Renault 4 E-Tech elektrisch gegen R4 (1961): Neu vs. Alt
Damals simpel, heute smart: Der Renault R4 im Wandel der Zeit

Alt gegen Neu: Der Kultklassiker R4 trifft seine Neuinterpretation Renault 4 E-Tech elektrisch.
Bild: Fabian Hoberg
- Fabian Hoberg
Renault stellt 1961 den R4 vor. Schnell wird der praktische Kleinwagen zum Symbol der Mobilität für jedermann. Bis 1994 laufen mehr als acht Millionen Exemplare vom Band. Heute rollt der R4 wieder ins Rampenlicht: als elektrische Neuinterpretation, die den Geist des Originals in die Zukunft trägt.
Schiebefenster und Revolverschaltung. Dazu ein eckiges "Design" und eine große Kofferraumklappe. Muss man mögen. Als Renault den R4 1961 erstmals auf der IAA in Frankfurt zeigt, verändert er Frankreich – und Stück für Stück auch Europa. Denn Renault konstruiert den R4 nicht für Wohlhabende, sondern für alle.

Alt trifft Neu: 35 Jahre liegen zwischen diesen beiden R4-Modellen, dem R4 E-Tech elektrisch und dem R4 GTL.
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Fünf Türen, umklappbare Rücksitzbank, fertig. Dazu bietet er als erste Kombi-Limousine mehr Auto als der Citroën 2 CV. Der R4 wird ein Fahrzeug, das Bauern über Schotterwege bringt, Studenten in die Stadt fährt und Familien Platz für Ausflüge bietet. In Deutschland wird der R4 bis 1988 verkauft. Den letzten in Deutschland gebauten R4 als Sondermodell "Salü" erwirbt Günther Jauch für 12.590 Mark. Eine fahrende Legende.
Die Rückkehr einer Ikone – jetzt elektrisch
Kein Wunder, dass sich die Franzosen dieses Jahr auf ihre Tugenden besinnen und eine elektrische Variante auf die Räder stellen. Renault übersetzt den R4 in ein modernes E-Auto und transformiert den Klassiker in die Zukunft. Auf Basis des 3,92 Meter langen R5 erhält der R4 mit seinen 4,14 Metern mehr Platz. Der elektrische Twingo auf der gleichen Plattform schrumpft auf 3,80 Meter.
Ein historischer R4 fällt nie durch Glamour auf. Er wirkt kantig, fast rustikal, mit senkrechter Front, runden Scheinwerfern und klarer Linienführung. Doch gerade diese Einfachheit wird zum Markenzeichen. Er sieht freundlich aus, nahbar, fast sympathisch-naiv. Seine praktische Form verrät sofort: Dieses Auto ist für den Alltag gebaut. Die große Heckklappe – damals revolutionär – zeigt schon von außen, dass er mehr kann als nur fahren.

Topseller: Renault verkaufte vom R4 exakt 8.135.424 Fahrzeuge innerhalb von 33 Jahren auf fünf Kontinenten.
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Dank der variablen Rückbank und der praktischen Heckklappe wird er zum Vorreiter des Kompaktvans. In den Kofferraum passen bis zu 950 Liter, die Mechanik zeigt sich haltbar. Und wenn doch mal etwas kaputtgeht, ist es schnell repariert. Einziger Wermutstropfen über alle Jahre: Der Legende nach rostet ein R4 schon im Katalog.
Seine Stärke liegt in der Vielseitigkeit. Genau die liebt Klaus-Dieter Kürschgen. Der Besitzer des Foto-Autos kaufte den R4 vor rund fünf Jahren. "Mein erstes Auto war ein R4 von 1967 mit Alu-Brille und Dreiganggetriebe, ein tolles Auto damals", erinnert sich der heute 67-Jährige. Einem Arbeitskollegen seines Vaters zahlt er 100 Mark dafür, mit einem Ersatzmotor im Kofferraum.
Fahrzeugdaten | RENAULT 4 E-TECH 150 COMFORT RANGE | RENAULT 4 GTL (1990) |
|---|---|---|
Motor | Fremderregter Synchron-Elektromotor | R4, 1108 cm3 |
Leistung | 110 kW/150 PS | 25 kW/34 PS bei 4000 U/min |
max. Drehmoment | 245 Nm | 72 Nm bei 2500 U/min |
Antrieb | Frontantrieb | Frontantrieb |
Leergewicht | 1537 kg | 720 kg |
0–100 km/h | 8,2 s | 26,9 s |
Höchstgeschwindigkeit | 150 km/h | 120 km/h |
Verbrauch kombiniert | 15,1 kWh/100 km (WLTP) | 7,5 Liter/100 km (EU) |
L/B/H | 4144/1552/ 1808 mm | 3668/1485/1550 mm |
Kofferraum | 420–1405 l | bis zu 950 l |
Preis | ab 29.400 Euro | 11.750 Mark |
"An das Auto habe ich so viele gute Erinnerungen, dass ich mir wieder einen R4 kaufen musste, einen 1990er-R4 mit 34 PS aus Slowenien", sagt er. Etwa 2000 Kilometer legt er im Jahr auf den beigen Kunstledersitzen zurück. Auto fahren in seiner reinsten Form: ohne Piepsen, ohne Warnen, nur Mechanik.
Wer sich in den 3,60 Meter kurzen historischen R4 setzt, blickt auf Schlichtheit pur. Das Armaturenbrett besteht fast nur aus Blech, einfache Instrumente informieren über Geschwindigkeit und Tankfüllung. Das Lenkrad ist dünn, die Sitze sind einfach bezogen, der Komfort minimal. In der Mitte ragt der Revolvergriff des manuellen Vierganggetriebes raus, die Frontscheibe sitzt nah und steil am Fahrer. Dafür ist alles zweckmäßig und leicht zu reparieren. Der Fahrer konzentriert sich auf das Wesentliche – Lenken, Schalten, Fahren.

Ganz schön kantig: Beim neuen R4 greift das Design die historische Silhouette auf.
Bild: Fabian Hoberg
Der elektrische Nachfolger dagegen tritt futuristisch und frisch auf. Renault nimmt die Silhouette des Originals als Vorlage, interpretiert sie neu. Große 18-Zoll-Räder statt winzigen 13-Zöllern, LED-Lichtdesign und glatte Flächen verleihen ihm einen modernen Auftritt. Renault stattet ihn mit digitalen Displays, Touchscreens und modernen Bedienelementen aus.
Technik und Nachhaltigkeit im Fokus
26 Assistenzsysteme überwachen das Umfeld, Navigationskarten projizieren sich ins Cockpit, das Smartphone verbindet sich kabellos. Nachhaltige Materialien wie recycelte Stoffe und veganes Leder unterstreichen den ökologischen Anspruch. Aus der einst puristischen Fahrmaschine wird ein Lifestyle-Lounge-Mobil, das Technikbegeisterte und Designliebhaber gleichermaßen ansprechen soll.
Der größte Schritt vollzieht sich allerdings unter der Motorhaube. Im Ur-R4 arbeitet ein Vierzylinder-Benziner als Frontmittelmotor, je nach Baujahr zwischen 747 und 845 Kubikzentimeter mit bis zu 26 PS und später mit der "großen" 1,1-Liter-Maschine mit 34 PS. Damals neu: ein wartungsfreies Kühlsystem. Mit 540 Kilogramm (L-Version) und bis zu 720 Kilogramm im GTL fährt ein R4 zuverlässig und genügsam. Von 0 auf 100 km/h benötigt der Franzose 26,9 Sekunden, fährt bis zu 120 km/h – und es fühlt sich alles doppelt so schnell an. Anfangs müssen drei Gänge reichen, ab 1967 spendiert Renault dem R4 ein Vierganggetriebe.

Der neue R4 ist ein moderner Kleinwagen, hat mit dem historischen Modell wenig gemein.
Bild: Fabian Hoberg
Das weiche Fahrwerk bügelt selbst dicke Hügel und tiefe Schlaglöcher weg, bei Kurvenfahrt neigt sich die Karosserie dermaßen, dass sich Passagiere sehr nahekommen. Und die Bremsen sind, nun ja, zumindest vorhanden. Anfangs schwappen maximal 26 Liter im Tank, ab 1975 sogar 34 Liter, der Durchschnittsverbrauch liegt irgendwo bei 7,5 Litern auf 100 Kilometer, aber auch fünf Liter sind möglich.
Ab 1962 folgen R4 Transporter als Kombi und Kastenwagen, als R4 F4 (Fourgonnette = Lieferwagen) und später R4 F6 (mit langem Radstand und "großem" Motor).
Der Sprung in die Elektromobilität
Der neue R4 dagegen setzt konsequent auf Elektromobilität. Mit all seinen Vor- und Nachteilen. Der Elektromotor mit 110 kW/ 150 PS Leistung sorgt für sofortiges Drehmoment und echte Beschleunigung. In nur 8,2 Sekunden flitzt der R4 nahezu lautlos auf Tempo 100 und fährt bis zu 150 km/h schnell.
Mit dem 52-kWh-Akku sind WLTP-Reichweiten von bis zu 409 Kilometern drin, bevor der R4 wieder an die Steckdose muss. Mit einem WLTP-Verbrauch von 15,1 kWh auf 100 Kilometer bleibt der neue knauserig. Es fehlen zwar die Vibrationen, dafür lenkt der R4 aber direkt ein, bremst scharf und hat ein Fahrverhalten in Kurven, von dem das historische Modell nur träumen kann. Als erster Renault bietet der R4 One-Pedal-Driving an.

Der Heckbereich des Renault 4 zeigt deutlich den Wandel vom charmanten Klassiker zum modernen Re-Design.
Bild: Fabian Hoberg
Der Renault 4 von damals und der von heute könnten unterschiedlicher kaum sein. Der eine fährt sich spartanisch und simpel. Der andere präsentiert sich digital, elektrisch und designorientiert. Doch beide Fahrzeuge tragen den gleichen Kern in sich: die Idee, ein Auto für die breite Masse zu schaffen, das praktisch, vielseitig und zeitgemäß ist.
Heute zielt der neue R4 stärker auf eine urbane Kundschaft und junge Generationen. Der praktische Ansatz bleibt, doch er wird neu interpretiert. Ein paar Details wie der angedeutete Revolvergriff als Wählhebel fürs Getriebe, schmale Rückleuchten, niedrige Ladekante, hintere Seitenfenster, Kühlergrill und runde Scheinwerfer zitieren das historische Modell. Praktisch sind die umklappbare Rücksitzbank und ein Beifahrersitz, der sich flach umklappen lässt.
Der alte R4 steht für die Demokratisierung des Autos. Der neue R4ever trägt diese DNA weiter, verlagert sie jedoch in eine Lifestyle- und Nachhaltigkeitswelt. Was R4-Besitzer Klaus-Dieter Kürschgen vom neuen R4 hält? "Da steht zwar R4 drauf, er hat aber bis auf ein paar Sicken nicht viel mit dem historischen Modell zu tun. Das ist aber letztendlich Geschmackssache. Für mich ist das eher nix", sagt er. Elektromobilität sei eben wie Koriander. Entweder man mag ihn – oder nicht. Wie Revolverschaltung und Schiebefenster.
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