79 WM-Rallyes und neun Titel gewann Sébastien Loeb zwischen 2002 und 2018 mit Citroën. Zur Rallye Monte Carlo 2022 kehrte der inzwischen 47-Jährige nach über einem Jahr Pause in die Weltmeisterschaft zurück, erstmals am Lenkrad eines Ford Puma.
Am Sonntag feierte der geborene Elsässer seinen 80. WM-Sieg und schrieb wieder einmal Geschichte – als jetzt ältester WM-Sieger aller Zeiten. Als Fahrer, um genau zu sein. Denn Loebs neue Copilotin Isabelle Galmiche, im Hauptberuf Mathematiklehrerin, ist noch drei Jahre älter. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Dieser Sieg ist sehr speziell“, stammelte Loeb sichtlich gerührt auf der Zielrampe.
Der Überraschungssieg der Oldies setzte den Schlusspunkt unter einen spektakulären Saisonauftakt. Den größten Knaller brachte der Franzose Adrien Fourmaux. Sein Ford wurde nach Kontakt mit einem Felsen über eine Leitplanke geschleudert und rollte rund 50 Meter einen Abhang hinunter. Der brandneue Ford Puma Rally1, Wert rund eine Million Euro, war Kernschrott. Fourmaux und Beifahrer Alex Coria kamen mit Prellungen davon. Ford hatte, genau wie Hyundai, schon bei den Testfahrten vor der Rallye ein Auto durch einen ähnlichen Horror-Crash verloren.
Sebastien Loeb feierte seinen 80. WM-Sieg und schrieb wieder einmal Geschichte.
Obwohl die Wertungsprüfungen dieses Mal vergleichsweise wenig verschneite und vereiste Passagen boten, rodelten auch andere Stars gleich reihenweise von der Piste. Wenn auch weniger dramatisch als Fourmaux. Vize-Weltmeister Elfyn Evans (Toyota) landete ebenso im Graben wie Hyundai-Neuzugang Oliver Solberg, 20 Jahre alter Sohn des früheren Weltmeisters Petter Solberg.
Dessen Teamkollegen gaben auch keine viel bessere Figur ab. Ott Tänak zerstörte die Kühler seine i20 N Rally an einem Felsen. Und Thierry Neuville, vor dem Start als einer der Siegfavoriten gehandelt, musste alle Ambitionen wegen Fahrwerksproblemen und eines nicht einwandfrei arbeitenden Hybrid-Systems begraben.
Die Rallye Monte Carlo war der erste WM-Verlauf für die neuen Rally1-Fahrzeuge. Dank Kombination aus 1,6-Liter-Turbobenziner (ca. 380 PS) und Elektromotor (135 PS) leisten sie über 500 PS. Zuverlässig lief das System nicht in allen Autos.
Und so blieb als Gegner für Loeb nur dessen früherer Erzrivale Sébastien Ogier, selbst bereits acht Mal Weltmeister. Der 38 Jahre alte Franzose, wie Loeb mit sieben Siegen bei der Rallye Monte Carlo auf dem Konto, konnte den nach der ersten Etappe führenden Ford-Piloten bei der Reifenwahl austricksen. In eine teilweise vereiste und verschneite Prüfung startete Loeb mit fast profillosen Slicks. „Das ist auf Eis zwar ein Risiko, aber mit Spikes verliere ich auf den Asphaltabschnitten zu viel Zeit“, lautete seine Theorie.
Ogier plant maximal sechs WM-Läufe, will sich ansonsten auf einen zukünftigen Start beim 24-Stunden-Rennen in Le Mans vorbereiten.
Ogier hatte sich bereits für Sicherheit entschieden und Winterreifen aufziehen lassen. Als er den vor ihm startenden Loeb mit Slicks losfahren sah, entschied er sich in letzter Minute um. „Ich hatte Loeb zu diesem Zeitpunkt im Griff. Ich musste mit denselben Reifen fahren, um das Kräfteverhältnis nicht zu gefährden“, erklärte Ogier. Tatsächlich absolvierte er die folgende Prüfung 16 Sekunden schneller als der identisch bereifte Loeb – und hatte damit den Sieg praktisch schon in der Tasche. „Das war’s“, glaubte auch Loeb, der mit 21 Sekunden Rückstand in die Schlussetappe ging.
Doch aus der vorletzten Wertungsprüfung humpelte Ogier mit einem Plattfuß. 34 Sekunden betrug sein Zeitverlust auf Loeb. Ein Geschenk, dass sich der neunmalige Weltmeister auf den verbleibenden 14 Kilometern nicht mehr entreißen ließ.
„War nicht ganz einfach, sich von der Rallye Dakar auf die Rallye Monte Carlo umzustellen“, grinste Loeb, der noch eine Woche zuvor den Wüsten-Klassiker als Gesamtzweiter beendet hatte.
Die gute Nachricht für die Konkurrenten: Beide Sébastiens wollen nicht die komplette WM-Saison bestreiten. Ogier plant maximal sechs WM-Läufe, will sich ansonsten auf einen zukünftigen Start beim 24-Stunden-Rennen in Le Mans vorbereiten. Für Loeb war die Rallye Monte Carlo mit der Premiere im Ford eigentlich eine einmalige Angelegenheit. Nach dem Überraschungssieg werden beide Seiten wohl noch einmal neu diskutieren.

Ergebnis Rallye Monte Carlo

1. Sébastien Loeb/Isabelle Galmiche (Ford Puma Rally1), 3:00.32,8 Stunden
2. Sébastien Ogier/Benjamin Veillas (Toyota GR Yaris Rally1) +10,5 Sekunden
3. Craig Breen/Paul Nagle (Ford Puma Rally1), +1.39,8 Minuten
4. Kalle Rovanperä/Jonne Halttunen (Toyota GR Yaris Rally1), +2.16,2 Minuten
5. Gus Greensmith/Jonas Andersson (Ford Puma Rally1), +6.33,4 Minuten
6. Thierry Neuville/Martijn Wydaeghe (Hyundai i20 N Rally1), +7.42,6 Minuten

Von

Christian Schön