Test: Mercedes-AMG SL 63, Mercedes 230 SL
Mercedes-AMG SL 63 und 230 SL im stilvollen Familientreffen

Bild: Tobias Kempe / AUTO BILD
Die besten Geschichten sind jene, die spontan entstehen. Im Juli hatten wir einen GT 63 und einen SL 63 in der Redaktion. Der Brudervergleich von AUTO BILD SPORTSCARS – treue Leser erinnern sich vielleicht.
Genau zu dieser Zeit traf ich einen Freund meiner Eltern wieder, das erste Mal seit Jahren. Nach einer kurzen Fahrt im GT kam mir die Idee: "Sag mal, wie geht’s denn eigentlich deinem SL? Läuft der?" Welch eine Frage. Natürlich läuft der ... steht schließlich behütet in der Garage und wird gewissenhaft gepflegt. Nur das gute Wachs, ausschließlich Handwäsche, Sie wissen schon. "Ich hab parallel noch den neuen SL da, hättest du Lust auf eine alt/neu für die SPORTSCARS?"

Mercedes 230 SL: zweifarbiges Cockpit mit filigranem Bakelit-Lenkrad und Chrom-Hupenring. Tacho und Drehzahlmesser als Rundinstrumente für eine gewisse Sport-Note.
Bild: Tobias Kempe / AUTO BILD
Das Wetter passt, der Fotograf hat Zeit, warum also nicht? Ein bisschen durch die Lande gondeln, ein paar Bilder machen – wir haben Donnerstage schon schlechter verlebt. Und ich kann Ihnen gar nicht mit Bestimmtheit sagen, welcher der beiden SL an diesem Tag mehr Köpfe verdreht hat. Wahrscheinlich war es dann doch der alte, aber auch Mercedes' neueste Kreation hat das Talent, die Massen zu begeistern.
Ganz ähnlich wie es einst auch dessen Urahn tat. Der 300 SL war schon bei seiner Premiere 1954 eine Ikone, ein Traum vieler, den sich aber nur ein paar Handvoll leisten konnten. Seine direkte Abstammung vom Rennwagen machte ihn so faszinierend, aber gleichzeitig auch so unnahbar. Ein Sportwagen für die Massen musste also her. Wobei das mit den Massen auch relativ zu sehen ist.
Und so kam der kleinere 190 SL auf den Markt. 17.650 Mark kostete seinerzeit das Cabrio mit Hardtop und Stoffverdeck. Das entspräche heute 52.885 Euro. Gerade mal zehn Jahre nach Kriegsende musste man sich das erst einmal erlauben können. Wer es jedoch konnte, der bekam ein Cabrio, das zwar optisch dem 300 SL klar nachempfunden war, mit 1180 Kilogramm seinem Kürzel "Super-Leicht" durchaus gerecht wurde, den Sportgedanken des 300ers mit 105 PS aber nicht weiterführen konnte. 14,3 Sekunden vergingen auf Tempo 100, und auch die grundlegende Abstimmung des auf dem Ponton-190er basierenden Roadsters hatte mit sportlichem Fahren nur wenig zu tun.
Mercedes W 113 und R 232 haben die gleiche Grundlage
Und hier treffen sich der W 113 und der moderne R 232 in ihrer Grundphilosophie, denn während die neu entwickelte "Pagode" zeitgleich den sündhaft teuren 300 SL Roadster und den volkstümlicheren 190 SL ersetzen sollte, hat der AMG SL in etwa dasselbe vor: Mercedes hatte über Jahre mit dem SL, dem GT Roadster und dem S-Klasse Cabriolet gleich drei hochpreisige offene Modelle im Angebot.
Letzteres ist mit dem Modellwechsel ausgelaufen, aber auch beim SL und dem offenen GT war einiges an Synergie-Potenzial vorhanden. Der R 231 war in Sachen Performance weit vom GT entfernt, dessen offene Version für ein Cabrio eigentlich zu kompromisslos.

Schon zu seiner Zeit war der SL eher gemütlicher Cruiser als echter Sportwagen.
Bild: Tobias Kempe / AUTO BILD
Also war das Ziel: Aus zwei mach eins. Mit einer Auslegung, die irgendwo zwischen beiden Modellen liegt – auf einer neu entwickelten Plattform natürlich. Im Falle des modernen SL bekommt Mercedes sogar noch als Bonus, dass ebenjene Sportwagenplattform für den neuen GT mitgenutzt werden kann. Beide sind also Wandler zwischen den Welten; Cruiser mit sportlichen Talenten, aber keine reinrassigen Sportwagen.
Ein großes Ziel bei der Entwicklung des W 113 war auch, eine prestigeträchtige Höchstgeschwindigkeit von 200 km/h zu erreichen. Da das kantige Karosseriedesign jedoch in Sachen cw-Wert recht ungünstig ausfiel, wurde der eigentlich geplante 220er-Motor noch mal gründlich überarbeitet.
Ein grundlegender aerodynamischer Nachteil soll auch das mutige, aber nicht unumstrittene Pagodendach gewesen sein. Zeitgenössische Messungen ergaben, dass der SL mit Hardtop 198 km/h erreichte, mit geschlossenem Stoffverdeck aber 202 km/h. Ob das nun am Gewicht (das Hardtop wiegt knapp 50 Kilo) oder an der Form lag, konnten auch die damaligen Tester nicht zweifelsfrei sagen.
Während die Motorisierung beim 113er über die Baujahre weiterentwickelt wurde, steht der Neue gleich in vielfacher Ausführung in der Preisliste: Es gibt einen Vierzylinder mit 43er-Kennung (421 PS) sowie vier Ausprägungen des ebenso bekannten wie geliebten Vierliter-Biturbo-V8. Im 53 leistet dieser 476 PS, der Pro dagegen potente 612 PS. Die Plug-in-Hybrid-Version GT 63 S E Performance schafft sogar wahnwitzige 816 PS Peak-Leistung. Genau in der Mitte liegt unser heutiger Testwagen: der Klassiker mit dem 63er-Kürzel und 585 PS.
Mercedes 230 SL: der elegante Urahn
Der 230er wurde Ende 1966 vom 250 SL abgelöst, der allerdings auf dem gleichen motorischen Grundkonzept basiert und dadurch dieselben thermischen Probleme hatte wie das Original. Da die Zylinderanordnung paarweise designt wurde, fiel zwischen den Zylindern 1 und 2, 3 und 4 sowie 5 und 6 die Innenwand dünner aus. Somit ist auch die Hitzeverteilung nicht identisch, was den Motor an sich wärmekritisch macht.

Mercedes-AMG SL 63: Der Vierliter-V8 mit 585 PS wird traditionell von nur einem Monteur gefertigt.
Bild: Tobias Kempe / AUTO BILD
Erst beim 280er wurde dieses Problem durch einen gleichmäßigen Zylinderabstand behoben. Und hier kommen wir nun auf unser bildhübsches Exemplar zu sprechen, denn genau aus diesem Grund hat der Vorbesitzer den originalen 230er-Motor einst gegen einen 280 ausgetauscht. Das muss schon einige Jahre nach der Erstzulassung 1966 passiert sein, denn der heutige Eigner kaufte den SL bereits 1974 – damals dunkelrot nachlackiert und mit weißer Innenausstattung.
Nach knapp 20 Jahren Fahrspaß entschied er sich, den Werkszustand wiederherzustellen. Eine umfassende Restaurierung stand also ins Haus, bei der viel selbst gemacht, aber auch einige große Posten von Fachwerkstätten erledigt wurden.
Zur Nachvollziehbarkeit sind sämtliche Schritte penibel genau dokumentiert. Die Lackierung in DB 050 kostete etwa 3200 Mark. Letzter Posten auf der Liste: die TÜV-Prüfung und die Oldtimerzulassung im Jahre 1997.

Innenraum mit großem Zentraldisplay, das elektrisch in der Neigung verstellbar ist.
Bild: Tobias Kempe / AUTO BILD
Eine Besonderheit ist sicherlich der hochfein aufbereitete Innenraum. Überlebende SL mit dieser Farbkombination kann man an einer Hand abzählen – und die Kunstleder-Innenausstattung ist original und in überragendem Zustand.
Was viele gekillt hat, ist direkte Sonneneinstrahlung. Dieser SL verbrachte den Großteil seines Autolebens vor UV-Strahlen geschützt in einer Garage. Nur auf einer der vielen Ausfahrten – rund 100.000 wohlgeplante Kilometer kamen seit der Restaurierung im Laufe der durch das riesige Bakelit-Lenkrad mit oben abgeflachtem Chrom-Hupenring im heutigen Kontext eher frachtkahnig, und die Schaltwege des manuellen Vierganggetriebes sind lang, aber der Reihensechser hängt lebendig am Gas, hat mit den rund 1,3 Tonnen keinerlei Probleme.
Die Soundkulisse: sämig und unaufdringlich, aber von solch einer virtuosen Stimmigkeit, dass man ihr den ganzen Tag lang lauschen könnte. Auch diese SL-Generation geht den Spagat zwischen gelassenem Cruiser und Sportwagen noch tendenziell von unten an.
Mercedes-AMG SL 63: Rabauke mit querdynamischem Anspruch
Der AMG SL 63 hat da schon ganz andere Talente zu bieten. Allein die Fahrmodi "Sport", "Sport+" und "Race" zeigen den querdynamischen Anspruch, der Sound dringt im SL 63 ungefiltert bollernd zum Fahrer. Keramikstopper hinter leichten Schmiederädern in 21 Zoll sorgen für nachdrückliche Verzögerung, AMG-Performance-Sitze bringen da Seitenhalt, wo wir in der Pagode hilflos nach links oder rechts rutschen würden.

Rundes Doppelrohr und kantiges Heck am Oldie, kantige Endrohre und rundliche Formen am modernen SL.
Bild: Tobias Kempe / AUTO BILD
Aber das will der W 113 ja auch gar nicht – nach fast 60 Jahren hat er sich einen etwas gemütlicheren Umgang verdient. Das Rabaukige überlässt er bewusst dem Jungspund. Und so endet eine traumhafte Spätsommer-Ausfahrt mit zwei echten Genuss-Roadstern.
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