Unweit der Nürburg vereinigen sich amerikanische V8-Motoren mit deutschen Getrieben und italienischen Bremsen. Eine Ausfahrt ins Blaue mit dem spektakulären Jim Turner GTO.
Zur Blauen Stunde, der stimmungsvollen Phase zwischen nächtlicher Dunkelheit und aufgehender Sonne, verlasse ich das Haus. Ich fahre in Richtung Nürburgring, genauer: nach Herschbroich. Zu Füßen der Nürburg soll ein kleines Team rund um den Firmengründer Jim Vierling ein flaches Höllengerät bauen, 350 PS stark, nur eine Tonne schwer – den Jim Turner GTO. Jetzt steht er vor mir, in leuchtendem Himmelblau, ähnlich dem hellen Blau der legendären Gulf-Lackierung. Die Farbwahl ist womöglich kein Zufall, wurde doch der selige Ford GT 40 in den späten 60er-Jahren gerade in Gulf-Kriegsbemalung zum Kultobjekt.
Die Basis des Jim Turner GTO bildet ein amerikanisches Kitcar
Bild: Aleksander Perkovic
Auch in der Frontansicht nimmt der Turner GTO deutliche Anleihen beim GT 40, die Dachhöhe von nur 1,08 Metern kommt der US-Motorsport-Ikone ebenfalls sehr nahe. Denn die "40" in der Typenbezeichnung steht beim Ford für vierzig Zoll Höhe – knappe 1,02 Meter. Ab der B-Säule nach hinten tritt der Turner dann allerdings komplett eigenständig auf, inklusive neuzeitlichem Kohlefaser-Diffusor. Die Basis des Jim Turner GTO bildet ein amerikanisches Kitcar, der Factory Five GTM. In das Gitterrohrrahmen-Chassis implantierte das Vierling-Team einen 5,7-Liter-V8-Motor aus der CorvetteC5 und flanschte daran das Sechsganggetriebe eines Porsche 964. Es arbeitet hier übrigens auf dem Kopf, da es beim Porsche 911 – in Fahrtrichtung gesehen – vor dem Triebwerk, beim Mittelmotor-Turner jedoch dahinter sitzt.
Kein Auto für Sitzpinkler
Bild: Aleksander Perkovic
Künftigen Exemplaren will Vierling den 6,2-Liter-V8 (ab 437 PS) aus der Corvette C6 einpflanzen und das Ganze mit einem Porsche -GT3-Getriebe kombinieren. Doch auch mit 350 PS geht es dank des geringen Gewichts mächtig voran. Hat man die im Vorserienauto sehr hakelige Schaltung erst einmal bezwungen und einen passenden Gang gefunden, beschleunigt die blaue Flunder wie von der Tarantel gestochen. Prächtig auch der ungefilterte Sound des V8-Motors, der dem Fahrer von hinten direkt ins rechte Ohr hämmert. Nicht nur Geräusch, auch Abwärme emittiert das Aggregat großzügig in die Fahrgastzelle – glücklicherweise zählt eine Klimaanlage zur Serienausstattung. Ansonsten gibt sich der GTO sehr puritanisch: Servolenkung, Bremskraftverstärker, ABS? Aber nicht doch, Vierling baut schließlich keine Autos für Sitzpinkler. Die Lenkung ist schwergängig, der Geradeauslauf mäßig, das Fahrwerk hart, aber fair. Und so ist die Stärke des Turner nicht die Perfektion, sondern das pure Fahrerlebnis.