Porsche 911 Dakar: Roadtrip
Mit dem 911 Dakar nach Rovaniemi

Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
GT3-RS-Reifentest im September 2023 im italienischen Nardó, ich testete dort alle verfügbaren Semislicks. Und bin dorthin die 1092 Kilometer von Pirellis Heimat Milano aus auf Achse gefahren. Die Tour war einfach nur sensationell: hart, emotional, kulinarisch exquisit, malerisch – ein Traum, den ich so schnell nicht vergessen werde. Die Idee entstand damals spontan, beim Bierchen mit den Kumpels.

Am Sachsenring: die Rechts nach Start-Ziel, zweiter Gang, 84 km/h, Anschlag quer – ein Traum.
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
Nachdem ich aus Nardó zurückgekommen war, es war einer der letzten warmen Herbstabende 2023, saß ich wieder einmal mit Benzinkumpel David bei Wein und Grillzeug. Er erzählte von seinem neuen TT RS, Ladeluftkühler, Turbo und Co. Irgendwann hatte er eines unserer Hefte in der Hand, der 911 Dakar war ein Thema. Und er fragte mich: "Ist das was Ernstes, oder kann der nur Dreck?" Ich: "Na ja, Sachsenring wäre mit dem Ding übertrieben, eine schöne Schotter- und Schneegeschichte schwebt mir vor. Aufgrund der Jahreszeit wird es dann wohl was mit dem weißen Pulver werden." David: "Macht ihr nicht wieder so einen Wintertest?" Ich: "Ja, zwei sogar, einen in Livigno und direkt danach mit Reifenhersteller Continental in Finnland." David: "Dann fahr doch mit dem Elfer hin, auf Achse, also erst nach Italien und dann nach Rovaniemi." Ich: "Ja, schon klar. Da ist man doch Wochen unterwegs."
Aber je mehr wir auf der Geschichte rumdachten, desto realistischer wurde der Plan. 500 Kilometer runter in die italienischen Alpen, dort ein bisschen rumtollen und von dort aus dann 3000 Kilometer hoch nach Lappland, nach Rovaniemi – sollte machbar sein. Samstag los, durch ganz Schweden, Montagabend ankommen.
Ich fragte vorsichtshalber meinen Freund Patrick, der zufällig bei Porsche arbeitet, dort die Ice Experience als Instruktor betreut und schon einmal die Tour ins finnische Levi mit dem Auto gemacht hat. "Vergiss es schnell wieder", war seine klare Ansage. "Ohne Spikereifen kommst du selbst mit dem Allrad-911-Dakar nicht an. In Schweden kann es ganz übel schneien, Verwehungen machen Probleme, die Straßen sind eng." Okay, Plan B? "Nimm die Fähre nach Helsinki, dann hast du immer noch 800 Kilometer Schnee und Eis mit dem Auto." Perfekt, so machen wir es.
Von der Idee zum Roadtrip
Schnell war die Idee mit dem Dakar besprochen und von Porsche genehmigt, die Fähre bei Finnlines für mich und Fotograf Ronald gebucht. Die Wintergeschichte in Livigno absolvierte der 911 Dakar mit Bravour, überzeugte mit viel Querdynamik auf rutschigem Untergrund, sprang am höchsten über die Sprungkuppen – ein guter Auftakt für die Finnlandtour.

Legendär in Hamburg: Fischbrötchen bei Käpt'n Schwarz. Perfekter Zwischenstopp auf dem Weg nach Finnland.
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
Schnell zurück nach Schwabach in die AUTO BILD SPORTSCARS-Redaktion und im Supermarkt die wichtigsten Überlebensutensilien für den Trip einkaufen. Viel passt da allerdings nicht rein, hinten kriegt man gerade so zwei weiche Reisetaschen durch den Überrollkäfig gefädelt, das vordere Gepäckabteil unter der "Motor"-Haube hat der Fotograf für sein Equipment beansprucht.
Klar, wir hatten den Dachträger für den Testwagen mitbestellt, doch wasserfeste Taschen und Gurte bekamen wir nicht so schnell zusammen. Außerdem war der Dachgarten mehr für die Ausleuchtung gedacht, schließlich sind an seiner Vorderseite vier schmale LED-Lichtleisten integriert. Hell? 2600 Lumen! Auf Deutsch: circa 250 Watt. Sollte genügen, um sich durch die finnischen Wälder zu schlagen. Noch eine Nacht im gewohnten Bett, denn viel Schlaf ist notwendig: 2729 Kilometer und 46 Stunden liegen vor uns.

Minus 20 Grad, feinstes Schneegestöber, eisige Pisten, Podcast "Alte Schule", zehn Stunden bis Rovaniemi.
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
Um 9 Uhr Start, die Sonne lacht, selbst hier in Franken ist es links und rechts der Straße noch ein wenig weiß gepudert. Je weiter wir Richtung Osten fahren, desto kälter und weißer wird's. Erster Stopp in meiner thüringischen Heimatstadt Weida, die Mama will noch was Selbstgebackenes mit auf den Weg geben. Sie war gerade Skifahren in Österreich und meint, dass der Porsche oben am Dachkorb auch Ski mitnehmen könne, falls ich in Finnland einen Berg sähe oder das Auto stecken bleibe. Ich beruhige sie, es werde schon alles gut gehen, die Ski hätten wir eh nicht gut festgezurrt bekommen.
Rein vom Speed her wäre es möglich, denn mit dem Dachträger dürfen wir nicht schneller als 130 km/h fahren – offiziell von Porsche aus. Na ja, wir pendeln uns bei 140 bis 150 km/h ein, wollen kein fahrendes Hindernis für die nächsten rund 750 Kilometer sein. Vorne unter der Frontscheibe kann man den nach vorn stehenden Dachträger gut beobachten, da rüttelt nichts.
Spaßrunde auf dem verschneiten Sachsenring
Weiter geht's zum Sachsenring. Unsere Hausstrecke ist laut Telefonat mit Chef Ruben Zeltner noch schneeweiß und mit einigen Zentimetern Neuschnee beflockt. "Ich bin mit dem Mitsubishi Evo noch keine Runde gefahren, dürfte also perfekt sein", so Zeltner. Und so war es auch, Sonne, viel Schnee, kein Matsch, minus sechs Grad – ein Traum. Noch kurz den 911 Dakar sauber machen und dann fliegen lassen. Offroad-Mode, das Fahrwerk erhöht sich, ESP off, los. Ende Start-Ziel pendelst du den Elfer in bester Rallyemanier an, lässt dich weit von der Ideallinie hinaustreiben, wütest wild und quer durch das Kies-Schnee-Bett, die weißen Fetzen fliegen durch die Luft, mein Grinsen könnte nicht breiter sein. Schade, dass Kumpel und Ideengeber David nicht dabei sein kann.
Weiter geht's, der Dakar pflügt durchs Omega, als wäre er schon immer hier im Schnee durchgeflogen. Super, die Schräglage lässt sich perfekt halten und übers Lenkrad der Driftwinkel fein nachkorrigieren. Wie schon in Livigno festgestellt: Der Rallye-Mode lässt den Dakar auch am Ring etwas zu sehr übersteuern. Der Fotograf freut sich, doch man dreht sich trotz Allrad auch ab und zu ein.
Egal, irgendwann vergesse ich vor lauter Fahr- und Drehfreude die Zeit, die Drifts werden immer schneller, die Schneefontänen höher, ich wäre eigentlich bereit für eine Rundenzeit. Doch dann entdecke ich Foto-Ronalds wild winkende Hand. Er hat gute Bilder, wir müssten weiter. Schließlich wollen wir noch leckere Fischbrötchen vor der Fähre essen. Und die gibt es seiner Meinung nach nur in Hamburg.

Vom Hafen Helsinki nach Rovaniemi sind es 831 Kilometer.
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
Fünf Stunden später stehen wir an den St. Pauli-Landungsbrücken bei Käpt'n Schwarz. Ronald Lachs, ich Bismarck, wunderbar. Noch ein Tee und weiter gen Norden. 23 Uhr Einschiffen auf die Finnlines-Fähre, 2 Uhr Abfahrt. Wir teilen uns eine Kabine, früh um 9 Uhr gemütliches Frühstück mitten auf der Ostsee, Dienstreisen können manchmal echt schön sein. 1400 Kilometer auf dem Wasser in 31 Stunden, doch die Zeit vergeht schnell. Noch einmal schlafen und dann geht’s früh um acht auch schon von der Fähre.
Die Finnen sind mit Spikereifen unterwegs, fahren mir um die Ohren
Schneefall und minus 14 Grad in Helsinki. Die Finnen sind mit Spikereifen unterwegs, fahren mir um die Ohren, selbst Lkw ziehen vorbei. Mehr als 100 traue ich mich nicht auf den teilweise polierten Eispisten, trotz griffiger Pirelli und Allrad. Noch 750 Kilometer bis Rovaniemi, es wird schnell dunkel um die Jahreszeit, schon nachmittags um 16 Uhr. Da sind wir bereits kurz vor Oulu. Noch ein Stopp, ein paar Liter Super Plus, eine Portion Rentiergulasch mit Preiselbeeren und Kartoffelstampf, einen Kaffee und zurück in die Kälte, zurück in die Vollschalensitze.
Noch 240 Kilometer, wir verlassen die Route am Meer, es wird waldiger, und es fällt immer mehr Schnee. Irgendwann müssen wir anhalten, die Scheibenwischer und Scheinwerfer unten und oben von Schneebatzen befreien.

911 Dakar neben Lada 2107, herrliche Winterlandschaft, Romantik pur.
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
Circa eine Stunde vor dem Ziel springt uns plötzlich eine Horde Rentiere vors Auto. Keine Verletzten, keine Dellen, sondern Romantik pur. Die verschneite finnische Natur, meterweise Pulverschnee, die Tiere, die Ruhe, Vollmond, das Auto – mehr geht nicht.
Und dann haben wir es endlich geschafft, 20:40 Uhr biegen wir ab zum Weihnachtsmann. Wohin? Ja, meine Tochter hat mir einen Brief für Santa Claus mitgegeben, in Rovaniemi ist sein offizielles Postamt.
Service-Links










