Ruf SCR: Fahrbericht
510 PS, null Filter: Der SCR lässt die Moderne alt aussehen

In der Silhouette eines klassischen 911 Carrera baut Ruf ein Kunstwerk aus Carbon, Leder und modernster Fahrwerkstechnik. Fahrbericht mit einem Zeitreisenden.
Bild: Cornelia Beutelstahl
- Phillip Tonne
"Dreht acht-vier, viel Spaß!" Die Einweisung von Rufs Pressesprecher Marc Pfeiffer hätte kaum kürzer ausfallen können. Wo andernorts stets nur gewarnt und misstraut wird, schlägt einem hier absolutes Vertrauen entgegen. Und das, obwohl das Objekt der Begierde rein monetär sich locker im siebenstelligen Bereich ansiedelt.
Gut, was ist hier los, was darf ich fahren? Erstarktes G-Modell, 964 oder 993 mit alten Schürzen? Nichts von alledem. Es ist ein Ruf. Es sieht zwar nach einem alten Elfer aus, duftet so, die fünf Uhren sind am rechten Fleck – davon abgesehen ist hier jedoch rein gar nichts Zuffen-, sondern alles Pfaffenhausen. Nur die Silhouette blieb erhalten, als Zeuge der alten Zeit. Schlüssel links ins Zündschloss, der grinsende Pressesprecher lugt noch einmal durch das Fenster hinein, ein kleiner Klopfer aufs Dach – gute Reise!

Kein Elfer, es ist ein Ruf! Wunderschöne Details: die Ölklappe hinter der B-Säule und die fehlende Regenrinne am Dach.
Bild: Cornelia Beutelstahl
Und unmittelbar nach dem Drehen des Schlüssels erwacht der Vierliter-Boxer. Mich erwartet eine Zeitreise, je nach Modell dreißig, fast vierzig Jahre zurück. Seither durfte ich diese Autos kennenlernen. Damals war es die heile Welt – ohne dass wir wussten, dass es ebendiese ist: kein Bildschirm, kein blinkendes Entertainment. Wie damals vor mir ein dünnes Lenkrad – allein darüber habe ich mich über zehn Minuten mit Alois Ruf ob der feinfühligen Rückmeldung ausgetauscht. Frei jedweder Filter, direkt mit der Vorderachse verbunden. Der Motor? Ein Gedicht. Ein hoch drehender Sauger, der erst über 7000 Touren sein wahres Gesicht zeigt.
Fahrzeugdaten | Ruf SCR |
|---|---|
Motorbauart/Aufladung | B6 |
Einbaulage | hinten längs |
Hubraum | 4000 cm3 |
kW (PS) bei 1/min | 375 (510)/8270 |
Nm bei 1/min | 470/5760 |
Getriebe | 6-Gang manuell |
Antriebsart | Hinterrad |
Maße L/B/H | 4207/1819/1265 mm |
Radstand | 2342 mm |
Leergewicht | 1325 kg |
Tankvolumen | 70 l |
0–100/0-200 km/h | 3,4 s/11,9 s |
Höchstgeschwindigkeit | 320 km/h |
WLTP-Verbrauch/100 km | 13,6 l Super Plus |
Grundpreis | 870.000 € |
Das klare Ansauggeräusch durch die Richtung C-Säule eingezogenen Heckscheiben, die Mechanik, es herrscht Maschinenbau-Atmosphäre. Ich lege den ersten Gang ein – das manuelle Getriebe fordert sowohl Kraft wie entschlossene Präzision. Der CTR wiegt kaum mehr als 1,2 Tonnen – in einer Zeit, in der moderne Supersportler mit zu viel Assistenzsystemen und Komfortprogrammen kämpfen (müssen), fühlt sich dieses Leichtgewicht fast schon verboten ehrlich an. Das ABS ist die einzige Gnade, die Alois Ruf den Fahrern lässt. Der Rest: eigene Einschätzung, eigene Verantwortung und – vor allem: eigenes Können.

Dünnes Lenkrad, viel Rückmeldung und geringere Lenkwinkel dank direkter Übersetzung – das Bild zeigt es ganz gut.
Bild: Cornelia Beutelstahl
Auf der Landstraße springt der Charakter dieses Sportwagens direkt auf den Fahrer über. Die Lenkung so direkt, dass schon der kleinste Impuls unmittelbar die Richtung ändert. Man fühlt jede noch so kleine Bodenwelle, jedes Steinchen, jeden Versatz im Asphalt. Manche würden es möglicherweise unbequem nennen, doch wer hier am Steuer sitzt, will genau das: die unverblümte Rückmeldung einer Maschine, die nichts verbergen möchte. Jenseits der 5000 Touren – Motor und Getriebe samt Öl sind nun warm – beginnt es: die Feier aus Drehzahl-, Ansaug- und Auspuffgeräusch.
Ab 5000 Touren wird der Ruf SCR giftig
Der Motor schreit nicht, er singt ein Lied. "Los, schenk mir einen ein!", ist der Refrain! So, als würde er jeden einzelnen Kolbenhub wie eine Abi-Party feiern. Bis 8400 U/min dreht er. Linear, immer mehr Leistung abwerfend, brutal und denkbar präzise beim Zwischengas. Es blinkt keine Traktionslampe, keine Elektronik quakt mir rein. Nur die Hände am eleganten Lenkrad und das geborgene Gefühl im engen Lollipop.

Der Klang aus den Endrohren ist zum Niederknien: untenherum zurückhaltend, obenheraus spitz fauchend.
Bild: Cornelia Beutelstahl
Je höher die Drehzahl, desto giftiger wirkt der 510-PSler. So kann man Respekt fahrdynamisch neu definieren. Doch erstaunlicherweise tritt die reine Geschwindigkeit dabei vollkommen in den Hintergrund. Es geht nicht um die Zahl auf dem Tacho, nicht um Elastizität – obwohl auch diese brillant ist. Es geht um den Moment, wenn man im dritten Gang bei 5500 Touren den Fuß voll auf dem Gas hält, die Akustik übernehmen lässt und parallel die Schwingungen spürt. Wie schön Auto fahren sein kann, wenn man die Dinge reduziert.
Und so enden die Stunden, die wir mit dem SCR verbringen durften, viel zu schnell. Über die Landstraße geht es zurück ins kleine Pfaffenhausen. Noch in der Dämmerung werden die letzten Fotos geschossen, und ich sitze vollkommen glücksbeseelt auf dem Parkplatz vor der Ruf-Halle. Die Gedanken ordnen, das Erlebte verarbeiten, Dankbarkeit. Ein Traumtag geht zu Ende.

Puristischer geht’s kaum: 4,0 Liter Hubraum, 510 PS – und keinerlei elektronische Filter.
Bild: Cornelia Beutelstahl
Was haben wir erleben dürfen? Die Meisterstücke dieser Manufaktur aus dem Unterallgäu sind in ihrer Ehrlichkeit unerreicht, puristisch, analog, ein Spiegel ihrer Besitzer. Unikate, die den Geist einer vergangenen Epoche verströmen, den die Konkurrenz trotz aller Marketing-Floskeln längst vergessen hat. Der SCR beweist gelebte Tradition, modern interpretiert. Oder wie es der Volksmund sagt: "Stallgeruch kannst du nicht kaufen!" Ruf hat ihn konserviert – ganz ohne Cappuccino-Schaum und Hipster-Laptop.
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