Piiiieeeep, Ding-Dong, Palim-Palim – oder zumindest so ähnlich. Wer Nissan Leaf fährt, braucht starke Nerven. Oder fährt besonders vorschriftsmäßig, besonders defensiv und besonders aufmerksam, richtet den Blick stets starr nach vorn, geht weit vor Kurven vom Gas.
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Nissan

Leaf 75 kWh

Nissan Leaf
Grund: Der neue Elektro-Kompakte warnt, zeigt, führt und assistiert mit der Strenge einer 80-jährigen Gouvernante. Spurhalter, Temposchilderkennung, Aufmerksamkeitsassistent oder auch Auffahrwarnung sind streng auf hab Acht gedrillt, weisen den Fahrer bereits bei kleinsten Verfehlungen – und zuweilen auch kaum nachvollziehbar – akustisch darauf hin.

Überblick: Für wen passt der Nissan Leaf?

  • Für Pendler und Alltagsfahrer, die überwiegend im Stadt- und Umlandverkehr unterwegs sind und von der ordentlichen Praxisreichweite profitieren.
  • Für komfortorientierte Autofahrer, die eine bequeme Sitzposition, eine komfortable Federung und ein leises Auto suchen.

Optisch zwischen SUV und Kompaktklasse

Doch der Reihe nach. Der Leaf gehört zu den Pionieren der Liga, summt seit 2010 auch über deutsche Straßen und hat die "Golf-Klasse" zumindest technisch sehr ordentlich elektrifiziert. Nun steht die neueste Modellreihe am Start – positioniert sich entsprechend brandaktuell bei uns auf der Testbahn.
Nissan Leaf
Auffällig: Zweifarbig lackiert, stark abfallende Dachlinie, große Räder — der neue Leaf ist ein Hingucker mit Wiedererkennungswert.
Bild: Olaf Itrich / AUTO BILD
Wir prüfen im ersten Einzeltest die Variante Evolve mit 217 PS Leistung und rund 75 kWh fassendem Akkupaket (netto). Damit ist der 75er das stärkste und energiereichste Modell der Reihe, entsprechend vielversprechend klingen die Eckdaten. Dank der größeren Batterie soll der Leaf 624 Kilometer weit kommen, dabei im Durchschnitt 14,7 kWh Energie pro 100 Kilometer Fahrstrecke verwerten. Theoretisch eine gute Basis.

Fahrzeugdaten

Fahrzeugdaten
Motor Bauart
Synchronelektromotor
Einbaulage
vorn
Spitzenleistung
160 kW (217 PS)
maximales Drehmoment
355 Nm
Dauerleistung
70 kW (95 PS)
Vmax
160 km/h
Getriebe
Einganggetriebe
Antrieb
Vorderradantrieb
Bremsen vorn/hinten
Scheiben/Scheiben
Testwagenbereifung
235/45 R 19 V
Reifentyp
Hankook iOn evo EV
Radgröße
7,5 x 19"
Reichweite*
624 km
Verbrauch*
14,7 kWh/100 km
Ladeanschluss
vorn rechts
Batterieart
Lithium-Ionen
Batteriekapazität (netto)
75,1 kWh
Ladeleistung (AC/DC)
11/150 kW
DC-Ladedauer (20-80%)
ca. 30 Minuten
Vorbeifahrgeräusch
61 dB(A)
Anhängelast gebr./ungebr.
975/750 kg
Stützlast
75 kg
Kofferraumvolumen
437–1052 l
Länge/Breite/Höhe
4350/1810–2098**/1550 mm
Radstand
2690 mm
Grundpreis
41.200 Euro
Testwagenpreis (wird gewertet)
48.000 Euro

WLTP-Reichweite wird deutlich verfehlt

Und in der Praxis? Sie ahnen es: Nicht ganz so gut. Das Verbrauchsversprechen hält der Kompakte nämlich nicht ein, hat auf der AUTO BILD-Runde über 18 kWh durchgeheizt. Daraus ermitteln wir maximal 431 Kilometer Aktionsradius. Das ist für die Liga passabel, doch nicht herausragend.
Nissan Leaf
Im Test schaffte der Leaf 431 Kilometer mit einer Akkuladung. An sich ganz passabel, laut WLTP soll er aber bis zu 624 Kilometer weit kommen.
Bild: Olaf Itrich / AUTO BILD
Das gilt auch für das Ladekönnen des Nissan. An der Wallbox zapft er mit maximal 11 kW Leistung Wechselstrom nach, am Schnelllader sind 150 kW möglich. Zum Vergleich: Ein Mercedes CLA schafft mehr als das Doppelte. Entsprechend sind die Ladezeiten (schnellste Variante 10 bis 80 Prozent in rund 30 Minuten) nicht berauschend. So weit die Einordnung an der Steckdose.

Leaf fühlt sich satt und verbindlich an

Auf der Straße darf sich der neue Leaf deutlich höher positionieren. Schließlich summt er mit Schwung und Eleganz durch den Alltag. Er beschleunigt nachdrücklich und gleichförmig, läuft leise auch bei höherem Tempo. Bis 160 km/h Spitze "erlaubt" Nissan, die sind zügig erklommen.
Nissan Leaf
Problemlos: Die Vorderräder bringen die 355 Nm des Elektromotors gut auf die Straße. So geht es in 7,4 Sekunden auf Tempo 100. Maximal sind 160 km/h drin.
Bild: Olaf Itrich / AUTO BILD
Dabei fühlt sich der Leaf satt und verbindlich mit der Straße verbunden an, läuft einwandfrei geradeaus. Trotz Frontantrieb (im Maximum schickt die Elektromaschine 355 Newtonmeter Drehmoment in Richtung Einganggetriebe) bringt er die Kraft gut auf die Straße.

Bremsen mit Optimierungspotenzial

In Kurven spürt man die Seitenneigung der Karosserie und das Gewicht des Leaf – er bringt bei kompakten 4,35 Meter Außenlänge immerhin rund 1,9 Tonnen auf die Waage. Dennoch meistert er Ausweichversuche sehr fahrstabil.
Nissan Leaf
Das ESP agiert schnell und sorgfältig, hält den Leaf beim Ausweichen sicher in der Spur. Die Bremsen dürften dagegen gerne effektiver sein.
Bild: Olaf Itrich / AUTO BILD
Das elektronische Stabilitätsprogramm arbeitet schnell und sorgfältig. Einzig die Bremsen dürften effektiver beißen – die bis zu fast 37 Meter Bremsweg bringen dem Leaf letztlich nur die halbe Punktzahl bei unserer Bewertung ein.

Messwerte

Messwerte
Beschleunigung
0–50 km/h
3,2 s
0–80 km/h
5,4 s
0–100 km/h
7,4 s
0–130 km/h
11,6 s
Zwischenspurt
60–100 km/h
3,6 s
80–120 km/h
4,7 s
Leergewicht/Zuladung
1911/489 kg
Gewichtsverteilung v./h.
55/45 %
Wendekreis links/rechts
11,3/11,3 m
Sitzhöhe
625 mm
Bremsweg
aus 100 km/h kalt
36,4 m
aus 100 km/h warm
36,7 m
Innengeräusch
bei 50 km/h
55 dB(A)
bei 100 km/h
65 dB(A)
bei 130 km/h
68 dB(A)
Verbrauch
Sparverbrauch
14,6 kWh/100 km
Testverbrauch Durchschnitt der 155-km-Testrunde
(Abweichung zur WLTP-Angabe)
18,2 kWh/100 km 
(+23 %)
Sportverbrauch
24,3 kWh/100 km
CO2 (lokal)
0 g/km
Reichweite (Testverbrauch)
431 km
Dynamik ist also nicht sein Hauptfach. Eher Komfort. Denn er ist bequem, bietet nicht zu eng geschnittene Sitzergonomie, die Polster stützen Rücken und Po optimal. Aktive Fahrer vermissen eine schlüssige Einbindung ins Auto – es sitzt sich etwas aufgebockt und frei stehend in Reihe eins.

Moderner und feiner Innenraum

Im Innenraum geht es dank sorgfältiger Stoffbespannung der oberen Verkleidungselemente modern und fein zu. Statt Mitteltunnel gibt es einen luftigen Fußraum, reichlich Fächer und Ablagen nehmen Smartphones und Kleinkram auf. Gleichzeitig führt das nach vorn gerückte Armaturenbrett zu einem angenehm Van-artigen Raumgefühl. Schade: Hinten sitzt man aufgrund der ausgeprägten Außenkonturen der Fondlehne leicht eingedreht, große Schuhe passen kaum unter die Vordersitze.
Nissan Leaf
Schnörkelloses Interieur: große Bildschirme, dazu feste Tasten – im Prinzip ein gut sortiertes Cockpit. Auch das Raumgefühl passt.
Bild: Olaf Itrich / AUTO BILD
Für den Fahrer nicht angenehm: Er muss das Auto gut abschätzen lernen, die Übersicht ist mäßig. Auf der ebenso schrägen wie flachen Heckscheibe sammeln sich Wassertropfen, einen Heckwischer gibt es nicht, das erschwert den Ausblick. Trost: Eine Rundumkamera baut Nissan serienmäßig ins Auto, die assistierte Überwachung (Stau, Querverkehr etc.) ist brauchbar vorhanden.

Wertung Nissan Leaf

Wertung Nissan Leaf
Karosserie
Im Fond eng, Kofferraumgröße und Zuladung durchschnittlich, unübersichtliches Auto.
3 / 5
Antrieb
Gute Fahrleistungen, passabler Verbrauch. Vmax schwach, Bremsen nur Mittelmaß.
4 / 5
Fahrdynamik
Fahrsicher: Lenkung indirekt, dafür sauberer Geradeauslauf. Größerer Wendekreis, mäßige Bremsen
3,5 / 5
Connected Car
Gute Smartphone-Anbindung, Navi mit Google-Vernetzung. Bedienung gewöhnungsbedürftig.
4,5 / 5
Umwelt
Für die Klasse ein schweres Auto (1,9 Tonnen). Insgesamt guter Verbrauch, breite Karosseriemaße.
4 / 5
Komfort
Federung universell, insgesamt leise, Sitze kommod, gute Ausstattung, wohnlicher Innenraum
3,5 / 5
Kosten
Als Evolve gut ausgerüstet, so aber fast 50.000 Euro teuer. Fixkosten hoch, sehr lange Garantie.
3 / 5
AUTO BILD-Testnote
1,8
Das passt zu den anderen zuvorkommenden Eigenschaften des Leaf. Er ist als Evolve ab Werk gut ausgestattet, bietet ein modernes Multimediasystem mit aktueller, hochwertiger Vernetzung. Allerdings sind uns Schrullen aufgefallen.

Bildergalerie

Nissan Leaf
Nissan Leaf
Nissan Leaf
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Nissan Leaf im Test
Die Telefon-Übertragung passiert per Lautsprecher in den Kopfstützen, dabei läuft das Radio weiter – ein irritierender Ton-Mix. Außerdem sind manche Bedienschritte ausschließlich über kleine Tasten (reichlich davon vorhanden) in den Lenkradspeichen möglich. Tipp: Nicht zu sehr ablenken lassen – sonst schimpft der Leaf.

Die wichtigsten Fragen zum Nissan Leaf

Wie weit kommt der Leaf mit einer Akkuladung?

Im Test erreichte der Nissan Leaf schaffte Nissan bei einem Verbrauch von 18,2 kWh/100 km im Durchschnitt 431 Kilometern. Damit bleibt er bleibt deutlich hinter der WLTP-Angabe von 624 Kilometern zurück.

Wie schnell lädt der Leaf?

An Schnellladesäulen lädt der Leaf mit bis zu 150 kW. Um den Akku von 10 auf 80 Prozent zu füllen, dauert es unter optimalen Bedingungen rund 30 Minuten.

Wie fährt sich der Leaf?

Der kompakte Stromer überzeugt mit leisem Antrieb, angenehmem Fahrkomfort und guter Fahrstabilität. Auch in höheren Geschwindigkeiten bleibt er souverän und entspannt.

Welche Schwächen hat der Leaf?

Zu den Kritikpunkten zählen neben dem vergleichsweise hohen Preis die durchschnittliche Ladeleistung, die mäßige Rundumsicht sowie die Assistenzsysteme, die häufig mit akustischen Warnungen eingreifen.

Fazit

von AUTO BILD
Ein bequemer, angenehm kompakt gehaltener Fünftürer – mit ordentlicher Reichweite laut Test. Sportlich kann er nicht, dafür legt er einen modernen vernetzten Auftritt hin. Die Ladetechnik mit maximal 150 kW Leistung bedingt längere Ladepausen. AUTO BILD-Testnote: 1,8