Seit 2020 dürfen Autofahrer mit einer kurzen Zusatzausbildung Motorräder und Roller bis 125 Kubik fahren – ganz ohne Prüfung. Der kleine Zusatzschein mit der Schlüsselzahl 196 boomt seit Jahren. Doch jetzt schlägt die Deutsche Verkehrswacht Alarm: Die Unfallzahlen explodieren – und der Ruf nach einer Abschaffung wird laut.

59 Prozent mehr Unfälle – Verkehrswacht schlägt Alarm

Die Zahlen sind drastisch: Laut einem neuen Bericht der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) sind die Unfälle mit Leichtkrafträdern seit Einführung des B196-Scheins um satte 59 Prozent nach oben geschossen (Zeitraum 2019–2022). Zum Vergleich: Vor 2019 sanken die Unfallzahlen drei Jahre in Folge – um rund ein Drittel. Für DVW-Präsidentin Kirsten Lühmann ein klarer Beweis: "Der vereinfachte Zugang ist sicherheitspolitisch gescheitert."
Die Unfallzahlen mit 125er-Motorrädern steigen massiv.
Bild: Olaf Itrich / AUTO BILD
Noch deutlicher ist der Blick auf die schweren Fälle: –37 Prozent Getötete und Schwerverletzte von 2015 bis 2019, +37 Prozent von 2019 bis 2022. Auffällig: Laut Bericht waren B196-Nutzer überproportional häufig Hauptverursacher ihrer Unfälle. Die Verkehrswacht sagt: kein Wunder – zu wenig Ausbildung, zu viel Risiko.

Kritik am "Wochenend-Schein"

In der Kritik steht vor allem die extrem leichte Ausbildung. Wer 25 Jahre alt ist und fünf Jahre einen Autoführerschein besitzt, bekommt die Berechtigung nach einer neunteiligen Kompaktschulung – viermal Theorie, fünfmal Praxis, jeweils 90 Minuten. Mehr braucht es nicht, um ein Leichtkraftrad mit bis zu 15 PS fahren zu dürfen – Fahrzeuge, die auf der Landstraße locker 100 km/h schaffen.
Lühmann warnt: "Motorräder haben eine 20-mal höhere Unfallwahrscheinlichkeit als Autos. Wer so ein Fahrzeug führt, braucht eine solide Ausbildung – keine Kurzschulung."

B196 bleibt ein Renner

Trotz der Kritik bleibt B196 beliebt. Viele Autofahrer nutzen die einfache Erweiterung, um günstiger zur Arbeit zu pendeln. Wer den Pkw-Führerschein noch vor April 1980 gemacht hat, darf ohnehin ohne jede zusätzliche Schulung 125er fahren – ein Detail, das die Verkehrswacht ebenfalls seit Jahren bemängelt.
Hinzu kommt ein weiterer Makel: Die B196-Berechtigung gilt nur in Deutschland und ermöglicht keinen direkten Aufstieg zu größeren Motorrädern.

Vollständige Rücknahme der Regelung?

Die Deutsche Verkehrswacht fordert nun eine politische Kehrtwende. "Ein Wochenendkurs genügt nicht, um ein Hochrisikofahrzeug sicher zu beherrschen", sagt Lühmann. Die DVW plädiert entweder für eine deutlich intensivere Ausbildung oder die vollständige Rücknahme der Regelung.
Die DVW ist seit 1924 einer der wichtigsten Akteure in der Verkehrssicherheitsarbeit und arbeitet bundesweit mit Hunderten regionalen Verkehrswachten sowie Polizei, Versicherern und Behörden zusammen. Ihr Wort hat Gewicht – und mit den neuen Unfallzahlen bekommt ihre Kritik neuen Schub. Ob B196 wirklich kippt, wird nun zur Frage an die Politik.