn zum teuersten Mercedes im Modellprogramm. Rasant wie es sich für einen Supersportwagen gehört, beweist der Flügeltürer auf jedem Meter, dass Autofahrern auch in der Zeit nach dem Öl nach Spaß machen kann. Denn auf Faszination muss bei aller Vernunft keiner verzichten, verspricht Projektleiter Jan Feustel: "Wir haben uns vorgenommen, mit diesem Auto das Thema Supersportwagen neu zu definieren." Dafür stehen nicht nur die vier Elektromotoren nahe der Räder, von denen jeder 188 PS und 250 Nm leistet. Sondern dafür sorgen vor allem die ungeahnten Möglichkeiten bei der Fahrdynamik, die mit dem Elektrokonzept einhergehen: Allradantrieb, eine variable Drehmomentverteilung für jedes Rad und eine Rekuperationsbremse, die sich wie Zurückschalten anfühlt – mit solchen Finessen stellen die Schwaben die bisherigen Erwartungen an ein elektrisch angetriebenes Fahrzeug auf den Kopf.
Mercedes SLS AMG electric drive
Hinten erkennt man den SLS electric drive am fehlenden Auspuff.
Dafür muss man nur auf der Mittelkonsole von C wie City oder Comfort auf Sport oder Sport Plus stellen und danach die Taste mit den vier Rädern drücken. Dann schaltet die Elektronik von 60 auf 80 oder 100 Prozent Leistung. Und der Bordcomputer verteilt die Kraft so, dass man durch die Kurven fliegt wie ein Modellauto auf der Carrera-Bahn. Im Normalbetrieb gutmütig bis zu einem leichten Untersteuern, wird der Rennwagen von Captain Future so zu einer wilden Heckschleuder, mit der man die Schikanen mit einer fast beängstigenden Direktheit angeht. Und bei jedem Gas-, nein Stromstoß fragt man sich, weshalb hier bei 250 Sachen schon wieder Schluss sein soll. So, wie der elektrische SLS anschiebt, müsste er eigentlich locker 300 und mehr schaffen. Dass er es nicht tut, liegt nur an der Rücksicht auf die Reichweite und am Rest von Vernunft, mit der die Entwickler die Fahrdynamikregelung programmiert haben.
Zwar startet der SLS tatsächlich geräuschlos und geisterhaft. Doch wer weiß besser als die AMG-Entwickler, dass Spaß auch etwas mit Sound zu tun hat. Deshalb haben sie den eSound komponiert. Von außen nicht zu hören, füllt er auf Knopfdruck die Kabine mit einem Klangteppich, der passend zur Fahrsituation aus 20 verschiedenen Soundschnipseln gewoben wird. Aber so richtig überzeugen kann der Elektro-Pop noch nicht. Dafür ist er schlicht zu dezent und zu defensiv.
Die benötigte Energie liefert im SLS electric drive ein Lithium-Ionen-Akku, den AMG gemeinsam mit den Mercedes Formel 1-Technikern aus Brixworth entwickelt hat. Er wiegt zwar über 500 Kilo, hat dafür aber auch eine Kapazität von 60 kWh: "Kein anderes Elektroauto hat einen Akku mit einer derart großen Energiedichte", freut sich Projektleiter Feustel und verspricht nach immerhin 20 Stunden Ladezeit eine Reichweite von 250 Kilometern. Im Normzyklus mag das zu schaffen sein. Aber bei forcierter Gangart kann man vielleicht mit der Hälfte kalkulieren. Und wenn die Entwicklungsmannschaft über die Nordschleife jagt, dann ist schon nach einer Runde Zeit für den Boxenstopp.

Von

Thomas Geiger