Nach Gewalt-Eklat: Warum JP Kraemers Entschuldigung nicht reicht
JP Kraemer entschuldigt sich, doch Verantwortung sieht anders aus

JP Kraemer hat Gewalt gegen seine Frau eingeräumt und sich entschuldigt. Trotzdem wird im Netz das Opfer angefeindet, während Fans ihr Idol verteidigen. Ein Kommentar.
Bild: jpperformance / YouTube
Irgendwas läuft hier gerade gewaltig schief. Da räumt Jean Pierre Kraemer selbst ein, seine Frau geschlagen zu haben. Er entschuldigt sich öffentlich und kündigt an, sich professionelle Hilfe zu holen.
Und was passiert? Im Netz wird darüber diskutiert, was seine Frau wohl getan haben könnte, um ihn so weit zu bringen. Während JP Kraemer also immerhin Verantwortung für eigenes Fehlverhalten übernimmt, arbeiten Teile seiner Fangemeinde schon wieder daran, ihm diese Verantwortung abzunehmen.
Seit wann muss sich das Opfer rechtfertigen?
Wie absurd ist das eigentlich? Seit wann muss sich das Opfer rechtfertigen?
Natürlich gibt es in einer Ehe zwei Menschen. Natürlich wissen wir nicht, was hinter verschlossenen Türen alles passiert ist. Und natürlich muss auch Kraemers Behauptung ernst genommen werden, dass er selbst von seiner Frau geschlagen worden sei. Nur macht das seinen eigenen Schlag nicht ungeschehen, den Kraemer ja nicht einmal bestreitet.

Eine öffentliche Entschuldigung ist für viele nur der erste Schritt. Entscheidend wird sein, was nun folgt.
Bild: jpperformance / YouTube
Trotzdem erleben wir einen Reflex, der weit über diesen Fall hinausgeht: Aus der Frage „Warum hat ER das getan?“ wird plötzlich „Was hat SIE getan, damit ER sowas tut?“ Das ist Täter-Opfer-Umkehr.
Und nein, das bedeutet nicht, Kraemer pauschal zum Monster und seine Frau zur Heiligen zu erklären. Auch Männer können Opfer häuslicher Gewalt sein. Aber eine mögliche (Mit)-Schuld des einen egalisiert nicht die Schuld des anderen.
Und dann sind da noch 80 Mitarbeiter
Was allerdings mindestens genauso irritiert, ist das Bild, das Kraemer danach als Unternehmer abgibt. Er zieht sich zu seinem Vater auf die Bahamas zurück und verkündet von dort per Video, dass er JP Performance nicht weiterführen und seine Unternehmen schließen werde.
Vielleicht braucht ein Mensch nach einem solchen persönlichen Zusammenbruch tatsächlich Abstand. Und wenn Kraemer eine Therapie beginnen will, ist das wichtiger als das nächste YouTube-Video oder der nächste getunte Porsche.
Aber er ist eben nicht nur YouTuber. Er ist Unternehmer. An seinem Firmengeflecht hängen rund 80 Mitarbeiter. Und deshalb endet Verantwortung nicht mit der Ankündigung, alles zu schließen.
Denn während der Chef auf den Bahamas sitzt, werden in Dortmund Geschäfte geschlossen, Scheiben abgeklebt und Inventar eingelagert. Ein Mitarbeiter sagte zu BILD, die Zukunft der Belegschaft sei völlig offen. Diese Menschen haben Kraemers Fehler nicht gemacht. Trotzdem bezahlen sie möglicherweise einen Teil des Preises.
Natürlich wissen wir nicht, was intern alles geregelt wird. Vielleicht ist die Schließung wirtschaftlich tatsächlich alternativlos. Vielleicht funktioniert eine Marke, die derart eng an JP Kraemer gekoppelt ist, ohne JP Kraemer schlicht nicht.
Aber dann gehört es zur Verantwortung eines Unternehmers, genau diesen Prozess ordentlich zu begleiten und dafür zu sorgen, dass die Menschen, die jahrelang für ihn gearbeitet haben, wissen, wie es für sie weitergeht.
Eine Entschuldigung ist erst der Anfang
Menschen können Fehler machen und sich verändern. Kraemer hat sich entschuldigt und angekündigt, sich Hilfe zu holen. Das ist richtig. Ob seine Reue glaubwürdig ist, entscheidet sich nicht in einem YouTube-Video. Sondern danach. Im Umgang mit seiner Frau, mit den Vorwürfen (auch gegen sie) und mit den 80 Menschen, die für seine Unternehmen gearbeitet haben.
Denn Verantwortung zu übernehmen bedeutet auch dann zu bleiben, wenn es unangenehm wird.
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