135 Euro Millionen Euro: Diese astronimische Summe wurde im Jahr 2022 für den Mercedes 300 SLR Uhlenhaut bezahlt, womit das nur zwei Mal gebaute Uhlenhaut Coupé offiziell das teuerste Auto der Welt ist. Die Auktion fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit am 5. Mai 2022 im Mercedes-Museum in Stuttgart statt. An exakt demselben Ort wird am 1. Februar 2025 ein weiterer bedeutsamer Mercedes-Rennwagen versteigert, der W 196 R Stromlinienwagen!
Durchgeführt wird die Versteigerung vom renommierten Auktionshaus RM Sothebys, das den Schätzpreis des Autos mit über 50 Millionen Euro angibt. Doch was macht diesen einstigen Formel 1-Rennwagen so wertvoll?
Um die Signifikanz des W 196 R Stromlinienwagen zu verstehen, müssen wir viele Jahrzehnte zurückblicken: Im Jahr 1936 wurde Rudolf Uhlenhaut, der Namensgeber für das heute teuerste Automobil der Welt, in die Mercedes-Rennabteilung berufen – obwohl der junge Uhlenhaut keinerlei Erfahrung im Motorsport-Sektor aufweisen konnte. Durch Fließ und Ehrgeiz fuchste er sich jedoch schnell in die Materie hinein und wurde zu einer der Schlüsselfiguren in der Rennabteilung.

Mercedes' Rückkehr in den Rennsport

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wollte Mercedes in den Motorsport zurückkehren. Für dieses Vorhaben wurde der heute legendäre Mercedes 300 SL Flügeltürer unter der Leitung von Uhlenhaut entwickelt. Interessant wurde es jedoch, als die FIA kurzerhand die Formel 1-Saisons 1952 und 1953 aussetze und frühzeitig das Reglement für 1954 bekanntgab. Das gab Herstellern wie Mercedes ausreichend Zeit, ein Auto nach dem neuen Reglement zu konstruieren. Das Regelwerk sah vor, dass Saugmotoren einen maximalen Hubraum von 2,5 Litern und Turbomotoren nur mickrige 750 cm³ haben durften. Außer einem Monoposto-Layout gab es jedoch keinerlei Auflagen, was die Karosserieform betraf.
Mercedes-Benz W 196 R Stromlinienwagen
Die stromlinienförmige Karosserie wurde speziell für Hochgeschwindigkeitskurse entwickelt und soll unter 40 Kilo wiegen.
Bild: Mercedes-Benz AG & RM Sothebys
Genau hier sah Mercedes seine Chance für eine ruhmreiche Rückkehr in den Grand Prix-Zirkus und stellte den Verantwortlichen Budget und Kapazitäten zur Verfügung. Als Chefingenieur war Uhlenhaut zu dieser Zeit für die Konzeption des neuen Rennwagens verantwortlich und machte sich mit seinem Team an die Arbeit. Das Ergebnis wurde W 196 R getauft, ein fortschrittlicher Rennwagen mit frei stehenden Rädern, dessen Chassis in den Grundzügen denen des 300 SL Rennwagen (W 194) ähnelte.
Nachdem verschiedene Motorenkonzepte (unter anderem auch Zwölfzylinder) getestet wurden, entschied Mercedes sich für einen Reihenachtzylinder mit 2494 cm³, der streng genommen aus zwei miteinander kombinierten Vierzylindern bestand und vor allem aufgrund der prognostizierten Langlebigkeit den Vorzug erhielt. Der M 196 getaufte Achtzylinder lieferte anfänglich 256 PS. Im späteren Verlauf konnte die Leistung jedoch noch auf bis zu 290 PS gesteigert werden.

Zwei Karosserievarianten für den W 196 R

Da das FIA-Reglement zu dieser Zeit sehr vage formuliert wurde, überlegte man sich bei Mercedes, den neuen Rennwagen mit zwei unterschiedlichen Karosserievarianten auszustatten: eine Grand Prix-Konfiguration mit frei stehenden Rädern für normale Rennstrecken und eine besonders aerodynamische Stromlinien-Karosserie für Hochgeschwindigkeitskurse. Eine geniale Idee, wie sich um Laufe der Saison herausstellen sollte.
Die stromlinienförmige Karosserie aus Aluminium war nicht nur wunderschön anzuschauen, sie war auch extrem leicht. Laut Berichten wiegt die gesamte Karosserie unter 40 Kilo. Eingesetzt wurden die Stromlinienwagen getauften Rennautos in den Saisons 1954 und 1955, in denen sie mit Höchstgeschwindigkeiten an die 300 km/h nicht nur zu den schnellsten, sondern auch den erfolgreichsten Autos im Feld gehörten.
Mercedes-Benz W 196 R Stromlinienwagen
Der Reihenachtzylinder leistete zu Beginn 256 und zum Ende der Einsatzzeit bis zu 290 PS.
Bild: Mercedes-Benz AG & RM Sothebys
Ihre Premiere feierten drei Mercedes W 196 R Stromlinienwagen im Juli 1954 beim französischen Grand Prix in Reims. Am Steuer der drei Autos damals: Juan Manuel Fangio, Karl Kling und Hans Herrmann. Und Mercedes kam mit einem Paukenschlag zurück auf die Motorsport-Bühne. Fangio und Kling fuhren auf die Plätze 1 und 2 und sollten auch den Rest der Saison dominieren. Noch im Jahr 1954 wurde das hier gezeigte Exemplar, Chassis 00009/54 (die 54 steht für das Fertigungsjahr) fertiggestellt. Ursprünglich war das Auto ein Monoposto mit frei stehenden Rädern und langem Radstand (2350 Millimeter), der im Laufe seiner Rennkarriere jedoch umfunktioniert wurde.
Für die neue Saison 1955 wurden die W 196 R grundlegend überarbeitet. Um konkurrenzfähig zu bleiben, wurde nicht nur der Motor überarbeitet, sondern auch das Gewicht um etwa 70 Kilo gesenkt. Da das erste Formel 1-Rennen im Kalender jedoch erst im Mai stattfinden sollte, setzte Mercedes das hier gezeigte Auto zu Testzwecken bereits am 30. Januar 1955 beim Formula Libre Buenos Aires Grand Prix ein. Sehr zur Freude aller Fans konnte sich Lokalmatador Fangio den Sieg in seinem Heimatrennen sichern.
Mercedes-Benz W 196 R Stromlinienwagen
Heutzutage existieren nur noch vier Mercedes W 196 R Stromlinienwagen. Chassis 0009/54 wird zukünftig das erste Exemplar in Privatbesitz.
Bild: Mercedes-Benz AG & RM Sothebys
Im September desselben Jahres stand das letzte Rennen für Chassis 00009/54 an. Für die Saison 1955 wurde die Rennstrecke im italienischen Monza um eine neue Steilkurve ergänzt – genau die richtige Strecke also für die aerodynamisch überlegenen Stromlinienwagen. Da insgesamt acht Exemplare nach Monza gesandt wurden, wurde auch der W 196 R Chassis 00009/54 kurzerhand mit einer leichten Stromlinienkarosserie ausgerüstet. Mit der Startnummer 16 und keinem geringeren als Sir Stirling Moss am Steuer ging das Auto in Monza von Platz 2 ins Rennen. Nach einem durch eine kaputte Windschutzscheibe erzwungenen Boxenstopp fiel Moss auf Platz 8 zurück, bevor er in Runde 27 mit einem Motorschaden ausfiel. Als kleinen Trost konnte er sich zuvor die schnellste Rennrunde sichern.

Der Stromlinienwagen ging in die USA

Am Ende der Saison 1955 konnte sich Fangio auf Mercedes den Fahrertitel sichern, Stirling Moss wurde Zweiter, und Mercedes entschied sich dazu, das Engagement in der Formel 1 (vorerst) zu beenden. In Summe wurden 14 W 196 R (Chassisnummern 1 bis 15, wobei 11 nie vergeben wurde) gebaut, wovon zehn Exemplare am Ende der Saison einsatzbereit waren, vier davon mit Stromlinien-Karosserie. Im Oktober 1955 hielt Mercedes eine feierliche Zeremonie ab, bei der die erfolgreichen Rennwagen in den Ruhestand geschickt wurden. Der Plan war es, alle zehn Autos im Mercedes Museum einzulagern, doch später wurde entschieden, vier W 196 R an bedeutsame Museen auf der Welt zu spenden.

50 Millionen Euro Schätzpreis

Eines der Fahrzeuge war Chassis 0009/54, das am 30. Mai 1965 an die Indianapolis Motor Speedway Foundation gespendet wurde. In den folgenden sechs Jahrzehnten war der W 196 R Stromlinienwagen der Star des Indianapolis Motor Speedway Museum und wurde während dieser Zeit zweimal (1980 und 2015) behutsam aufgearbeitet. Zuletzt wurde der bedeutsame Rennwagen auf zahlreichen Events wie beispielsweise dem Amelia Island Concours d'Elegance 2020 oder dem Pebble Beach Concours d'Elegance 2024 gezeigt.
Im Februar 2025 wird dieser einzigartige Rennwagen versteigert und ist damit erst der zweite W 196 R, der zukünftig im Privatbesitz sein dürfte. Als Schätzpreis hat RM Sothebys über 50 Millionen Euro ausgegeben. Wir sind gespannt, wohin die Reise dieses unwiederbringlichen Autos als Nächstes geht!