Ich hatte der Familie einen Ausflug versprochen. Mit einem Pick-up in die Wildnis! Mit Übernachtung im Himmelbett! Mit allem Pipapo! Gattin und Sohn träumten von Fünf-Sterne-Luxus. Bis ich mit dem unfassbar laut knatternden Polaris Ranger vor der Tür stand. Ein Mikro-Abenteurer, nur 3,05 Meter kurz. Made in USA, Hauptsitz ist Medina, Minnesota.
Auf der Fahrt vom Büro zu uns raus aufs Land war Regen durchs Dach getröpfelt. Und die Noise-Cancelling-Kopfhörer hatten nur bedingt gecancelt. Ständig guckte ich in den Rückspiegel, weil ich glaubte, das Tatütata eines Rettungswagens zu hören. Aber das Gejaule kam von den Reifen. Oder vom Motor. Vermutlich von beidem. Ja, das Leben ist kein Ponyhof. Aber der Polaris Ranger wie gemacht dafür. Auf Reklamefotos des US-Herstellers bepacken knackige Männer ihn mit Baumstämmen. Ich belud ihn mit Stammhalter und Ehefrau.

Das Ziel hat keinen Weg

Wir fuhren nach Friedrichsruh (da, wo der alte Bismarck gelebt hat). Auf halber Strecke sagte meine Frau, sie wolle nun auch mal ans Steuer. Sie gab Gas, das Lenkrad zitterte wie bei diesen Spurhaltewarnern. Mit dem Unterschied, dass man das Vibrieren beim Ranger nicht ausstellen kann. Genauso wenig wie das Kribbeln im Gaspedal. Meine Frau sagte, sie empfinde 43 km/h als angenehme Reisegeschwindigkeit. "Der alte Bismarck war auch nicht schneller unterwegs", fügte ich an.
Nach hinten öffnende und herausnehmbare Türen, hochklappbare Frontscheibe. Das ist Cabrio-Feeling!

Unser Himmelbett stand auf einer Lichtung tief im Wald, es ist der Außenposten eines Hotels. Normalerweise ziehen die Gäste ihr Reisegepäck per Bollerwagen dorthin. Wir hatten unseren eigenen Bollerwagen mit dabei. Und wie der bollerte! Der Hotelier bot sich als Chauffeur an … also nur, falls uns das nichts ausmache, das sei ja doch ein prächtiges Gefährt. "Nee", sagte meine Frau, "das machen wir mal schön selbst!" Dass vielleicht auch ich fahren wollen würde, stand nicht mehr zur Debatte.
"Mach mal Allrad an", sagte der Sohn. Die Fahrerin schaltete auf 4x4 und in den Kriechgang. Sie hatte sichtlich Spaß mit ihrem Ranger. Und der Sohn bekam sichtlich Angst, als sie mühelos mit dem Geländegänger durchs Unterholz stakste. 25,4 cm Federweg! Der Stammhalter traute dem (Wild-)Braten nicht und ging die letzten Meter lieber zu Fuß.
"Du hattest doch mit allem Pipapo versprochen", sagte meine Frau. "Der Klappspaten und das Klopapier sind auf der Ladefläche", sagte ich. "Einfach die Heckklappe öffnen."
Die anderen kamen im BMW X7 oder Porsche Cayenne zur Einschulung. Wir in einem echten Geländeauto.

Die Nacht wurde sternenklar, wir sagten Fuchs und Hase gute Nacht – und am nächsten Mor-
gen verließen wir das Revier mit dem Brunftgebrüll des Zweizylinders. Der Polaris und seine Fahrgäste hatten sich hier sehr wohlgefühlt.

Stau(nen) in der Stadt

Onroad in der Stadt machte der Offroader weniger Spaß, aber genauso viel Eindruck. Im Stau hielt neben uns ein Passat. Der Fahrer guckte herüber, der Sohn lehnte sich lässig aus dem Fenster, beugte sich runter – und sagte: "Na, da staunen Sie, was?"

Ranger statt range

Dann kam die Einschulung. Der Sohn ließ sich nicht davon abbringen, dort im Ranger vorzufahren. Die anderen bei uns im Dorf fahren eher Range Rover. Egal, also tuckerten wir im feinen Zwirn über die Eichenallee, natürlich bei hochgeklappter Windschutzscheibe, denn eine andere Klimaanlage gibt es nicht. Obwohl, stimmt gar nicht. Bei den Seitentüren kann man die Fenster herunterkurbeln – oder die Türen gleich ganz aushängen.
Das Revier ist sein Revier: Polaris-Kunden sind unter anderem Waldarbeiter.

Meine Frau beschwerte sich, ich solle nicht so rasen, jetzt mit den ganzen Schulanfängern auf der Straße. "Ich fahre doch nur 27", entgegnete ich. Gefühlt waren es knapp 70.
Nachmittags holte ich Oma Erika (83) aus dem Seniorenheim ab. Und jetzt kommt’s: Der Polaris ist im Grunde ein idealer Senioren-Transporter. Erstens: Weil man die Türen komplett nach hinten aufschwingen kann. Zweitens: Weil es stabile und zahlreiche Haltegriffe gibt, wie man sie aus Senioren-Badewannen kennt. Oma Erika enterte den Ranger frei nach Goethe: Halb zog sie sich, halb sank sie hin. Und drittens: Weil Oma Erika so gut wie nix mehr hört und sie diesbezüglich nix mehr stört.

Männerspielzeug

Abends klingelte der Nachbar, der Audi RS e-tron GT fährt. Ob das mein "Gerät" da draußen sei. Und ob ich mal drei Minuten Zeit hätte. Es wurde eine ausgiebige Männertour durchs Gestrüpp. Er sagte, er würde das Ding sofort kaufen für seine Firma. "Irgendeinen Einsatzzweck finden wir schon." Er verkauft Alarmanlagen. Ich sagte, der Polaris könne es mit denen dezibelmäßig locker aufnehmen.

Beziehungsstatus

Pendeln: Bei Regen über die Autobahn – das war die Hölle. Punkte 1/5
Einkaufen: Ladefläche schön groß, aber nicht abschließbar. Punkte 4/5
Transportieren: Im Prinzip gut. Aber offen ohne Regenschutz. Punkte 3/5
Urlaub: Mit dem Polaris in den Wald ist pures Abenteuer. Punkte 5/5
Hobby: Wenn man eine Kettensäge als Hobby hat, mag’s gehen. Punkte 2/5
Familienleben: Völlig unpraktisch, aber der Sohn liebt’s. Punkte 5/5

Kurz gesagt

Was sagen die Nachbarn, wenn ich damit vorfahre? Der Nachbar sagt nix, er will mitfahren. Und das Ding danach kaufen.
Warum würde ich das Auto meinem besten Freund empfehlen? Weil er Förstersohn ist. Und mir dann damit Feuerholz besorgen könnte …
Was bleibt mir im Gedächtnis? Das Vibrieren in den Händen, das Brummen im Kopf.

Technische Daten und Preis: Polaris Ranger XP 1000

• Motor Zweizylinder-Viertakt, Mitte quer
• Hubraum 999 cm3
• Leistung bei 1/min 60 kW (82 PS) bei 7700/min
• Drehmoment bei 1/ min 83 Nm bei 5900/min
• Getriebe Stufenlose Automatik mit automatischer Fliehkraftkupplung
• Allrad/Kraftverteilung v:h Hinterradantrieb
• Vorderradantrieb während der Fahrt zuschaltbar/0:100 oder 50:50
• L/B/H 3050/1580/1960 mm
• Ladefläche L/B/H 933/1378/318 mm
• Leergewicht/Zuladung 775/454 kg
• Anhängelast max. 1134 kg
• Spitze 85 km/h
• Tankgröße 44 l
• Preis ab 25.559 Euro