Die legendäre Nordschleife gilt seit Jahren als eines der härtesten Erprobungsgebiete der Automobilindustrie. Im sportlichen Wettbewerb verschärft sich die Situation zusätzlich. In der Top-Klasse der GT3-Sportwagen, der SP9-Kategorie, kreuzten 21 Teams die Klingen. Yokohama, Falken, Good Year und besonders Michelin sind die wichtigen Zulieferer des schwarzen Goldes, ohne die sich am Ring kein Rad dreht.
Nur eine Woche nach dem 24 Stunden-Erfolg in Le Mans heimsten die erfolgsverwöhnten Reifenkocher aus Clermont-Ferrand dabei die nächste wichtige Langstrecken-Trophäe ein. Das Rowe-BMW-Team Farfus/van der Linde/Krohn/Marciello zeigte sich nach außergewöhnlich hartem Zweikampf mit der Manthey-Porsche-Mannschaft Estre/Güven/Preining siegreich, profitierte dabei freilich von einer 100-Sekunden-Zeitstrafe gegen den „Grello“-Porsche. Den Michelin-Männern konnte das gleich sein: Alle SP9-Renner auf den ersten sieben Plätzen waren mit dem Produkt aus Frankreich ausgestattet.

25. Michelin-Gesamtsieg in der Grünen Hölle

Damit konnte sich Michelin den 25. Sieg seit dem Einstieg in eines der härtesten Rennen der Welt sichern. Mehr noch: Für Michelin war das auch der achte Sieg in der Grünen Hölle in Folge. Seit 2018 fuhren ununterbrochen alle erstplatzierten Teams auf Michelin-Reifen, seit 2019 gilt dies für das gesamte Podium. Das hat noch kein anderer Reifenhersteller geschafft.
Der Reifen für die SP9-Klasse weicht stark von dem Kaufangebot für Autos der weiteren Klassen ab.
Bild: B. Garloff
Für das reifenmäßige Wohlergehen ihrer Kunden schickt Michelin eine große Horde Reifenspezialisten an die Eifelfront. 70 so genannte „Fitters“ montieren eifrig den runden Gummi in sechs Montagestraßen auf die 18-Zoll-Felgen – je drei für Vorder- und Hinterreifen. Sind die Reifenmonteure fertig mit ihrer Arbeit, befüllen sie die Räder noch mit Luft bis zu einem Druck von zwei Bar. „Danach werden die Teams noch den Luftdruck feinjustieren“, erklärt Pierre Alves, Endurance Program Manager bei Michelin Motorsport.
Manche Teams lassen die Luft wieder komplett raus, nur um den Reifen erneut aufzupumpen. Dann aber mit Nitrox-Gas, einem besonders trockenen, puren Gas. Auch gehört es zum Job der Teams, die Räder abzuwiegen und den Reifenumfang zu messen, um zu große Abweichungen auszugleichen. Zehn Kilogramm wiegt ein Reifen für die Vorderachse, zwölf für den etwas größeren Gummi an der Hinterachse. Als Reifen-Luftdruck empfiehlt Michelin einen Druck zwischen 1,8 und 1,9 Bar.
Rund 3.200 Euro ohne Mehrwertsteuer kostet ein Satz.
Bild: B. Garloff
Obwohl die diesjährige Ausgabe unter enormer Hitze ausgetragen wurde – für die Reifen eine Tortour – mussten nur wenig Reifenschäden im Teilnehmerfeld beklagt werden – ein Zeichen für den großen Fortschritt der Reifentechnologie. So viel Zuverlässigkeit ist in einer langen Entwicklung begründet. „Die jetzige Reifengeneration für die Nordschleife setzen wir seit sechs Jahren ein“, erklärt Techniker Alves.

Nur Ferrari zählt nicht zum Kundenstamm

Der Reifen für die SP9-Klasse weicht stark von dem Kaufangebot für Autos der weiteren Klassen ab. Er ist nur den Top Teams von Mercedes, Porsche, BMW, Aston Martin und Lamborghini vorbehalten. Nur Ferrari zählt aktuell nicht zum Kundenstamm, „aber Michelin arbeitet grundsätzlich mit allen Automobilherstellern zusammen“, sagt Alves . Das Premium-Produkt hat seinen Preis: Rund 3.200 Euro ohne Mehrwertsteuer kostet ein Satz. Für das gesamte Wochenende stehen den Teams 29 Satz pro Auto zur Verfügung. Das Gesamtkontigent der vor Ort verfügbaren SP3-Reifen liegt bei etwas über 3000 Exemplaren. Alves: „Aber nur rund die Hälfte davon kommt zum Einsatz.“
Das Leben eines SP9-Reifens währt indes nur kurz. Nach acht Runden auf der Nordschleife kommt das Rad wieder zurück in das Michelin-Zelt zur Demontage. „Die Teams haben immer rund zehn bis zwölf Satz Felgen vorrätig“, erläutert der Michelin-Techniker. Es herrscht also ein stetiges Kommen und Gehen der Reifen-Verantwortlichen der Teams, die mit ihren Reifenkarren das 800 Quadratmeter große Michelin-Zelt ansteuern.
Wie jeder Reifenhersteller entwickelt auch Michelin unentwegt an seinen Produkten. Neue Materialien und chemische Zusammensetzungen bei den stets geheim gehaltenen Konstruktionen und Mischungen gehören dazu. In der Langstrecken-WM wird bereits genutzt, was Michelin künftig auch auf der Nordschleife vermehrt einsetzen wird: Mischungen mit mehr umwelt-schonenden Anteilen. Hierbei wird auf Ingredienzien aus Zitronen- und Orangenschalen, Reisschalen, Sonnenblumenöl aber auch recycelten Kohlenstoffen und recyceltem Polyethylen gesetzt.
Allein: Beim kommenden Langstrecken-Klassiker, der großen GT3-Schlacht am letzten Juni-Wochenende in Spa, wird Michelin ohne Siegerpokal bleiben: Dort kommt ein Einheitsreifen von Pirelli zum Einsatz.
Autor: Gregor Messer