Und wieder schickt sich einer an, der Ikone des deutschen Sportwagenbaus eins vor den Latz zu knallen. Unter dem Motto "Schwer ist leicht was" fordert das jüngste Produkt aus der britischen Magersucht-Zucht Lotus, die Elise SC, den Porsche Boxster S heraus. Das Ziel: "Ich bin ein Porsche-Killer" soll in den geschichtsträchtigen Asphalt der Nordschleife gebrannt werden. Auf den ersten Blick ein sehr optimistisches, fast hochmütiges Unterfangen, schließlich trennen den englischen Herausforderer und seinen Widerpart zwei Zylinder, 1,6 Liter Hubraum und satte 75 PS. Auf den zweiten Blick relativiert sich das ein wenig: Während der Boxster S mit 1415 Kilogramm zwar auch kein Schwergewicht ist, wirkt der Lotus dagegen mit magersüchtigen 911 Kilogramm wie ein drahtiger Hänfling vor einem austrainierten Kraftsportler. Für das Leistungsgewicht bedeutet das: Jede Pferdestärke des Boxster S muss 4,8 Kilo mit sich herumschleppen, bei der Elise SC trägt jedes Pferdchen nur 4,1 Kilogramm. Dazu kommt: Was nicht da ist, muss weder beschleunigt noch gebremst werden und kann auch in Kurven nicht zur reifenbelastenden, schiebenden und drückenden Last werden.

Als Sympathieträger taugt die Lotus Elise auf jeden Fall

Lotus Elise SC
Bild: Bernd Hanselmann
Beste Voraussetzungen also, um auf einem Rundkurs zu brillieren, was so mancher Leichtfuß aus der Lotus-Family in Oschersleben schon eindrucksvoll bewiesen hat. Aber gilt das auch für den Hochgeschwindigkeitskurs der Nürburgring Nordschleife? Hier geht es um mehr als Kart-artiges Handling im mittleren Geschwindigkeitsbereich. Hier ist vor allem auch schiere Kraft und ein möglichst ruhiges und unproblematisches Fahrverhalten bei sehr hohen Geschwindigkeiten gefragt. Als Sympathieträger taugt die Elise schon mal aus zwei Gründen: Zum einen ist der listig zu grinsen scheinende Engländer eine eher seltene Erscheinung auf unseren Straßen und weckt kaum neidische Gefühle. Zum anderen ist der von Lotus-Gründer Colin Chapman eingeschlagene Weg des konsequenten Leichtbaus eine clevere und zukunftsträchtige Lösung, die nicht nur für sehr gute Fahrleistungen bei vergleichweise geringer Motorpower steht, sondern auch für einen vernünftigen Umgang mit dem teuren Sprit.

Beim Sprint auf Tempo 100 hat der Porsche Boxster S das Nachsehen

Porsche Boxster
Bild: Lena Barthelmeß
Dennoch: Im Vergleich mit dem erwachsener und ausgereifter wirkenden Boxster S erscheint die Elise wie ein kompromissloses Spielzeug für den reinen Lustritt. Das beginnt beim eher beschwerlichen Ein- und Ausstieg und zieht sich bis zum Kofferraumvolumen von 112 Litern, die schon fast das abgebaute Verdeck belegt. Natürlich ist das bei einem rassigen Sportler zu verschmerzen. Doch verglichen mit den beiden gut nutzbaren 150 (vorn) und 130 (hinten) Liter fassenden Abteilen des Porsche Boxster, die sich auch mal für einen längeren Trip voll beladen lassen, fehlt der Elise hier ein wenig die Alltagstauglichkeit. Doch Lotus-Fahrer suchen ja nach etwas anderem. Und das zeigt die Elise bei den Messungen der Fahrleistungen, wo sie ihren Gewichtsvorteil sehr gut ausnutzen kann. Das kompressorbewehrte Toyota-Aggregat, das seine maximale Leistung von 220 PS bei hohen 8000 Touren entwickelt und noch bis 9000 weitergedreht werden kann, hat ziemlich leichtes Spiel mit der zierlichen Elise: Beim Spurt auf 100 km/h kauft die Elise dem Boxster S mit 5,2 zu 5,6 Sekunden den Schneid ab und hat bis 130 km/h die Nase leicht vorn. Ab etwa 4000 Umdrehungen geht in der Elise so richtig die Post ab.
Bei der Messung 0-160 km/h schiebt sich dann der Boxster S um eine halbe Sekunde nach vorn, bei 0 auf 180 km/h herrscht mit 16,0 Sekunden Gleichstand zwischen den Kontrahenten. Während der Lotus bei gemessenen 235 km/h im Kampf gegen den Luftwiderstand die Waffen streckt, geht es im Porsche noch bis 272 km/h gut voran. Wem auch das Sounderlebnis wichtig ist, der kommt im hubraumstärkeren Boxster eher auf seine Kosten. Zwar hat auch die Elise, verglichen mit den dünnen Stimmchen früherer Lotus-Modelle, deutlich zugelegt, doch fehlt es im Vergleich mit dem Porsche vor allem an tiefen Frequenzen. Mal ganz abgesehen davon, dass ein sechszylindriger Boxermotor mit seiner akustischen Bandbreite ohnehin in einer eigenen Liga spielt. Zudem war unser Testwagen mit einer noch wohltönenderen Sportauspuffanlage (Aufpreis: 1654 Euro) bestückt.
Lotus Elise - Porsche Boxster
Bild: Lena Barthelmeß
Vor dem Showdown auf der Nordschleife noch ein paar Bemerkungen zum alltäglichen Gebrauch der beiden Roadster, denn der Rennstreckeneinsatz dürfte bei diesen beiden Schmuckstücken eher die Ausnahme sein. Während man in der Elise auf dünn gepolsterten Schalensitzen einen sehr direkten Kontakt zu Fahrbahnunebenheiten spürt, spannt der Boxster S einen sehr weiten Bogen zwischen Komfortorientierung und harter Rennstreckenauslegung. Zwischen noch gutem Federungskomfort im Normalmodus der aktiven Dämpferregelung PASM (Aufpreis 1547 Euro) und dem auf Knopfdruck hart und trocken agierenden Fahrwerk im Sportmodus realisiert der Boxster S eine große Bandbreite an Einsatzmöglichkeiten. Die tiefe und immer sehr straffe Elise bietet dagegen bei normalem Einsatz abseits kurviger Landstraßen weniger Vielseitigkeit. Hier wird jeder Kilometer zum puren Fahrerlebnis – ungefiltert und direkt. Wer nach hohem Fahrkomfort sucht, ist bei Lotus ohnehin an der falschen Adresse.
Den kompletten Vergleich gibt es im Heftarchiv als pdf. Wie das Duell der beiden Sportler auf der Nordschleife ausgegangen ist, erfahren Sie oben in der Bildergalerie.