Teilautonomes Fahren im XPeng L03
So scheitert die KI an menschlicher Höflichkeit

XPeng zeigt in Paris, wie sein neuer KI-Fahrassistent funktioniert. Der L03 schlängelt sich selbstständig durch Baustellen und enge Gassen. Doch ausgerechnet die menschliche Höflichkeit bringt ihn aus dem Konzept. AUTO BILD ist mitgefahren!
Bild: XPeng
Paris im morgendlichen Berufsverkehr. Baustellen, Lieferwagen in zweiter Reihe, Fußgänger, Radfahrer und dazwischen jede Menge Autos. Wer hier unterwegs ist, braucht gute Nerven und ein gewisses Talent zur Improvisation. Für einen Fahranfänger wäre das vermutlich die Höchststrafe. Für eine künstliche Intelligenz? Eine ziemlich anspruchsvolle Prüfung.
Wir sitzen im neuen XPeng L03, einem neuen Elektro-SUV, das in Deutschland zum Basispreis von 35.600 Euro angeboten werden soll. Doch heute interessiert uns weniger das Auto selbst als die Technik, die darin steckt. XPeng will mit seinem neuen Assistenzsystem NGP (Next Generation Pilot) zeigen, wie nah künstliche Intelligenz dem menschlichen Fahrer bereits gekommen ist. Und dafür hat sich der Hersteller ausgerechnet den Pariser Stadtverkehr ausgesucht.

Lena Trautermann vor der Mitfahrt im teilautonomen XPeng L03.
Bild: XPeng
Unübersichtliche Baustellen? Kein Problem für den L03
Der XPeng L03 beherrscht autonomes Fahren auf dem Level 2++. Heißt: Das Auto lenkt, beschleunigt, bremst selbstständig, reagiert auf Ampeln und Stoppschilder. Bei aktivierter Navigation kann das Fahrzeug selbstständig ans Ziel fahren. Rechtlich zählt diese Fahrstufe jedoch zu Level 2 – selbst wenn das Auto die Fahrt technisch weitgehend allein meistern kann, bleibt der Fahrer in der Verantwortung. Die Hände müssen die ganze Fahrt über am Steuer bleiben, der Blick auf der Straße.
Das wollen wir ausprobieren und nehmen auf dem Beifahrersitz Platz. Schon die ersten Kilometer sind beeindruckend: Der XPeng rollt souverän durch die engen Straßen der französischen Hauptstadt. Er hält die Spur, passt seine Geschwindigkeit an die Verkehrssituation an und reagiert auf andere Verkehrsteilnehmer. Selbst wenn es unübersichtlich wird, manövriert der Autopilot souverän weiter. Verkehrshütchen sperren einen Teil der Fahrbahn ab? Der XPeng erkennt das Hindernis und fährt einfach daran vorbei. Auch durch eine Baustelle navigiert er ohne Zwischenfälle. Was für menschliche Fahrer eine alltägliche, aber durchaus anspruchsvolle Situation ist, meistert der L03 weitgehend selbstständig.

Enge Gassen in Paris und unübersichtliche Verkehrssituationen meistert der Fahrassistent mit Bravour.
Bild: XPeng
Ganz ohne menschliche Unterstützung geht es allerdings nicht. Wenn sich andere Verkehrsteilnehmer unerwartet verhalten, sind kleinere Lenkeingriffe nötig. Als zum Beispiel ein Transporter in unsere Fahrspur hineinragt, muss die Fahrerin das erste Mal kurz eingreifen. Und dann kommt eine Situation, die besonders schön zeigt, wo künstliche Intelligenz noch an ihre Grenzen stößt: Ein Verkehrsteilnehmer lässt uns vor, obwohl eigentlich er die Vorfahrt hätte. Eine nette Geste, die unter Menschen schnell verstanden ist, bei der die KI jedoch an ihre Grenzen kommt und die Fahrerin übernehmen muss.
Elf Kameras und eine KI, die sechs Sekunden vorausdenkt
Dabei steckt im XPeng jede Menge Rechenleistung. Elf Kameras erfassen nach den Angaben bei unserer Mitfahrt die Umgebung, sieben davon für die automatisierten Fahrfunktionen, vier fürs Parken. Mit der Zeit soll die künstliche Intelligenz immer mehr lernen, ihre Umgebung anhand von Kamerabildern zu verstehen. Das Herzstück dieses Systems heißt VLA 2.0 (Vision-Language-Action). Vereinfacht gesagt: Die KI verarbeitet visuelle Informationen, interpretiert die Verkehrssituation und leitet daraus Fahrmanöver ab.

Das Auto fährt von allein, aus rechtlichen Gründen müssen die Hände jedoch die ganze Zeit am Lenkrad bleiben.
Bild: XPeng
Laut XPeng besitzt die neue Version ein 30 Sekunden zurückreichendes "Gedächtnis" und kann Verkehrssituationen bis zu sechs Sekunden im Voraus prognostizieren. Entscheidend ist allerdings nicht, wie viele Sekunden die KI vorausdenken kann, sondern ob sie die richtigen Schlüsse daraus zieht.
Für Europa muss die KI umlernen
Für Europa hat XPeng sein System speziell an die hiesigen Straßenverhältnisse angepasst. Denn der europäische Verkehr stellt andere Anforderungen als der chinesische: Enge Straßen, verblasste Fahrbahnmarkierungen, mehrspurige Kreisverkehre und das ständige Miteinander von Autos, Fahrrädern und Fußgängern verlangen von einem Assistenzsystem einiges an Flexibilität.
Dass XPeng seine Technik nicht nur auf perfekt markierten Straßen präsentieren will, ist deshalb durchaus bemerkenswert. Der Auftritt im Rahmen der Paris Motor Show ist nach Herstellerangaben die erste groß angelegte NGP-Testfahrt in Europa.
Wann dürfen deutsche Kunden so fahren?
Noch handelt es sich um eine Demonstration der Technik. XPeng plant, den neuen NGP Anfang 2027 per Software-Update auf europäische Fahrzeuge zu bringen. Voraussetzung sind allerdings die entsprechenden gesetzlichen Regelungen und behördlichen Genehmigungen. Die Technik soll zunächst im XPeng L03 Ultra verfügbar sein.
Fazit
Nach unserer Fahrt durch Paris bleibt vor allem eine Erkenntnis: Der XPeng L03 kann schon erstaunlich viel. Selbst im wuseligen Paris erkennt er Hindernisse, umfährt Absperrungen und findet seinen Weg auch durch unübersichtliche Baustellen. Das ist autonomes Fahren auf einem neuen Level – auch wenn der Fahrer die Verantwortung nicht abgeben kann. Denn Autofahren besteht nicht nur aus Regeln und Fahrbahnmarkierungen. Menschen kommunizieren im Straßenverkehr auch mit Blicken und Gesten. Spätestens da wird ein Eingriff des Fahrers notwendig.
Service-Links

