Manchmal liegen die besten Pläne für die Zukunft im Archiv. Zumindest haben sie sich bei Porsche nach dicken Geländewagen und Limousinen auf ihre glorreiche Vergangenheit besonnen – und den Targa wiederbelebt. Nicht wie bei den Vorgängern 993 und 996 nur ein Elfer mit großem Glasschiebedach, sondern ein echter Targa mit Stoffmützchen und breitem Bügel in Edelstahl-Optik.

Ein aktueller Elfer ist fast so groß wie der klassische 928

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Video: Porsche 911 Targa 4S

So gut ist der neue Porsche 911 Targa

Wie aber schon bei der Präsentation des "Sicherheitscabriolets" 1965 stellt sich die Frage, für wen der Targa das richtige Auto ist. Ist das noch ein echter Elfer? Oder ist er doch ein Auto, das es allen recht machen will und so keinen richtig zufrieden machen kann? Beginnen wir ganz pragmatisch; Sportwagen hin, Porsche her. Bei näherer Betrachtung fällt zunächst auf, wie groß der Elfer geworden ist. Bis auf wenige Millimeter hat er die Abmessungen des klassischen 928 erreicht. Das bringt aber eine ganze Menge. Im fein verarbeiteten Cockpit ist selbst für große Fahrer Platz, auf den Rücksitzchen können auch Kinder ein paar Kilometer halbwegs schadlos überstehen – zumindest wenn sie den Kopf einziehen. Denn der Überrollbügel schränkt die Kopffreiheit spürbar ein. Wie sehr sich die Marke Porsche in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt hat, zeigt der Targa beim Ablegen seines Verdecks.

Die pfiffige Dachidee ist leider nicht zu Ende gedacht

Porsche 911 Targa
Gefährlich: Das Dach schwenkt weit nach hinten – mit voller Kraft und ohne Stopp per Sensor.
Beim Urmodell nervte das störrische Mittelteil den Fahrer. Die per Reißverschluss mit der Karosserie verbundene Plastik-Heckscheibe kostete beim Wiedereinbau Nerven, Fingernägel und oft genug die Beherrschung. Heute dauert die große Show der kleinen Stellmotoren, Hydraulikzylinder und Verdeckgelenke 19 Sekunden, dann hat der Porsche sein Dach vollautomatisch unter der mächtigen Heckkuppel abgelegt. Der Targa-Fahrer erlebt den Strip entweder aus der Cockpitperspektive oder – per Fernbedienung – aus der Deckung eines Straßencafés. Leider haben sie diese pfiffige Idee bei Porsche nicht ganz zu Ende gedacht. Der Verdeckkasten schwenkt weit über das Heck hinaus, die serienmäßigen Parkpiepser bremsen die Dachelektronik nicht ein. Und so kann es schnell – trotz Warnung im Display – zu Beschädigungen am Targa oder dem dahinter parkenden Auto kommen.

Auf Knopfdruck wird der Targa zum leichtfüßigen Sportler

Porsche 911 Targa
Typisch Porsche: Einen rasanten Ausflug auf die Rennstrecke nimmt der Targa absolut nicht übel.
Es ist der einzige Kritikpunkt am Targa. Obwohl er mit einem Leergewicht von 1642 Kilogramm nicht mehr zu den Leichtgewichten gehört, kann der Targa mehr, als es physikalisch möglich erscheint. Kaum ist der "Sport Plus"-Knopf gedrückt, pfeift er um die Ecken wie ein deutlich leichterer und kleinerer Sportwagen, beschleunigt mit herrlich kreischendem Boxer-Sound – auch wenn Glaskuppel und Stoffdach die Lautstärke ein wenig dämmen. Die Botschaft ist klar: Einen Ausflug auf die Rennstrecke nimmt dieser Komfort-Elfer nicht übel, fühlt sich auch dort pudelwohl. Das ist aber nur die eine Seite des Porsche. Im Normal-Modus federt der neue Elfer sehr manierlich, der Motor hält sich dezent im Hintergrund, und der Fahrtwind säuselt sanft in den Innenraum. Dieser Spagat ist wohl einmalig in der Sportwagen-Welt – und prägt den Charakter des 911 seit Jahrzehnten. Auch oder gerade als Targa.

Fazit

von

Stefan Voswinkel
Ich muss zugeben, ich war skeptisch vor der ersten Fahrt mit dem neuen Targa. Zu groß, zu schwer ist er für meinen Geschmack geworden. Mehr Luxusgegenstand als Sportwagen. Um mich dann eines Besseren belehren zu lassen. Zumindest in der Sport-Plus-Einstellung bleibt sich der Elfer treu: Er wird laut, böse, knurrig; ein waschechter Racer. Trotzdem beherrscht der Targa auch den Alltag, schont die Nerven seines Fahrers mit geschliffenen Manieren. Eine neue Erfahrung – und das passende Rezept für einen Elfer der Jetztzeit.

Von

Stefan Voswinkel