In Amerika ist vieles anders. Auch die Sportwagen. An Stelle von hochdrehenden Hightech-Triebwerken setzen sie im Land der unbegrenzten Hubräume immer noch auf mächtige V8-Motoren. Nun ist es wieder einmal an der Zeit, dem alten Europa zu zeigen, wo der Hammer hängt. Das böse Bollern unter der riesigen Glasfaser-Motorhaube der neuen Corvette C6 stammt aus 6,2 (vorher 6,0) Liter Hubraum. Motto: Bigblock statt Small World. Komfort und Ambiente sind so, wie man es in den Staaten mag: die Sitze zu weich, das Cockpit überfrachtet. Dennoch hat sich innen was getan. Chromeinfassungen sowie Lederverkleidungen heben den Qualitätseindruck. Luxus nach deutschem Verständnis sieht aber anders aus. 437 PS und 586 Newtonmeter stehen maximal zur Verfügung. Doch dazu später.

Seit 55 Jahren ist die Corvette ein absoluter Hingucker

Chevrolet Corvette C6
Bild: Martin Meiners
Zunächst blubbert die Corvette leise durch den Stadtverkehr – ohne Dach. Sie heißt zwar Coupé, ist aber eigentlich ein Targa mit herausnehmbarem Dachteil. Ob im Automatikprogramm oder per Knopfdruck im Manual-Modus – es ist erstaunlich, wie zivil und kultiviert der Kraftprotz im Strom der Kleinwagen mitschwimmt. Seit 55 Jahren ist die Corvette ein absoluter Hingucker. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Auch nicht an ihren Fahreigenschaften. Natürlich erreicht die C6 atemberaubende Querbeschleunigungen, die dem Fahrer sogar als G-Wert ins Headup-Display eingeblendet werden, doch die Handlichkeit eines Porsche hat sie nicht zu bieten.  Sie ist und bleibt ein Geradeaus-Sportwagen. Die Autobahn ist ihr Revier: lammfrom oder giftig wie eine Natter. Wird sie gereizt, antwortet sie mit schierer Gewalt.

"Die schnellste Automatik-Corvette aller Zeiten", sagt GM

Und das geht so: Bei Autobahnrichttempo liegen im sechsten Gang gerade mal 1700 Touren an. Jetzt das Gaspedal auf Anschlag – Pause. Die Elektronik des Wandler-Automaten überlegt kurz, ob das wirklich so gemeint ist, legt anschließend den Vierten ein – und der Achtzylinder explodiert förmlich. Brutal schiebt er das Coupé nach vorn. Ab 4000/min ist der Wutausbruch so gewaltig, dass der 1,5-Tonner aus dem Stand nach nur 4,4 Sekunden 100 km/h erreicht. Das ist Ferrari-Lambo-Porsche-Niveau. "Die schnellste Automatik-Corvette aller Zeiten", sagt General Motors.
Und einmal in Rage, lässt sie einfach nicht nach. Erst jenseits von Tempo 300 wird die 6,2-Liter-Lunge kurzatmiger; bei 306 km/h ist Schluss. Zurück zum zahmen Gesicht: Bei Schleichfahrt im hohen Gang soll die Corvette mit rund 10,5 Litern auf 100 km zufrieden sein. Für 437 PS ein Rekordwert. Und das mit alter Motortechnik. Der Achtzylinder ist immer noch ein Stoßstangen-V8 mit zentraler Nockenwelle und je acht Aus-und Einlassventilen. Funktioniert aber prächtig. Zum Schluss das Beste an der neuen Corvette: Trotz Upsizing beim Hubraum gibt's Downsizing beim Preis. Ab April bietet GM ein Sondermodell in Schwarz zum Knüllerpreis von 59.990 Euro. Das ist die Hälfte eines gleich starken Porsche.

Fazit von AUTO BILD-Redakteur Jörg Maltzahn

Auch die neue Corvette bleibt, was sie immer war: ein sehr starker und schneller Reise-Sportwagen zum fairen Preis. Ein Kurvenräuber für enge Straßen wird sie aber wohl nie.