Bringen wir es am besten direkt hinter uns: Der Vierzylinder-Boxer des Porsche 718 klingt im Leerlauf und unter Teilast durchaus sympathisch nach seinen Urahnen VW Käfer und Porsche 356. So weit, so gut, damit ist er ja tiefer in der Firmenhistorie verwurzelt als der erst später entwickelte Sechszylinder-Boxer. Doch den harten mechanischen Lärm, den der Vierzylinder ab mittleren Drehzahlen produziert, finden nicht mal Speed-Metal-Fans schön. So, hätten wir das abgehakt, jetzt können wir uns den zahlreichen Vorzügen des Zuffenhauser Einstiegsmodells widmen.

Den aufgeladenen Boxer sollte man nicht unterschätzen

Porsche 718 Cayman
Sprinter: Mit dem zwei Liter großen Turbo-Vierzylinder geht der 718 in 4,4 Sekunden auf Tempo 100.
Denn der Zweiliter-Turbo (ohne variable Turbinengeometrie, die gibt's erst beim 2,5-Liter) hat auch gute Seiten. Zum Beispiel richtig Schmackes – oder kennen Sie einen anderen Serien-Zwoliter, der in 4,4 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h hechtet? Dazu bedient er sich freilich des Doppelkupplungsgetriebes und der ideal arbeitenden Launch Control, mit dem derzeit nicht erhältlichen Handschalter dauert's etwas länger: 5,1 Sekunden laut Werk. Doppelkupplungsgetriebe und Launch Control sind bei der Alpine A110 Serienstandard, eine Handschaltversion wird leider nicht angeboten. Die Perfektion des Porsche-Starts erreicht die Alpine allerdings nicht, ihre Launch Control kuppelt recht gemütlich ein, was sich sehr gut am Sprintwert auf 50 km/h ablesen lässt: 2,1 zu 1,7 Sekunden. Doch dann münzt die Alpine ihr besseres Leistungsgewicht um und holt auf, schließlich muss sie stattliche 343 Kilo weniger beschleunigen. Okay, der Cayman ist 20 Zentimeter länger und etwas höher, dennoch könnte er sich in Sachen Leichtbau an der fast gänzlich in Aluminium gefertigten Alpine wirklich ein paar Scheiben abschneiden.

Selbst für die Urlaubsfahrt ist der Porsche zu gebrauchen

Porsche 718 Cayman
Souverän: Der Cayman liegt satt und ruhig auf der Straße, sein Gripniveau ist extrem hoch.
Doch der Cayman kaschiert sein Übergewicht geschickt: Er liegt zwar einerseits wie ein "schwerer Wagen" äußerst satt auf der Straße und vermittelt auch noch bei Höchstgeschwindigkeit unbedingtes Vertrauen, gleichwohl fühlt er sich niemals träge an. Auf der Landstraße begeistert er mit extrem hohem Gripniveau und neutralem, verlässlichem Handling. Er ruht quasi in sich, Nervosität in Lenkung oder Fahrwerk sind ihm vollkommen fremd. Diese Souveränität resultiert auch daraus, dass die Fahrwerksabstimmung nicht zu hart geriet, auch wenn der Testwagen mit leichter Tieferlegung (PASM-Fahrwerk) und 20-Zöllern unterwegs ist. Die Adaptivdämpfung schluckt alle Unebenheiten und erstickt Karosseriebewegungen bereits im Keim. Zum Wohlbefinden trägt auch die perfekte, tiefe Sitzposition bei, die den Fahrer mitten im fahrdynamischen Epizentrum platziert. Dieser 718 Cayman ist also nicht nur auf die Rennstrecke abgerichtet, sondern taugt auch für den Urlaubs-Trip in die Provence oder die alltägliche Fahrt ins Büro.Die Fahrwerksabstimmung der Alpine könnte gegensätzlicher kaum sein: lange Federwege und eine relativ softe Dämpfung sorgen für kräftige Aufbaubewegungen. Bei langsamer Fahrt spricht das Fahrwerk jedoch nicht besonders fein an und stolpert schon mal über einen Kanaldeckel. Doch je schneller man fährt, desto besser wird der Federungskomfort.

Schon diesseits des Tempolimits macht die A110 richtig Spaß

Alpine A110
Spaßgerät: Die Alpine bewegt sich viel um die Hochachse, macht so mehr Laune als der präzise 718.
Das Handling ist geprägt von äußerst agilem Einlenken ohne Untersteuern; wenn eine Achse den Grip verliert, dann die hintere. Früh und gern. Nach mehreren Hundert Kilometern mit dem bombenfest auf die Linie genagelten Cayman wirkt der Umstieg in die Alpine so erfrischend wie ein doppelter Espresso, eine Art Erweckungserlebnis. Die A110 fährt, ihrer Tradition verpflichtet, mehr wie ein Rallyeauto als ein Fahrzeug für den öffentlichen Straßenverkehr. Sie bewegt sich viel um die Hochachse, was der abgeklärte Porsche nach Kräften vermeidet, weil es auf Asphalt in der Regel nur Zeit kostet und vom Fahrer eine gewisse Fahrpraxis verlangt. Was das jetzt genau auf der Straße bedeutet? Dass man mit der Alpine schon diesseits der Tempolimits Spaß haben kann. Dabei können Sie das ESP getrost aktiv lassen, es regelt, je nach gewähltem Fahrmodus (Normal, Sport, Track), ohnehin recht spät. Der hinterherfahrende Cayman, der die Alpine in engen Kurven immer wieder von der Seite sieht, fühlt sich nicht ausgelastet. Er kann das Tempo locker mitgehen, pappt dabei jederzeit mit allen vieren fest auf dem Boden, folgt einfach nur neutral.
Die fahrdynamischen Grenzen des 718 lassen sich auf öffentlichen Straßen kaum ausloten, es wäre grob verantwortungslos. Die auf der Landstraße gewonnenen Erkenntnisse finden auf dem Sachsenring ihre Bestätigung: Auf der Start-Ziel-Geraden hat die Französin dank besseren Leistungsgewichts ihr hübsches Näschen kurz vorn, im folgenden Geschlängel von Sektor zwei wird sie dann aber vom strengen Schwaben kassiert, der nun eiskalt seinen enormen mechanischen Grip ausspielt.
Weitere Details zu A110 und Cayman finden Sie in der Bildergalerie.

Fazit

Zwei völlig verschiedene Charaktere: reif und ausgewogen der Cayman, jugendlich und fahrspaßorientiert die Alpine. Beachtlich, dass sie auf dem Ring kaum langsamer ist als der fahrdynamisch aufgerüstete Porsche.