Der überraschend starke Wintereinbruch hat viele Regionen in Deutschland kalt erwischt. Schnee und Glätte zeigen aktuell, wie schnell die Straßen in den Wintermonaten zur Herausforderung werden können – auch an Orten, an denen es jahrelang kaum geschneit hat. Wer jetzt noch mit Sommerreifen unterwegs ist, sollte das Auto unbedingt stehen lassen.
Wer dennoch glaubt, mit vorsichtiger Fahrweise sei das Risiko beherrschbar, irrt sich gewaltig. Denn das Problem liegt nicht beim Fahrer, sondern in der Beschaffenheit der Reifen. Und auch elektronische Fahrhilfen wie ABS und ESP können die Physik nicht austricksen.
Darum versagen Sommerreifen auf Schnee
Das Reifenprofil muss im Winter Schnee, Wasser und Matsch so aufnehmen, ableiten oder verdichten, dass möglichst viel Haftung zwischen Reifen und Fahrbahn entsteht. Genau das bekommen Sommerreifen nicht hin. Sie besitzen ein vergleichsweise flaches Profildesign mit weniger und flacheren Rillen als Winter- oder Ganzjahresreifen. Zwar sind sie darauf ausgelegt, Wasser bei Nässe abzuleiten, Schnee oder Schneematsch können sie jedoch kaum aufnehmen.
Winter- und Ganzjahresreifen verfügen dagegen über viele kleine Lamellen und tiefere Profilblöcke, die sich regelrecht mit dem Schnee "verzahnen" und so Traktion erzeugen.
Ein Sommerreifen im Schnee: Wenige, steife Profilblöcke, dazwischen ist nichts – das Profil füllt sich schnell mit Schnee, der kaum abgeleitet werden kann. Haftung? Nur ein Bruchteil von Winter- oder Ganzjahresreifen.
Bild: Olaf Itrich
Sommerreifen sind zudem für sommerliche Temperaturen konzipiert. Ihre Gummimischung bleibt bei Wärme relativ fest und sorgt so für guten Grip auf trockener und nasser Straße im Sommer. Bei Kälte jedoch wird das Material zu hart. Allein durch die im Winter konstant niedrigeren Temperaturen büßen Sommerreifen einen großen Teil ihrer Flexibilität und damit ihres Grips ein. Sie können Schnee, Eis und kalten Untergrund nicht mehr "packen" und bieten deutlich weniger Haftung.
Beim Winterreifen ist jeder Profilblock von mehreren kleinen Lammellen durchzogen. Diese Profilierung und die weichere Mischung machen Winterreifen auf Schnee viel effektiver.
Bild: Bruno Keiser / AUTOBILD
Bremsweg und Fahrverhalten verschlechtern sich extrem
Die Zahlen sind drastisch – und man sollte sie sich klar vor Augen führen. Bremstests aus 50 km/h zeigen deutlich, wie nutzlos Sommerreifen auf einer verschneiten Fahrbahn sind. Gute Winterreifen bringen ein Auto auf Schnee nach rund 30 Metern zum Stehen. Mit Sommerreifen benötigt dasselbe Auto auf Schnee teilweise mehr als 80 Meter, um anzuhalten. Es geht also nicht um einen zehn-, 20- oder 30-prozentig längeren Bremsweg – die Anhaltestrecke verdreifacht sich nahezu. Das macht klar: Auf Schnee wird ein Auto mit Sommerreifen faktisch unkontrollierbar.
Die Bremswege auf Schnee können sich mit Sommerreifen beinahe verdreifachen. Gute Winter- oder Ganzjahresreifen stehen bei Bremstests aus 50 km/h auf einer festgefahrenen Schneedecke nach rund 30 Metern. Mit Sommerreifen kann der Bremsweg über 80 Meter betragen. Diese Werte zeigen klar: Kontrollierbar ist ein Auto mit Sommerreifen auf Schnee faktisch nicht mehr.
Bild: Toni Bader / AUTO BILD
Und das nicht nur beim Bremsen. Auch in Kurven bauen Sommerreifen kaum Seitenführungskräfte auf, sodass das Fahrzeug bereits bei deutlich geringeren Geschwindigkeiten droht, von der Fahrbahn abzukommen.
Handling-Test (hier mit Winterreifen): Vergleichbare Seitenführungskräfte können mit Sommerreifen auf Schnee kaum aufgebaut werden.
Bild: Anuscha Sonntag
Unfallrisiko: Das passiert mit Sommerreifen auf Schnee
Das Horror-Szenario, verzweifelt einem Baum oder dem Gegenverkehr ausweichen zu müssen, möchte man sich kaum vorstellen. Doch genau solche Situationen führen immer wieder zu schweren Unfällen – verursacht durch die falsche Reifenwahl. Teilweise reichen schon ganz banale Vorgänge wie das Ausparken aus, um Schäden zu verursachen. Denn das Auto kann, ganz gleich ob mit Front-, Hinterrad- oder Allradantrieb, überraschend schnell ausbrechen und dabei Hindernisse oder andere parkende Fahrzeuge touchieren.
Selbst mit Winterreifen sind die Straßenverhältnisse bei starkem Schneefall schon heikel.
Bild: DPA
Oft sind es jedoch die ersten Bremsmanöver, die Fahrer mit Sommerreifen auf Schnee völlig überraschen. Die Bremsleistung ist so gering, dass der Abstand nicht ausreicht – und man nahezu ungebremst in den Vordermann fährt, sobald dieser eine Bremsung einleitet.
Warum Allrad kein Sicherheitsgewinn ist
Allradantrieb macht Winterreifen nicht überflüssig. Denn ob eine oder zwei Achsen angetrieben werden, spielt ohne ausreichenden Grip keine Rolle. Fahrversuche zeigen: Fahrzeuge mit Winterreifen – egal ob mit Front- oder Hinterradantrieb – sind Allradautos mit Sommerreifen haushoch überlegen, selbst bei geringen Steigungen.
Zudem gilt: Auch mit Winterreifen bietet Allrad keinen nennenswerten Sicherheitsvorteil. Er sorgt vor allem beim Anfahren und an Steigungen für mehr Traktion (bei entsprechender Bereifung), bringt in Kurven jedoch nur einen geringen Zugewinn. Und den Bremsweg verkürzt Allradantrieb auch nicht.
Allradantrieb bringt vor allem in bergigen Gegenden Vorteile, aber nicht, wenn gebremst oder ausgewichen werden muss. Hier ist eher das Gewicht entscheidend.
Bild: BRW Redaktionsbüro
Rechtliche Folgen bei falscher Bereifung
Kommt es mit ungeeigneter Bereifung zu einem Unfall, kann das auch rechtliche Konsequenzen haben. Selbst wenn ein Fahrer den Unfall nicht unmittelbar verursacht hat, kann ihm ein Mitverschulden angelastet werden – etwa, wenn das Fahrzeug wegen falscher Reifen zu spät zum Stehen kommt. Bei der Schadensregulierung kann das bedeuten, dass ein Teil der Kosten selbst getragen werden muss.
Kommt es mit falscher Bereifung zu einem Unfall auf verschneiter Fahrbahn, kann das auch rechtliche Konsequenzen haben. Selbst wenn ein Fahrer den Unfall nicht unmittelbar verursacht hat, kann ihm ein Mitverschulden angelastet werden.
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Auch die Kaskoversicherung hilft dann unter Umständen nicht weiter. Bei grober Fahrlässigkeit können Versicherungsleistungen gekürzt oder sogar komplett verweigert werden.
Ein mit Sommerreifen ausgestattetes Auto ist auf Schnee schlicht nicht fahrfähig. Bequemlichkeit oder Spargedanken haben hier keinen Platz, dennn es geht um die Sicherheit. Und die ist bei der Kombination aus Sommerreifen und winterlichen, rutschigen Fahrbahnen in höchster Gefahr! Wer nicht rechtzeitig umbereift hat, muss dies, wenn sicher möglich, an Ort und Stelle nachholen, bevor die Fahrt weitergeht. Alles andere ist ein unkalkulierbares Risiko.