Zur Orientierung erst mal eine kleine Navigationshilfe durch die Polestar-Welt: Nach dem Coupé Polestar 1 und der Kompaktlimousine Polestar 2, einem Tesla-Model-3-Konkurrenten, bringt die mehrheitlich in Besitz des chinesischen Geely-Konzerns befindliche Marke das SUV Polestar 3 – nicht zu verwechseln mit dem ungefähr zeitgleich kommenden Polestar 4. Letzterer ist ein SUV-Coupé und ein völlig anderes Auto, das auf einer Geely-Technikplattform basiert.
Im Falle des höher positionierten Polestar 3 stammt die Technikbasis vom Volvo; er teilt sie sich mit dem kommenden Volvo EX 90. Und: Als bisher einziger Polestar wird der 3er in den USA gebaut, und zwar in South Carolina. BMW baut seit den 90ern SUV-Modelle in dem US-Südstaat. Polestar folgt hier nicht nur dem Lockruf des subventionsgesäumten Inflation Reduction Act der Biden-Regierung – das 4,90-Meter-SUV zielt klar auf den riesigen US-Absatzmarkt.

Die Bedienung lenkt arg ab

Freunde leihwagentauglich-konventioneller Bedienung stellt dieses E-Auto auf eine harte Probe: Nur noch ein physischer Drehregler ist übrig (Audio laut/leise), zwei unbeschriftete, mehrfach belegte Tasten im Lenkrad – das war's. Wer zuvor einen Tesla gefahren hat, wird zurechtkommen mit der reinen Touchscreen-Bedienung – sogar das Handschuhfach lässt sich nur mittels Touch öffnen. Schlecht, wenn man wichtige Dokumente oder sein Portemonnaie dort eingeschlossen hat und es sich wie im Falle unseres Vorserien-Exemplars erst nach zwei Resets öffnen lässt.
Anders als im Tesla gibt's im Polstar 3 ein kleines Zusatz- Cockpit, das auch Navi-Infos zeigt. Infotainment mit Google-Integration.
Bild: Hersteller
Wer ein solches Auto besitzt, dürfte nach einem Wochenende mit diesem Wagen durchblicken. Aber für Verleiher am Flughafen sollte eine mindestens viertelstündige Einweisung Pflicht sein, sonst lenkt die Bedienung anfangs in riskanter Weise ab. Selbst Änderungen an der Lüfterdüsen-Einstellung erfordern den Gang in ein schön gestaltetes, aber anfangs unübersichtliches Menü. Immerhin gibt es, anders als im Tesla, so etwas wie ein Cockpit mit den wichtigsten Infos und angezeigter Navi-Karte.

"Nichts-erschüttert-diesen-Tresor"-Gefühl während der Fahrt

Das Auto fühlt sich ein wenig an wie ein Tesla in ordentlich. Bereits die Vorserie beeindruckt mit "Nichts-erschüttert-diesen-Tresor"-Gefühl und der Abwesenheit von Windgeräuschen zumindest bis zum spanischen Tempolimit (120 km/h). Trotz gewaltiger Leistungswerte des von uns gefahrenen Exemplars mit Performance-Paket (517 PS, 910 Nm, 0-100 km/h in 4,7 Sekunden) fühlt er sich leicht amerikanisch an, zuzüglich Volvo-Solidität und einer natürlich wirkenden Lenkung.
Die Technik wie beim künftigen Volvo EX90, aber viel flacher – und der Polestar 3 darf 2,2 Tonnen ziehen.
Bild: Hersteller
Ein bisschen erinnert er an unseren letzten Volvo-XC60-Dauertestwagen: reichlich Leistung, falls gefordert, aber verführt nie zum Schnellfahren, obwohl die Kombination aus tiefem Schwerpunkt, Torque-Vectoring-Hinterachse und Pirelli-Mischbereifung irre Kurvengeschwindigkeiten erlaubt.
Der Polestar 3 ist auch am Heck ein echtes Designerstück.
Bild: Hersteller
Die Torque-Vectoring-Einheit von Borg Warner schaltet bei Nichtgebrauch den Heckantrieb ganz ab; beim entspannten Cruisen ist man de facto mit einem Fronttriebler unterwegs. Und das extrem leise, sodass man sich, auf SUV-üblicher Sitzhöhe von 25 Zentimetern über dem Wagenboden hockend, vom Dolby-Atmos-Raumklang verwöhnen lassen kann. Die zweite Sitzreihe bietet riesig viel Bein- und Kniefreiheit, allerdings keine besondere Variabilität. Dafür ist die Lehne bei Weitem nicht so steil wie im Polestar 2.
Das 14,5-Zoll-Infotainment ist eine Weiterentwicklung des aus dem Polestar 2 bekannten Systems. Das Handschuhfach ist nur per Bildschirm-Touch zu öffnen. Viel Designkunst im Polestar 3: hier der Hochtöner der 1610-Watt-Audioanlage von Bowers&Wilkins mit 25 Lautsprechern. Das kleine Zusatzladefach (Frunk) unter der vorderen Haube fasst 32 Liter, die für das Ladekabel reichen.
Bild: Hersteller
Auch die Luftfederung überzeugt, nimmt kurze Anregungen wie Kanaldeckel nicht einmal zur Kenntnis. Das Fahrwerk gibt Anlass zu den schönsten Hoffnungen auf den kommenden Volvo EX90.

Drei Überraschungen beim Polestar 3

Der Polestar 3 bietet drei Überraschungen: Er darf Elektroauto-untypische 2,2 Tonnen ziehen, er lädt mit maximal 250 kW (Porsche-Taycan-Niveau), und die Bodenfreiheit liegt bei 27 Zentimetern. Auch dank des glatten Unterbodens lassen sich damit auch mal Waldwege unter die breiten Räder nehmen (vorn 265/40 R22, hinten 295/35 R22). Weniger beeindruckend: An der Wallbox lädt er nur mit 11 kW.
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Für 85.590 Euro gibt's ein recht vollständiges Luxus-E-SUV; Wärmepumpe, Luftfederung und Glasdach sind Serie. Zentrales Verkaufsargument dürfte neben dem Design die Verarbeitungsgüte ohne jeden US-Schlendrian sein. Beim Kunden wird er ab August sein.
Der Laderaum des Polestar 3 mit 484–1411 Litern Kapazität. Unter den Ladeboden passt locker ein Bordtrolley. Das Heck lässt sich zum Beladen per Taste im Laderaum um 60 mm absenken. Luftfederung ist Serienausstattung.
Bild: Hersteller

Technische Daten Polestar 3

Motor Synchron-E-Motoren v. u. h. • Akku 111 kW • Leistung 360 kW/489 PS (mit Performance-Paket: 480 kW/517 PS) • Drehmoment 840 Nm (910 Nm) • Antrieb Allrad, Hinterachse abschaltbar • L/B/H 4900/1935/1614 mm • Leergewicht 2670 kg • Beschleunigung 0–100 km/h 4,7/5,0 s • Höchstgeschwindigkeit 210 km/h • Normreichweite 561/628 km (WLTP) • Ladezeiten DC 10-80 % in 30 min, AC 11 kW 0-100 % in 11 Stunden • Preis ab 85.590 Euro.

Fazit

Noch ein Elektroauto zum elitären Preis? Wie man's nimmt: Die Konkurrenz ist auch nicht billiger, und der Polestar 3 hebt sich bereits in der Vorserie ab durch seine Verarbeitungsgüte – die Volvo-Gene schimmern durch. Die Bedienung lenkt arg ab; da fehlen fünf bis sechs echte Tasten.