Die medizinisch-psychologische Untersuchung (MPU) wird unter anderem nach Alkohol- oder Drogendelikten, bei erheblichen Verkehrsverstößen oder einem hohen Punktestand angeordnet. Sie ist Voraussetzung dafür, dass die Fahrerlaubnis neu erteilt werden kann und besteht aus mehreren Bausteinen: Neben einer medizinischen Untersuchung und je nach Fragestellung auch Laborbefunden oder Abstinenznachweisen spielt vor allem das psychologische Gespräch eine zentrale Rolle. Genau daran scheitern jedoch viele Betroffene.
"Die MPU ist kein Wissensquiz, bei dem es richtige oder falsche Musterantworten gibt", sagt Natascha Schlienz. Die Verkehrspsychologin muss es wissen, sie war fast 13 Jahre als MPU-Gutachterin im Einsatz und kennt die Bewertungsmaßstäbe der Gutachter daher aus erster Hand. "Ein MPU-Gutachter beurteilt nicht, wie sympathisch oder überzeugend jemand auftritt, sondern ob die relevanten fachlichen Kriterien erfüllt sind und die dargestellte Veränderung nachvollziehbar und stabil ist", sagt die Expertin.
"Entscheidend ist nicht die vermeintlich perfekte Antwort, sondern eine ehrliche und in sich schlüssige Auseinandersetzung mit dem eigenen früheren Verhalten. Wer dagegen versucht, dem Gutachter nach dem Mund zu reden, läuft Gefahr, unglaubwürdig oder einstudiert zu wirken." Für AUTO BILD hat die Psychologin die sieben größten Fehler während einer MPU zusammengefasst.
1. Zu spät die richtigen Experten fragen
Viele Menschen wollen den einfachen Weg gehen und fallen auf Abzocker rein, die im Internet Versprechungen abgeben wie "ohne Abstinenz zur MPU". "Ich habe viele Klienten, die genau auf solche leeren Versprechen reingefallen sind, bei der MPU dann durchgefallen und letztendlich bei mir gelandet sind", berichtet Natascha Schlienz. "Leider ist der MPU-Vorbereitungsmarkt sehr undurchsichtig, da sich jeder MPU-Coach oder MPU-Berater nennen darf, denn der Begriff ist gesetzlich nicht geschützt."
2. Die Schuld bei anderen suchen
"Am Anfang ist es bei den meisten so, dass alle anderen Schuld haben an dem, was passiert ist", sagt Schlienz. "Erst im Laufe des MPU-Prozesses merken sie, dass das so wohl nicht ganz richtig ist, denn niemand hat sie schließlich gezwungen, zum Beispiel 2,3 Promille zu konsumieren und dann Auto zu fahren."
3. Auswendig gelernte Antworten aufsagen
"Einer meiner Klienten, der zuvor über 3000 Euro für eine Vorbereitung bezahlt hatte, hatte einfach ein PDF mit Standardantworten zum Auswendiglernen erhalten und ist damit gewaltig durchgefallen. Bei der MPU kommt es immer auf den individuellen Fall an, da merkt man als Gutachter sehr schnell, wenn jemand Antworten auswendig gelernt hat. Ein erfahrener Gutachter wird das mit zwei, drei Fragen sofort aufdecken."
Verkehrspsychologin Natascha Schlienz
Verkehrspsychologin Natascha Schlienz war früher selbst MPU-Gutachterin und bietet inzwischen MPU-Vorbereitungen an (www.mpu-expertin.de).
Bild: Privat (Natascha Schlienz)
4. Die Ursachen hinter dem Fehlverhalten nicht wirklich verstanden haben
"Entscheidend ist nicht nur, was passiert ist, sondern warum es überhaupt so weit kommen konnte", erklärt die Verkehrspsychologin. "Welche persönlichen Muster, Motive oder Denkweisen standen dahinter? Warum trinke ich etwa Alkohol, um zu entspannen? Warum hat sich über die Jahre hinweg ein aggressives Fahrverhalten entwickelt?"
Als Beispiel berichtet die Ex-Gutachterin von einem Geschäftsmann, der in fünf Jahren mehr als 12 Punkte in Flensburg angesammelt hatte. "Er war selbstständig, hatte seine ganzen Termine immer mit dem Auto erledigt und war praktisch ständig im Kampf gegen die Zeit. Folglich ist er oftmals viel zu schnell gefahren."
5. Denken, dass Abstinenz allein schon reicht
"Abstinenz allein bedeutet noch nicht, dass verstanden wurde, warum es überhaupt zu dem früheren Konsumverhalten gekommen ist", sagt die MPU-Expertin. "Und es erklärt vor allem nicht, warum es in Zukunft anders bleiben wird." Bei der MPU werde nach festgelegten fachlichen Beurteilungskriterien begutachtet, so Schlienz. Je nach individueller Problematik müssten verschiedene Voraussetzungen erfüllt sein, damit eine positive Prognose möglich ist.
"Die Aussage 'Ich trinke oder konsumiere jetzt einfach nichts mehr' greift deshalb deutlich zu kurz. Entscheidend ist unter anderem, ob die Ursachen des früheren Verhaltens verstanden wurden und ob die Veränderung nachvollziehbar und ausreichend stabil ist."
6. Kritische Nachfragen durch den Gutachter als persönlichen Angriff sehen
"Ein MPU-Gutachter fragt häufig bewusst genauer nach. Insbesondere dann, wenn Aussagen unklar, widersprüchlich oder noch nicht ausreichend nachvollziehbar sind." Ein großer Fehler sei es, in diesem Moment nervös zu werden und die eigene Darstellung plötzlich anzupassen, sagt Schlienz: "Genau dadurch können erst recht Widersprüche entstehen. Kritische Nachfragen sind völlig normal und bedeuten nicht automatisch, dass die MPU schlecht läuft."
7. Dem Gutachter das erzählen, was er vermeintlich hören will
"Viele gehen mit der Vorstellung in die MPU, es gäbe bestimmte richtige Antworten, mit denen man den Gutachter überzeugen kann", erklärt Natascha Schlienz. "Es fallen Sätze wie: 'Ich habe aus meinen Fehlern gelernt', 'Das wird mir nie wieder passieren' oder 'Heute bin ich ein völlig anderer Mensch'. Solche Aussagen klingen zunächst positiv, haben aber wenig Aussagekraft, wenn sie nicht mit der eigenen Geschichte und konkreten Veränderungen belegt werden können."
Fazit der Verkehrspsychologin: "Der wichtigste Schritt ist, nicht vermeintlich perfekte Antworten zu lernen, sondern eine ehrliche und in sich schlüssige Auseinandersetzung mit dem eigenen früheren Verhalten zu starten. Wenn man seinen eigenen Fall wirklich gut aufarbeitet, dann besteht man auch die MPU."