Wir schreiben das Jahr 1986: Klein Philip fährt mit seinem frisierten Peugeot 103 zu einer Tennishalle. Penibel notiert er sich die Hallen-Reservierungen eines gewissen Herrn K. Dieser spielt Tennis, doch noch viel wichtiger: Er fährt einen 930, verfeinert von Ruf. Ein schwarzes Ufo. Und immer, wenn Herr K. Tennis spielt, schlawinert Philip um den Turbo mit seinen typischen Fünfstern-Felgen herum. Woche für Woche, Monat um Monat. Einmal nur …
Doch die Realität holt Philip schnell ein. Auf zum Apothekendienst, nix mit Ruf-Flanieren am Jungfernstieg. 40 Jahre später stehe ich nun hier im Showroom in Pfaffenhausen, extra einen Tag zu früh vom Lausitzring angereist, um Alois Ruf ebendiese Anekdote vorab zu erzählen. Ihm zu sagen, dass für mich genau jetzt ein Kindheitstraum in Erfüllung geht, hier sein zu dürfen. "Nur nicht die Nerven verlieren", ist mein Motto, zumal morgen noch eine Testfahrt mit dem grünen CTR auf der Liste steht. Surreal, ich muss mich kneifen. Willkommen im Allgäu.
Ruf Automobile: Werkbesuch im Allgäu
Anschaulicher geht es kaum: die Entstehung von der Zelle über die Hilfsrahmen zur kompletten Karosserie inklusive Überrollkäfig.
Bild: Cornelia Beutelstahl
Wie so oft führte auch im Falle Rufs einst das Schicksal die Regie. Zwar war der Familienbetrieb seit jeher sehr autoaffin. Doch zur finalen Berufung brauchte es einst einen kleinen Schubs, oder besser: eine Portion Glück. Glück in Form eines verunfallten Porsche 356, der nach einer ungeplanten Kaltverformung den Weg in die Werkstatt von Auto Ruf fand. Es sollte zu diesem Zeitpunkt noch niemand ahnen, dass dieser 356 eine bedeutende Weiche für die Zukunft sein würde. Eine Geschichte, so überkandidelt kitschtig, dass man sie kaum glauben mag. Ein Jahr wurde repariert, bis der 356 schließlich einen neuen Besitzer in München fand – einen Studenten. Er zahlte bar, 11.000 Mark. Seit diesem Tag war Ruf junior völlig angespitzt, fortan nur noch Handel mit diesen wundervollen Fahrzeugen treiben zu wollen.
Ruf Automobile: Werkbesuch im Allgäu
Auf Tuchfühlung mit Produktionsleiter Florian Storz – die Schlankheit der Prozesse ist überwältigend.
Bild: Cornelia Beutelstahl
Doch den frohen, von Tatendrang geprägten Jahren folgte das Unerwartete: Am 11. April 1974 verstarb Ruf senior. Er ließ einen 24-Jährigen zurück, der künftig das Unternehmen ganz alleine leiten sollte – und das tat Alois auf extrem beachtliche Art und Weise! Den Anfang machte ein 911 3.0 RS, eigentlich ein Rennwagen für die Straße, den selbst Porsche nur 67-mal an engagierte Rennfahrer zu verkaufen vermochte.
Doch Ruf wäre nicht Ruf, wenn er den Spieß nicht in seiner ihm üblichen Art umgedreht hätte. So versah er das konzeptionell sehr karg ausgestattete Coupé mit besonderem Leder und einer – Achtung – Klimaanlage. Diese war in dem 3.0 RS seinerzeit ungefähr so angebracht wie eine Anhängerkupplung am heutigen 992 GT3 RS. Aber die Nische war tatsächlich existent.

Der Aufstieg des Yellowbird

Zahlreiche Turbo- und Sauger-Umbauten, Getriebe-Entwicklungen, "Flachschnauzer" und Prototypen später zwitscherte schließlich ein kleines Vögelchen 1987 aus dem Allgäu sein noch Jahrzehnte später unwiderstehliches Lied von einer schmalen Karosserie, dezenten Lufteinlässen und einer für jene Zeit unfassbaren Leistung von 469 PS. Doch noch viel beeindruckender war die Höchstgeschwindigkeit: knapp 340 km/h.
Ruf Automobile: Werkbesuch im Allgäu
Motorenprüfstand mit Handgashebel und altem Drehzahlmesser, der sicher schon viele Motoren "angezählt" hat.
Bild: Cornelia Beutelstahl
Butschi, Pardon: "Yellowbird", wie ihn die internationale Presse taufte, stampfte die gesamte Konkurrenz wie Testarossa, Countach & Co in Grund und Boden. Flieg, kleiner Vogel, flieg! Und wie er flog! Die Bilder aus Nardò und von der Nordschleife gingen in ähnlichem Tempo um die Welt, wie sich die schmale Karosse durch den Fahrtwind fräste. Ein Familienbetrieb baute nun das schnellste Serienfahrzeug der Welt. Mit einer Nordschleifenzeit von 8:05 Minuten und einer offiziellen Anerkennung als Hersteller von Kraftfahrzeugen. Ruf hatte endgültig den Sprung von der Tuning-Werkstatt zum Automobilhersteller vollbracht.
Die Folgejahre wurden nicht minder spektakulär: Der Turbo R mit mehr als 500 PS, die RGT-Modelle, sogar Elektro-Varianten vom 997 und Cayenne wurden als Machbarkeitsstudie weit vor der Serienreife des Werkes realisiert. So etwas funktioniert nur, wenn der Geist wach ist und die Mitarbeiter motiviert sind. Sonst gäbe es Hunderte solcher Betriebe weltweit.
Ruf Automobile: Werkbesuch im Allgäu
Unterschiedlichste Generationen in einer Halle, Sinnbild für die Denkweise von Alois Ruf.
Bild: Cornelia Beutelstahl
Tags drauf werde ich eingeweiht in die heiligen Hallen: Motorenprüfstand, Werkstatt und nicht zuletzt die Montagehalle des CTR. Mit der Fotografin im Schlepptau geht es zunächst hinten links ins Eck.

Modellbau im Maßstab 1:1

Dort steht das rund 90 Kilogramm leichte Monocoque aus Kohlefaser. Drei Mitarbeiter justieren, schleifen, passen an. Sieht aus wie eine eckige Badewanne, zugegeben sehr hochwertig. Alles penibel vorbereitet für die Aufnahme der Aufhängung und des Motors. Modellbau pur, nur eben im Maßstab 1:1. Wir gehen weiter, keine zehn Meter, da wartet die nächste von insgesamt fünf Stationen. Man traut seinen Augen kaum, dass hier auf einer olympischen Schwimmbahnlänge ein über 1,15 Millionen teures Kunstwerk entsteht. Netto.
Klebestreifen mit diversen Farben am Boden kennzeichnen die unterschiedlichen Stadien der Fertigung, reduzierter geht es nicht. Es passt perfekt zum Endprodukt. Und scheu sind die Kunden nicht, was die Farbkombinationen angeht: Mint/Beige, Dunkelgrün/Hellbraun, Flamingo-Silber/Weinrot. Jeder CTR ist ein Unikat, keiner gleicht dem anderen. Diejenigen, die sich dieses Fahrzeug gönnen, sind echte Ruf-Liebhaber. Es geht hier nicht um Rundenzeiten oder Messwerte, sondern vor allem um die Sinne. Wer einen Ruf erwirbt, der kauft keinen Status, er gönnt sich ein mobiles Kunstwerk mit perfekter Verarbeitung und ganz individueller Note.
Ruf Automobile: Werkbesuch im Allgäu
Es ist angerichtet für die Testfahrt durchs Allgäu: der vor dem Showroom geparkte SCR in "Irish Green".
Bild: Cornelia Beutelstahl
Heute baut Ruf nicht nur den CTR als Hommage an den "Yellowbird", sondern auch den SCR mit klassischem Saugmotor – und Euro 6. Von Eigenkreationen wie CTR3 Evo oder R Spyder ganz zu schweigen.

Ein Hersteller mit Seele

Ruf war und ist eine Ausnahmeerscheinung. Ein Fahrzeughersteller mit echter Seele, der auch im 21. Jahrhundert noch immer faszinierende Automobile von Hand erschafft. Vor allem ist Ruf aber noch etwas anderes: ein Familienbetrieb, dessen Name weit hinaus in die Welt getragen wurde und der im Herzen trotzdem stets seiner Heimat verbunden geblieben ist.
Wer Pfaffenhausen heute besucht, der merkt noch immer den besonderen Spirit der früheren Zeit: Hier hat alles unscheinbar begonnen, zwischen Tankstelle und freier Werkstatt. Und hier ist alles gewachsen. Es war die Faszination für Porsche, die Alois Ruf junior angetrieben hat.