Die Elektromobilität füllt mehr denn je das Kuriositäten-Kabinett. Erst recht, seitdem die Chinesen mächtig mitmischen. Denn auch wenn die Mehrzahl der Akku-Autos aus dem Reich der Mitte mehr oder minder stromlinienförmige SUV sind, spült uns die Elektro-Welle immer mal wieder auch ein paar spektakuläre Charakterköpfe auf die Straße, vor allem aus dem fernen Osten. Als Antwort auf den elektrischen Hummer, die G-Klasse mit EQ-Technologie und das BYD-Schlachtschiff Yangwang U8 kommt deshalb jetzt bald der nächste Strom-Schocker aus China: der MHero-1.
In der Schweiz hat der Verkauf des vermeintlichen Helden aus der Dongfeng-Familie zu Preisen ab umgerechnet gut 150.000 Euro bereits begonnen; bei uns soll es im Herbst losgehen und wir werden wohl mit einem kleinen Aufschlag rechnen müssen.
Der MHero-1 sieht aus wie eine G-Klasse auf Koks – und fährt auch so.
Bild: Dongfeng
Fünf Meter lang und gezeichnet wie eine G-Klasse auf Koks, gibt der Protzpanzer eine Mischung aus Hummer und Cybertrucks und lehrt Kleinwagenfahrern das Fürchten: Das Gesicht böse, der Blick stechend, die Backen breit und die Kanten rasiermesserscharf bewirbt er sich als Batmobil und sieht aus, als wolle er in Armageddon im Alleingang das Ende der Erde verhindern.

Martialischer Look

Dieser martialische Look kommt allerdings nicht von ungefähr. Denn genau wie der Hummer seinen Ruhm im Wüstenkrieg erlangt hat, hat auch der MHero1 militärische Wurzeln. Schließlich ist der Mutterkonzern Dongfeng ein wichtiger Lieferant der chinesischen Armee, steckt den MHero-1 dafür in Tarnkleidung und leistet sich Extras wie einen Nagelwerfer, mit dem sich Verfolger in bester Bond-Manier stoppen lassen.
Aber der MHero-1 stiehlt der Konkurrenz nicht nur beim Design die Schau, sondern lässt auch deren Antriebstechnik alt aussehen: Vier Motoren von je 272 PS und 350 Nm sichern ihm mit zusammen 1088 die Pole Position auf der Buckelpiste. Und auf glattem Asphalt reicht das bei 1400 Nm für einen Sprintwert von 4,2 Sekunden und ein Spitzentempo von 180 km/h. Spätestens, wenn man sich die mehr als drei Tonnen Lebendgewicht in Erinnerung ruft, klappt einem da schmerzhaft weit die Kinnlade herunter.
Vier Motoren von je 272 PS und 350 Nm sichern dem MHero-1 mit zusammen 1088 die Pole Position auf der Buckelpiste.
Bild: Dongfeng
Dass der MHero-1 so ein Schwergewicht ist, liegt zum einen natürlich an der schieren Größe und dem robusten Aufbau. Es liegt aber auch an dem riesigen CTL-Akku, der so einen Kraftakt erst ermöglicht. Rekordverdächtige 142 kWh haben die Chinesen dem Koloss unter den Bauch geschnallt und versprechen damit eine Normreichweite von 450 Kilometern.

MHero-1: riesiger Akku

Weil das für echte Abenteuer aber ein bisschen wenig sein könnte und es in der Wildnis schließlich keine Ladesäulen gibt, bieten sie den MHero-1 daheim auch mit Range Extender an. Den würde man sich womöglich auch bei uns wünschen, denn mit maximal 11 kW Ladeleistung am Wechsel- und 100 kW am Gleichstrom können Boxenstopps schon mal quälend lang werden.
Ach ja, der riesige Akku hat übrigens noch einen Haken: Er treibt das zulässige Gesamtgewicht auf 3,9 Tonnen - und sprengt damit den Pkw-Führerschein. Zumindest wenn er nach 1999 gemacht wurde. Aber beide Probleme sollen sich bald lösen: Daheim arbeiten die Chinesen mit Hochdruck an mehr Ladepower und in Brüssel beraten sie grade über neue Regelung, wonach Pkw mit Elektroantrieb bald auch 4,2 Tonnen wiegen dürfen.
Der China-Panzer ist kein Angeber, sondern ein Abenteurer.
Bild: Dongfeng
Während sich der MHero-1 mit seiner Luftfederung auf der Straße fährt wie eine Sänfte, und mit der Hinterachslenkung und einem Wendekreis von kaum mehr als zehn Metern überraschend handlich wirkt für so einen Koloss, schlägt seine große Stunde im Schlamm. Denn der China-Panzer ist kein Angeber, sondern ein Abenteurer: Auf Knopfdruck steigt die Bodenfreiheit um zehn auf 34 Zentimeter und die Wattiefe auf fast einen Meter. Kupplungen vorn und hinten sperren bei Bedarf mechanisch die Achsen und fünf Geländeprogramme von Schnee bis Sand programmieren entsprechend die Elektronik.
So taucht der MHero-1 heldenhaft durch knietiefe Schlaglöcher, kraxelt über Treppen und wühlt sich stur durch den Wald. Und wenn’s vorwärts mal nicht mehr weiter geht, beherrscht er auch den Krebsgang und kriecht seitlich aus der Bredouille.

Luxus, Lack und Leder im Innenraum

Während das Fußvolk beim Militär solche Abenteuer in karger Atmosphäre bestehen muss, packt der MHero-1 seine zivilen Insassen in Watte, bettet sie auf Thronsessel mit samtweichem Leder und fächelt ihnen ionisch geeinigte Parfumwolken um die Nase. Dabei kneten Luftkissen selbst den Hinterbänklern den Rücken und im Cockpit flimmern gleich drei riesige Bildschirme bis vor den Beifahrer.
Nur weil der MHero-1 mit Strom fährt, ist er noch lange nicht vernünftig.
Bild: Dongfeng
Aber bei all dem Luxus, Lack und Leder kann der MHero-1 auch hier seine militärische Herkunft nicht verhehlen. Im Gegenteil: Die Designer haben die Türgriffe wie Pistolen gestaltet, und wo man bei der G-Klasse beim Schließen das klassische Klacken eines Tresors hört, klingt es hier, als würde ein Schütze durchladen. Dass das dann vielleicht doch ein bisschen viel des Guten ist, haben selbst die Chinesen begriffen. Deshalb lässt sich dieser Soundeffekt tief im Menü ausschalten und es herrscht Waffenstillstand im Wagen.

Fazit

Natürlich rechtfertigt der Elektroantrieb nicht jedes extrem, und nur weil der MHero-1 mit Strom fährt, ist er noch lange nicht vernünftig. Aber er ist ein perfektes Spielzeug für Selbstdarsteller und Automobile-Abenteuer und zugleich eine Warnung an Marken wie Mercedes: Selbst eine G-Klasse ist vor Konkurrenten aus China nicht mehr sicher. Und was den Chinesen zur nötigen Aufmerksamkeit an Stil fehlt oder Tradition, das erzwingen sie mit Waffengewalt.