Porsche 911 T trifft seinen Urahnen

Porsche 911 T trifft seinen Urahnen: Test

Insel im Sturm: Zwei 911 T auf Sylt

Glitzer und Glamour gibt es auf Sylt im Überfluss. Wir erkunden mit zwei Porsche 911 T von 1968 und 2018 die ursprüngliche Seite der Insel.

Video: Porsche 911 Carrera T (LA 2017)

Pures 911-Vergnügen

Wenn die Diva der Nordsee auf den Urvater des deutschen Sportwagens trifft, dann könnte diese Geschichte voller Klischees von den Reichen und Schönen und dem Luxus schnell erzählt sein. Doch das wahre Sylt liegt in der Einsamkeit, in der vom Wind zerzausten Natur. Ja, tatsächlich in den einfachen Dingen. Das Motto "Weniger ist mehr" gilt auf den zweiten Blick auch für unsere beiden Begleiter: zwei puristische Porsche 911 T. Das aktuelle Modell sowie sein Urahn aus dem Jahr 1969.

Das aktuelle Modell interpretiert Purismus eher lässig

Leichter gemacht: Der Carrera T spart immerhin 20 Kilo ein – richtig puristisch ist er natürlich nicht.

Das T steht für Touring. Die 2018er Version mit 370 PS ist laut Werk aber nur 20 Kilogramm leichter als ein normaler Carrera. Heck-und hintere Seitenscheiben bestehen aus Polycarbonat, die Dämmung ist aufs Minimum reduziert; bei Bedarf können Infotainment und Notsitze im Fond abgewählt werden. PASM-Sportfahrwerk (Porsche Active Suspension Management) mit 20 Millimeter Tieferlegung, GT-Sportlenkrad, verkürzter Schalthebel, 20-Zoll-Räder, Sportsitze und eine Differenzialsperre – alles Serie. Türöffnerschlaufen in Signalgelb zitieren das Urmodell. Auch in Gelb: Armaturen, Gurte, Nähte, Schriftzüge. Der Himmel allerdings trägt an diesem Morgen als Kontrast fades Grau. Sechs Uhr zeigt das (gelbe) Zifferblatt des Chronographen im neuen T.

Im alten Elfer dringt die Straße fast ungefiltert durch

Man muss ihn sich erkämpfen: Das Urmodell des 911 braucht durchaus eine kundige Hand am Steuer.

Wir rumpeln über die alte Betonstraße zum Ellenbogen im Norden der Insel. Selbst auf dem von Schlaglöchern durchzogenen Weg liegt der neue Elfer wie ein Brett, traumhaft austariert, eine Oase des Komforts. Die manuelle Schaltung (sieben Gänge) mit kürzerer Achsübersetzung ist knackig, der Sound rauchig. Kurz vorm Naturschutzgebiet besser die Klappen der Sportabgasanlage wieder schließen – wir wollen die Schafe nicht wecken. Wechsel in den alten T. Und schon hantieren wir mit dem Momo-Sportlenkrad des bahamagelben F-Modells und spüren jeden Kieselstein. Der Urelfer hat es in sich: Statt des damals üblichen Sechszylindermotors mit 110 PS kommt im "Coffee Racer" ein 2,4-Liter-Boxer mit 180 PS, gefüttert von zwei PMO-Dreifachvergasern, zum Einsatz. Eine Nockenwelle vom 911 E sowie ein modifiziertes Fahrwerk komplettieren das sportliche Setup. Innen: Türpappen vom RS 2.7 und Nürburgring-Sportsitze mit stilechtem Pepita-Muster.
Niedertouriger Schiebebetrieb liegt dem klassischen T nicht, erst ab 4000 Umdrehungen wird er so richtig wach. "Man muss sich das Auto erkämpfen", sagte schon sein Schöpfer F. A. Porsche. Wir flitzen über die schmale Landzunge aus Heide und Sandstrand. Plötzlich reißt der Himmel auf und malt ein sanftes Leuchten auf die Wanderdünen. Neben der kargen und wilden Natur der Westküste hat Sylt aber auch eine Seite voller stiller Momente.

Auch nach 50 Jahren sorgt der 911 noch für Begeisterung

Einstiegsmodell: Der T war unterhalb der L- und S-Modelle platziert – er fasziniert noch immer.

Kurz hinterm Watt in Kampen liegt die "Kupferkanne"; von Kiefern und Moos eingewachsen und mit den kleinen runden Fenstern erinnert der ehemalige Flakbunker an das Hobbit-Haus von Bilbo Beutlin. Hier scheint die Zeit stillzustehen. Ein Kellner kommt um die Ecke und beäugt den Ur-Elfer: "Ein toller Wagen", die Faszination am fast 50 Jahre alten Auto ist ungebrochen. 1968 wurde er als Einstiegsmodell unterhalb der stärkeren 911 L und S platziert. Von September 1964 bis August 1973 baute Porsche insgesamt 81.100 F-Modelle, 25.429 davon als Targa. Es geht weiter am Wattenmeer entlang nach Keitum. Hier befinden sich die ältesten Kapitänshäuser der Insel, und kleine Wege schlängeln sich wie ein Labyrinth durch den Ortskern. Auch hier wird unser altes T-Modell mit hochgereckten Daumen begrüßt. Der "Sympathie-Porsche" geht ins Herz, auch im Cockpit: Fahren in seiner reinsten Form – aus der Tiefe des Stammhirns möglich, gesteuert wird mit Gasfuß und Popometer.

Der neue Elfer taugt durchaus als Reisewagen

Komfortabler Sportler: Mit dem aktuellen Elfer könnte man auch Langstrecken problemlos abreißen.

Auf dem Weg zum Südende schiebt der Elfer auf Betriebstemperatur, als ob es kein Morgen gäbe. Ab 1968 gab es einen längeren Radstand, mit dem der T manierlich geradeaus rennt. Er lenkt vielleicht nicht besser als die ersten 911, zieht aber souveräner durch die Kurven. Beim Blick aus dem Cockpit, flankiert durch die Kanonenrohr-Kotflügel, sehen wir die Fahnen der Sansibar – unser Ziel ist aber die schwindende Hörnum-Odde. Das Meer frisst sich jedes Jahr weiter durch die Dünenkante. Hier ist die Zerbrechlichkeit von Sylt am klarsten zu sehen.  Am kleinen Sportboothafen von Rantum machen wir Rast. Die Salzluft mischt sich mit dem Duft von frisch geräuchertem Fisch. Der Schlüssel wird nach links gedreht, der Sechszylinder verstummt. Nach neun Stunden am Steuer des alten Elfers fühlt man sich, als hätte man mit einem Bären gerungen. Den modernen T könnte man dagegen ohne Probleme direkt zurück nach Stuttgart fahren. Als wir die Hafencrew um ein letztes Foto am Kai bitten, fordert die dafür einen Kasten Astra Pilsener, das Werberbier von St. Pauli. Auch das ist Sylt. 
Technische Daten Porsche 911 T (2018)Motor: Sechszylinder-Boxer, hinten längs • Hubraum: 2981 cm³ • Leistung: 272 kW (370 PS) bei 6500/min • max. Drehmoment: 450 Nm bei 6500/min • Antrieb: Hinterradantrieb • L/B/H: 4527/1808/1285 mm • Leergewicht: 1425 kg • 0–100 km/h: 4,5 s • Vmax: 293 km/h • Preis 107.553 Euro.

Technische Daten Porsche 911 T (1968)
• Motor: Sechszylinder-Boxer, hinten längs • Hubraum: 1991 cm³ • Leistung: 81 kW (110 PS) bei 5800/min • max. Drehmoment: 157 Nm bei 4200/min • L/B/H: 4163/1610/1320 mm • Leergewicht: 1095 kg • 0–100 km/h: 10,0 s • Vmax: 200 km/h • Preis: 19.305 Mark (1968).

Autor: Matthias Techau

Stichworte:

Sportwagen

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