Nissan GT-R Nismo: Fahrbericht
Sayonara, Godzilla – ein letztes Mal durch Tokio mit dem Nissan GT-R

Er war der Underdog unter den Supersportwagen und Japans brutalstes PS-Monster: der Nissan GT-R. Aber bald soll es eine neue Generation für Godzilla geben. Bis dahin drehen wir noch einmal mit dem Original eine Runde durch Tokio.
Bild: Daijiro Kori
Der 26. August 2025 war ein freudiger Tag – zumindest für Porsche, Ferrari & Co. Doch die Petrolheads haben damals Trauer getragen. Denn an diesem Tag ist in Yokohama nach fast biblischen 18 Jahren und 48.000 Exemplaren der letzte GT-R vom Band gelaufen, verabschiedet von einem jener nur neun "Meister", die als sogenannte Takumi über all die Jahre den Kern der Mannschaft ausgemacht und sich mit einer Plakette im Motorraum verewigt haben.
Und so, als hätte sich Godzilla als japanischstes aller Monster wieder zurück ins Meer verkrochen, war die PS-Welt auf der linken Spur plötzlich wieder in Ordnung. Die europäische Elite konnte aufatmen und hatte wieder freie Fahrt, ohne dass ihr ein Underdog aus Japan die Schau stehlen würde.
Nissan GT-R Nismo: brutal statt geschniegelt
Bis zu jenem schicksalhaften Dienstag allerdings hat der GT-R, den die Fans besser als Baureihe R35 kennen, diese Welt so durcheinandergebracht wie jene aus einem Atomunfall geborene Schreckenskreatur, die ihm seinen Spitznamen eingebracht hat. Denn in diesem Auto steckt keine Eleganz, keine Leichtigkeit, kein Versuch, es irgendjemandem recht zu machen. Stattdessen rohe Gewalt, kanalisiert durch ambitionierte Technik.

Unsichtbar im Alltag: Selbst 600 PS wirken in Tokio fast gewöhnlich.
Bild: Daijiro Kori
Brutalität, die nicht chaotisch ist, sondern kontrolliert. Und als wäre das nicht schon faszinierend genug, ist diese Bestie aus einer Welt geboren, die ansonsten angepasster, biederer und braver kaum sein könnte. Schließlich steht Japan eher für langweilige Limousinen, effiziente Hybride und kuschelige Kei-Cars denn für brachiale PS-Bestien.
Letzte Runde im Nismo
Kein Wunder, dass sich alle Welt nach einem Sequel für Godzilla sehnt. Doch Nissan steckt tief in einer Krise, und Vorstandsboss Ivan Espinosa muss erst einmal mit Autos wie dem Leaf oder dem Qashqai in Europa oder dem Patrol im Rest der Welt Masse machen, damit genug Geld für einen Nachfolger in der Kasse ist.
Deshalb haben wir uns noch einmal eines der letzten Modelle besorgt und sagen bei einer Rundfahrt durch seine Heimat Tokio traurig Sayonara zu einem Auto, das für den Fahrer ein Traum ist und für die Konkurrenz wie ein Albtraum war. Und weil es schließlich richtig wehtun soll, ist das natürlich ein Nismo, die brutalste Ausbaustufe, die es durch die Zulassung geschafft hat. Denn was bei der Premiere 2007 mal mit 480 PS begonnen hat, gipfelt hier in 600 PS, die so scharf serviert werden wie frisch geriebener Wasabi.
Tokio im Rückspiegel
Ja, er hat eine fiese Fratze, trägt eine Rüstung aus Carbon und wurde extra für den riesigen Spoiler hinten raus noch einmal verlängert. Aber am helllichten Tag in Tokio wirkt selbst dieser Nismo in seiner Mischung aus Grau und Babyblau fast unscheinbar. Rund um die Tokyo Station und die Ginza jedenfalls verschwindet er zwischen Vans und Limousinen, als wäre er nur ein weiterer Pendler.

Der riesige Heckflügel ist kein Design-Gag, sondern Funktion.
Bild: Daijiro Kori
Doch dieser Eindruck hält genau so lange, bis sich die Straße öffnet, bis es auf den Shuto Expressway geht, über die Rainbow Bridge oder in einen der vielen Autobahntunnel, die sich wie Murmelbahnen durch den Untergrund der Hauptstadt schlängeln und den perfekten Resonanzraum bilden für das Röhren des Sechszylinders.
Dann passiert das, was diesen Wagen immer ausgezeichnet hat: Er schlägt zu.
Nicht mit Drama. Nicht mit Pathos. Sondern mit einer Wucht, die in der Nismo-Version noch unmittelbarer wirkt. Der Biturbo hängt giftiger am Gas, baut noch aggressiver Druck auf und prügelt durch die Sechsgang-Doppelkupplung mit der Schärfe eines Samurai-Schwertes mal eben 652 Nm auf den Asphalt. Kein Gesang, kein Theater – nur Vortrieb. Und zwar in einer Form, die selbst heute noch Respekt einflößt.
Schließlich schleudert der 3,8 Liter große Sechszylinder das Allrad-Coupé in 2,8 Sekunden auf Tempo 100, und wer jetzt nicht ganz schnell den Fuß lupft, fährt auf kürzestem Weg in den Knast: "Geh ins Gefängnis, begib dich direkt dorthin, nicht über Los", hörst du im Hinterkopf als Menetekel. Dabei könnte der Nismo noch mehr, so viel mehr. Schließlich ist erst bei 315 km/h Schluss.
Mythos GT-R lebt weiter
Und er hat es oft genug bewiesen. Dabei war der GT-R nie ein Supersportwagen im klassischen Sinne. Während ein Porsche 911 Turbo oder ein Ferrari F8 ihre Leistung in Stil und Geschichte verkleiden, hat der Nissan sie einfach geliefert. Direkt. Ohne Verpackung. Ohne Entschuldigung und ohne Umschweife.

Der 3,8-Liter-Biturbo trägt die Plakette eines Takumi-Meisters – gebaut für Leistung, nicht für Sympathie.
Bild: Daijiro Kori
Dabei war der vielleicht größte Affront dieses Autos nicht einmal seine Performance. Es war sein Preis. In Deutschland kostete der GT-R lange Zeit nur einen Bruchteil dessen, was die etablierte Konkurrenz aufrief. Wo andere längst jenseits der 200.000-Euro-Marke unterwegs waren, hat Nissan diese Hürde erst mit dem Nismo geknackt – und der war fast doppelt so teuer wie das Grundmodell.
Das war mehr als ein Angebot. Es war eine Provokation. Ein Auto, das auf der Rennstrecke mit den Besten mithalten konnte – und auf dem Preisschild wirkte, als hätte jemand eine Null vergessen. Für Puristen war diese Heldensaga vom Underdog als Überflieger ein Geschenk. Für die Konkurrenz ein Problem. Und für viele ein Grund, ihn nicht ganz ernst zu nehmen. Ein Fehler.
Denn wer ihn fährt, merkt schnell: Dieser Wagen hat nichts von einem Kompromiss – und als Nismo schon gar nicht. Er ist härter, direkter, kompromissloser abgestimmt. Die Lenkung verlangt volle Konzentration. Das Getriebe arbeitet noch schärfer, fast ungeduldig. Und das Fahrwerk kennt endgültig keine Nachsicht mehr. Aber genau darin liegt seine Ehrlichkeit. Der GT-R will nicht gefallen. Er will funktionieren.
Maßstab auf der Straße
Richtig zur Geltung kommt das auf den Straßen am Mount Fuji oder in den endlosen Autobahnwirbeln und -wickeln der Hauptstadt, zum Beispiel rund um die legendäre Raststätte Daikoku. Dort, wo Kurven nicht dekorativ sind, sondern entscheidend. Hier zeigt sich, wie dieser vermeintliche Außenseiter – in seiner extremsten Ausprägung – plötzlich zum Maßstab wird. Grip, Traktion, Präzision – der GT-R verwandelt all das in eine Form von Geschwindigkeit, die sich weniger spektakulär anfühlt, als sie tatsächlich ist. Und genau deshalb so effektiv.

Tiefe Schalensitze, viel Carbon – der GT-R Nismo ist auf den Fahrer fokussiert, nicht auf Wohlfühlatmosphäre.
Bild: Daijiro Kori
Sein Mythos wurde nicht nur auf Asphalt geschrieben. Auch die Popkultur hat ihren Teil beigetragen. Spätestens mit dem Film "Fast & Furious" wurde der GT-R zur globalen Ikone. Als Brian O’Conner alias Paul Walker einen Skyline GT-R bewegte, bekam dieses Auto ein Gesicht. Plötzlich war es nicht mehr nur Technik. Es war Charakter, Loyalität und dieser unbedingte Wille, gegen alle Erwartungen zu bestehen. Doch selbst dieser Ruhm hat ihn nicht gezähmt. Der GT-R blieb das, was er immer war: ein Herausforderer. Einer, der sich nie um Hierarchien gekümmert hat. Einer, der nie gefragt hat, ob er darf.
Sein Abschied ist deshalb mehr als nur das Ende eines Modells. Es ist das Verschwinden eines Gegenentwurfs. Einer Idee von Supersportwagen, die sich nicht über Luxus definiert, sondern über Leistung. Nicht über Image, sondern über Ergebnis.
Godzilla kommt zurück
Und doch – ganz typisch für Godzilla – wirkt selbst dieses Ende nicht endgültig. Denn auch Nissan-Chef Espinosa hat begriffen, dass Nissan ohne GT-R so ist wie die Skyline von Tokio, ohne dass sich dahinter der heilige Mount Fuji ins Bild drängt. Langweilig und austauschbar. Solange irgendwo auf der Welt ein Supersportwagen gebaut wird, der zu teuer, zu geschniegelt und zu angepasst ist, wird es immer Platz geben für einen wie ihn.
Deshalb lässt er keinen Zweifel daran, dass Godzilla wiederkommt. Nicht heute, nicht morgen. "Aber diese Ikone hat für uns oberste Priorität", schürt er die Hoffnung. Und bis die sich erfüllt, drehen wir halt noch eine Runde mit dem Nismo. Und noch eine und noch eine. Denn Godzilla kennt keinen Schlaf.
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