Eine Maschine, viele Meinungen: Gleich vier AUTO BILD-Redakteure machen es sich nacheinander auf dem Sitz der Royal Enfield Classic 350 gemütlich – ein Motorrad für Sinnsucher, Entschleuni­ger und Preisbewusste, weniger für Technikfreaks, Hei­zer und Angeber. Alle vier wollen für sich die Frage beantworten: Reichen 20 PS fürs Motorrad-Glück?

Bernd Volkens: "Eine Maschine zum Meditieren"

Toktok, alles Me­tall. Tank, Schutzbleche, Lampe und diese massiven Bügel überm Hinterrad. Viel Metall für wenig Leistung, da ist die Skepsis vor dem Anfahren groß. Aber dann fühlt sich die Enfield ausreichend erwachsen an. Die Power reicht zum Wegfahren an der Ampel und notfalls auch für die Autobahn. Für meine 400-Kilometer-Tour über Land akzeptabel, man hat Zeit, un­terwegs viel nachzudenken. Ein Philosophen-Bike ist das, ein Me­ditierrad. Ooohm!

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20 PS reichen für den ursprünglichen Spaß am Fahren, ich gondele mit 80, 90 über Landstraßen, gucke gelassen auf die Gebückten, die mich über­holen. Weniger ist mehr – na ja, ein bisschen mehr wäre auch schön. So 30 PS und dazu ein paar Kilo abspecken.
Spitze: 114 km/h – sitzend. Frü­her maß man auch liegend, aber das verbietet das schöne Aussehen. Süß, diese Lampenhaube. Dazu Zweifarblack, Kniepads, Schriftzüge auf den Rastengum­mis, die richtige Portion Chrom – kein Wunder, dass die Enfields beim Hamburger Händler neben den teuren Indians stehen.
Bernd Volkens
Bernd Volkens: "Man hat Zeit, un­terwegs viel nachzudenken. Ein Philosophen-Bike ist das."

Die Sitzposition passt trotz niedriger Bank, die eine schöne breite Polsterung hat, nur die Fuß­rasten stehen seltsam weit vorn und der Bremshebel zu hoch. Ich tanke 9,5 Liter nach 320 Kilome­tern. Klingt wenig, ist angesichts der gebotenen Fahrleistungen aber nicht wirklich sparsam. Der Sound geht in Ordnung, nicht so ein Luftpumpenklang wie nostal­gische 125er von Mash.
Schön: Werkzeug stilecht in ei­ner Rolle, USB-Ladebuchse links am Lenker, Hauptständer dabei, erstaunlich bissige Fußbremse, der günstige Preis. Nicht so schön: Bei Kilometer 2245 leuchtet N für Leerlauf – ich habe aber den Ersten drin und würge an der Ampel ab. Bei Kilometer 2294 spinnt der Tacho, springt nicht zurück und zeigt bei Tempo 80 über 160 km/h. Ein Elektronikwurm – von wegen simple Technik ist nicht anfällig.

Malte Büttner: "Schlechte Erinnerungen werden wach"

Es sollte eine Fahrt werden, die Erinnerungen weckt. Mehr als 1000 Kilometer nach Dänemark und zurück. An einem langen Wochenende und nur über Landstraßen. Das habe ich als Teen­ager vor einem Vierteljahrhundert mit einer 50er gemacht.
Malte Büttner
Malte Büttner: "Ich bin nicht mehr 16, mit 20 PS möch­te ich mich nicht rumärgern."

Dass nun die Enfield auch die schlech­ten Erinnerungen wachküsst, hätte ich nicht erwartet. Das Rechtsfahren, um Autos vorbei­zulassen, das Verhungern hinter den Lastern, der ständig krampfhaft aufgerissene Gashahn – nee! Die Optik ist sympathisch, der Sound toll. Aber ich bin nicht mehr 16, und mit 20 PS möch­te ich mich nicht rumärgern.

Matthias Moetsch: "Ein lahmendes Zirkuspferd"

Ja, ich weiß: Die Leute gucken, wollen das niedliche Ding streicheln. So viel Aufmerk­samkeit für so wenig Geld, das gibt es sonst nirgends. Aber Stil? Nun ja, die Enfield ist einfach irgendwo stehen­geblieben in den 50ern oder 60ern. Mit ihrem roten Lack, den wulstigen Chromschutzblechen, den Wimpern überm Scheinwerfer und all den Verzierungen macht sie ziemlich auf Zirkuspferd. Nicht mein Ding.
Matthias Moetsch
Matthias Moetsch: "Selbst für mich als schüchternen Fahrer hat die Royal Enfield zu wenig Druck."

Ansons­ten: Selbst für mich als schüchternen Fahrer hat die Maschine zu wenig Druck, auf der Autobahn nerven die Überholduelle mit Lastern. Als klasse hingegen empfinde ich die bequeme Sitzposition.

Jan Horn: "Selten so lässig langsam gefahren"

Von wegen retro. Retro imitiert Vergangenes, an der Royal Enfield Classic 350 ist dagegen alles echt. Die dicken Streben der stabilen SchutzBLECHE, der dampfende Charakter des Einzylinders, das Verhältnis aus tatsächlichem und gefühltem Gewicht. Alles so schön authentisch hier. Ich fahre Eisen, ich fühle Mechanik, ich bediene 195 Kilogramm Maschine, ich lebe 1952 – so ungefähr.
Jan Horn
Jan Horn: "Selten bin ich so lässig langsam gefahren. Eine neue Erfahrung dank alter Ideale."

Und ja, ich guck sie gern an. Tank in zwei Tönen, Cockpit mit Rundtacho, sooo viel Chrom, mächtiger Motorblock. Selten bin ich so lässig langsam gefahren. Eine neue Erfahrung dank alter Ideale.

Fahrzeugdaten Royal Enfield Classic

Motor Einzylinder, 4-Takt • Hubraum 349 cm3 Leistung 15 kW (20 PS) bei 6100/min • max. Drehmoment 27 Nm bei 4000/min • Spitze 114 km/h • Reifen v./h. 100/90-19 / 120/80-18 • Sitzhöhe 805 mm • Gewicht 195 kg • Tankinhalt 13 l • Preis ab 4890 Euro