National Corvette Museum in Kentucky: 70 Jahre Sportwagen-Geschichte
Im Corvette-Himmel wird der Vette-Kult gefeiert

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70 Jahre Sportwagengeschichte schreien nach einer eigenen Huldigungsstätte: Am Produktionsort der Vette in Kentucky steht das National Corvette Museum mit spektakulären Exemplaren aller Baureihen. Alle Infos!
Bild: Hersteller
Kaum ein anderes Gebäude mit automobilem Bezug kann von sich behaupten, Begeisterung und Drama so unter einem Dach zu vereinen wie das National Corvette Museum in Bowling Green, Kentucky. Direkt neben dem Corvette-Werk, auf der anderen Seite des Highway 446 steht ein Bauwerk, das – als es Anfang der 90er-Jahre designt wurde – sicher als futuristisch galt.
Besonders auffällig: der gelbe Skydome mit dem roten Stachel. Der Begriff Stingray lässt grüßen … Das Museum selbst ist nahezu komplett auf private Initiative entstanden und wurde durch Spenden und zwei Kredite lokaler Banken finanziert. General Motors selbst beteiligte sich
zunächst nicht, versteigerte aber dann doch die 999.999. Corvette zugunsten des Museums und versprach die einmillionste als Ausstellungsstück – die frühen 90er waren eine schwere Zeit für amerikanische Autobauer.
zunächst nicht, versteigerte aber dann doch die 999.999. Corvette zugunsten des Museums und versprach die einmillionste als Ausstellungsstück – die frühen 90er waren eine schwere Zeit für amerikanische Autobauer.

Das NCM ist Anfang der 90er auf private Initiative hin entstanden. Heute arbeitet das Museum eng mit dem Werk zusammen.
Bild: Hersteller
Heute arbeitet das Museum dafür umso enger mit dem Werk zusammen, haben beide doch ein gemeinsames Ziel: den Fankult um die Corvette zu erhalten und zu stärken. Und so kommt es, dass Neukunden ihre C8 persönlich im Museum abholen können, verbunden mit einer Werksführung und dem obligatorischen Rundgang durch die Geschichte ist das gleich der perfekte Start in die neue Corvette-Beziehung. Im Anschluss noch ein Burger im "Stingray Grill", und alle sind glücklich.
Das Museum selbst führt die Besucher zunächst chronologisch durch die Epochen, bricht dann jedoch mit einigen Sonderausstellungen aus der traditionellen Erzählphilosophie aus. Alles beginnt mit Harley Earl und der Idee zur ersten Corvette. Die ist eng verbunden mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bzw. den Jahren direkt danach. Denn die in den Folgejahren aus Europa heimkehrenden US-Soldaten hatten sich in die dort beliebten kleinen britischen Roadster verguckt – und brachten diese oft sogar mit nach Hause.
Zu ihren Anfängen lief die Corvette intern als "Project Opel"
Um von diesem Durst nach Jaguar und MG auch ein Stück abzubekommen, entwickelte GM Anfang der 50er seine eigene Interpretation eines kleinen, leichten Sportwagens: das "Project Opel". General Motors hatte die Marke Opel bereits 1929 gekauft, und da in den USA kaum jemand etwas mit dem Namen anfangen konnte, war er der perfekte Arbeitstitel, um die Corvette im Geheimen entwickeln und designen zu können.
1952 wurde dann auch der Projektname intern von Opel zu Corvette geändert. Zwischenzeitlich war übrigens auch der Name Cougar kurz im Gespräch – und es existieren sogar einige wenige Fotos von einem Prototyp mit Cougar-Schriftzug auf der Flanke.

Die allererste Corvette von 1953 aus der Feder von Design-Legende Harley Earl als Halb/halb-Schnittmodell.
Bild: Hersteller
Genau wie die Idee einer Metallkarosserie wurde dies jedoch schnell wieder verworfen, denn dass der Corvette-Body seit nunmehr 70 Jahren aus Fiberglas besteht, stand Ende 1952 noch auf der Kippe. In einem internen Dokument ist zu lesen, dass die Produktion auf 1954 verschoben werden und alle Autos eine Stahlkarosserie bekommen sollten. Am Ende kam es dann doch anders, und Chevrolet baute 1953 ganze 300 Autos – sonst würden wir 2023 kein Jubiläum feiern.
Ohne Zora Arkus-Duntov gäbe es die Corvette heute wohl längst nicht mehr
Auch wenn ein gewisser Zora Arkus-Duntov nicht 1953 angefangen hätte, bei Chevrolet zu arbeiten, wäre die Corvette wohl nur eine Randnotiz der amerikanischen Automobilgeschichte geworden. Zwar waren Design-Guru Harley Earl und Chefingenieur Ed Cole die treibenden Kräfte hinter dem Projekt, aber Arkus-Duntov sorgte dafür, dass die Corvette Ende der 50er neben Porsche, Jaguar und Ferrari in den Boxengassen der Rennstrecken stand. Der lasche „Blue Flame“-Sechszylinder wurde gegen einen standesgemäßen V8 getauscht, Kniffe an Fahrwerk und Aerodynamik machten die Vette vom Cruiser zum echten Sportwagen.

Ohne Fords Thunderbird würde es die Corvette heute wohl nicht mehr geben.
Bild: Hersteller
Und ein weiterer Retter der Corvette steht am Anfang der Ausstellung: der Ford Thunderbird. Was zunächst Stirnrunzeln auslöst, ist logisch, denn ohne den Erfolg des T-Bird, der zwei Jahre nach der ersten Corvette aus dem Stand jene Verkaufszahlen erreichte, die sich Chevrolet eigentlich erhofft hatte, hätten die GM-Bosse vermutlich bei der Vette den Stecker gezogen.
Zwischen den Generationen stehen immer mal wieder Concept Cars
Nach dem anfänglichen Überlebenskampf von Amerikas Sportwagen gehen wir durch die Epochen: In liebevoll gestalteten Displays werden die einzelnen Baureihen zeitgenössisch präsentiert, dazwischen haben die Kuratoren immer wieder Highlights platziert – etwa das Mako Shark Concept Car aus der Feder von Designer Larry Shinoda, der unter der Leitung von Bill Mitchell als einer der Väter des Coke-Bottle-Designs gilt. Mitchell selbst hatte Ende 1958 den Posten als Designchef von Harley Earl übernommen, der sich in den Ruhestand verabschiedet hatte.
Über die Motorsport-Sektion der Ausstellung gelangt der Besucher in den Skydome, wo neben weiteren besonderen Modellen aus der Historie auch die Mitglieder der Hall of Fame an den Wänden verewigt sind. Jedes Jahr ehrt das Museum drei verdiente Corvette-Legenden.
Durch einen Raum, der sich mit dem Einsturz des Kuppelbodens beschäftigt, gelangt der Besucher nach all dieser Reizüberflutung zu einer letzten Sonderausstellung. Noch bis Ende des Jahres werden hier die Werke von Carl Casper gezeigt, der vor allem Filmautos für Hollywood-Produktionen designte.
Durch einen Raum, der sich mit dem Einsturz des Kuppelbodens beschäftigt, gelangt der Besucher nach all dieser Reizüberflutung zu einer letzten Sonderausstellung. Noch bis Ende des Jahres werden hier die Werke von Carl Casper gezeigt, der vor allem Filmautos für Hollywood-Produktionen designte.

Nur 1464 Stück wurden von der 427er in der Farbe "Marlboro Maroon" gebaut. Auch Sänger Roy Orbison hatte ein '67er Cabrio. Im inneren des Dome ist auch die Hall of Fame verewigt.
Bild: Hersteller
Und dann wäre da noch die Geschichte, die wir vorhin schon angedeutet hatten: Es war der Tag, an dem sich die Erde auftat. In Kentucky sind Höhlen nichts Besonderes. Viele Bewohner leben sogar vom Tourismus mit den faszinierenden Untergrundgebilden. Etwas anderes sind die sogenannten "Sinkholes" – im Deutschen spricht man von einer Doline. Hierbei wird durch Grund- oder Oberflächenwasser leicht lösliches Gestein unterirdisch verschoben, wodurch sich ein Loch auftut.
Im Februar 2014 tat sich in Kentucky die Erde auf – genau unter dem NCM
Genau das ist am Morgen des 12. Februar 2014 um 5:44 Uhr geschehen – exakt unter dem Dome des National Corvette Museums und in einem Durchmesser von rund 12 Metern. Acht historische Corvette riss der Einsturz in die Tiefe. Davon waren fünf nicht mehr zu retten: Ein 1984er Indy Pace Car, das ZR-1 Spyder Concept Car von 1991, eine ’93er 40th Anniversary, eine 2001er Mallett Corvette sowie die 1,5-millionste Vette aus dem Jahre 2009.
Die anderen drei konnten restauriert werden. Die einmillionste Corvette – ein weißes C4 Cabrio – und die rechts gezeigte „Blue Devil“ ZR1 seitens GM, das schwarze 1962er Hardtop Convertible baute das NCM in mühevoller Kleinarbeit wieder auf. Heute zeugt eine Sonderausstellung von den Ereignissen an diesem schicksalshaften Morgen.

Designkonzepte waren schon immer Teil des Mythos. Hier der Mako Shark I aus der Feder von Larry Shinoda.
Bild: Alexander Bernt
Nach all der Geschichte noch ein paar organisatorische Dinge, falls Sie nun auf den Geschmack gekommen sind und Ihren nächsten USA-Trip bereits in Gedanken (um)planen: Am lohnenswertesten ist ein Abstecher ins NCM, wenn Sie ohnehin durch die Musik-Metropole Nashville kommen. Von dort ist es über die Interstate 65 nur eine gute Stunde bis Bowling Green. Und wie schon das Corvette Museum leidvoll erfahren musste, gibt es in der Gegend viel Spektakuläres zu entdecken – etwa die Lost River Cave direkt im Ort.
Auch rund um das Museum gibt es viel zu entdecken
Rund eine halbe Stunde nördlich lockt der Mammoth-Cave-Nationalpark mit spektakulären Höhlengebilden und direkt daneben – eine persönliche Empfehlung des Autors – die Hidden River Cave mit der längsten unterirdischen Hängebrücke der Welt. Definitiv nichts für Klaustrophobiker!
Von Norden gesehen ist Louisville die nächstgrößere Stadt, etwa zwei Autostunden entfernt. Zur Hauptsaison von Anfang März bis Ende Oktober hat das Museum von 9 bis 17 Uhr geöffnet, letzter Einlass ist um 16.30 Uhr. Der Eintritt kostet 18 Dollar für Erwachsene.
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