Nicht nur Autoabgase sind ein Umweltproblem – auch Reifenabrieb schadet der Natur. Jedes Jahr werden durch rollende Gummis Tausende Tonnen Mikroplastik freigesetzt.
110.000 Tonnen des giftigen Gemischs aus Kunststoffpartikeln, Zusatzstoffen (Additiven) und Straßenbelag entstehen pro Jahr alleine in Deutschland. Den Beweis bringt der Reifen selbst: Er ist am Ende seines Lebens ganze vier Kilo leichter.

Mikroplastik aus Reifenabrieb

Das Problem: Der nächste Regen schwemmt die Mixtur über den Straßengully auch in Flüsse, Böden und sogar in die Meere. Selbst Elektroautos können daran nichts ändern. Im Gegenteil: Sie sind meist schwerer als Verbrenner und produzieren deshalb noch mehr Abrieb.
"Jedes Jahr wird die Menge, die aus dem Auspuff kommt, kleiner und kleiner. Und die Menge, die aus den Reifen kommt, nimmt zu, weil die Fahrzeuge immer schwerer werden", betont Nick Molden bei der "Deutschen Welle". Er ist der Gründer von Emission Analytics, die Schadstoffe in der Luft messen.
Das Problem ist also längst erkannt, aber noch nicht gebannt. Doch mehrere Initiativen wollen dafür sorgen, es in den Griff zu bekommen.

Öko-Reifen, Filtersysteme, EU-Regulierungen

  • Michelin: Der Reifenhersteller entwickelt besonders langlebige Reifen. So konnte der Abrieb immerhin um durchschnittlich fünf Prozent verringert werden, verrät Michelin-Kommunikationschef Cyrille Roget bei "Focus online". "Aber wir wissen bis heute nicht, wie wir einen Reifen herstellen können, der sicher ist und gleichzeitig keine Partikel-Emissionen verursacht", so Roget. Deshalb suche man erneuerbare oder gar recycelte Materialien als Ersatz für chemische Zusätze im Reifen.

Tyre Wear - CEVT and The Tyre Collective
Ein kleiner Kasten hinterm Reifen könnte eine große Auswirkung auf die Natur haben.
Bild: Notified

  • Deutsches Luft- und Raumfahrtzentrum: Die Einrichtung hat einen geschlossenen Radkasten designt und den Prototyp "Zero Emission Drive Unit Generation 1" genannt. Er würde eine fast vollständig schadstofffreie Mobilität ermöglichen, wird aber noch nicht gebaut, weil die EU noch keine Grenzwerte für Reifenabrieb festgelegt hat, so DLR-Projektleiter Franz Philipps bei Focus Online.
  • Tyre Collectives: Das Londoner Start-up will die Reifenpartikel ebenfalls direkt an der Quelle abfangen. Die entsprechende Konstruktion wird an der Reifenkante befestigt. Ein Prototyp wurde erstmals 2021 getestet. Die Serienreife bleibt abzuwarten.
  • Technische Universität (TU) Berlin: In einem gemeinsamen Projekt mit der Audi-Umweltstiftung wollen deutsche Wissenschaftler das Problem im Bereich Abwasser angehen – konkret in den Straßengullys. Dafür hat man sogenannte "Urbanfilter" konstruiert, die an Abrieb-Hotsports, zum Beispiel Straßenkreuzungen, in die Abflüsse eingesetzt werden. Modellversuche zeigen: Bis zu 66 Prozent der Partikel können so abgefangen werden. Das Projekt von TU-Wissenschaftler Daniel Venghaus läuft noch bis Juli 2024. Danach ist eine gemeinnützig wirtschaftende Firma für Filter geplant.
Das ergibt Sinn, denn: "Filtersysteme sind die einfachste Lösung für die Industrie, am Ende zahlen die Kommunen und respektive der Steuerzahler", wird Thilo Hofmann von der Universität Wien und Leiter einer weiteren Studie zu Reifenabrieb von "Focus online" zitiert. "Was wir wirklich ganz dringend brauchen, sind grüne Alternativen bei den Plastikadditiven, die nicht toxisch sind."
Darüber wird in Brüssel derzeit beraten. Die EU will mit der Euro-7-Norm erstmals auch Grenzwerte für den Reifenabrieb festlegen. Die Reifenhersteller haben dafür bereits eine Methode entwickelt, mit der man den Abrieb messen kann.
Fest steht: Einen Reifen ohne Abrieb wird es so schnell nicht geben. Dafür aber Techniken, die den Abrieb verringern.