Togg T10X V2 RWD: Test
Der Togg T10X kommt mit üppiger Ausstattung – und Schwächen

Ganz neu, ganz eigen, ganzer Stolz der Nation: Aus der Türkei kommt der Togg T10X zu uns. In ihm steckt viel – auch Überraschungen.
Bild: Tom Salt / AUTO BILD
Das Land auf den zwei Kontinenten ist ja durchaus bekannt für außerordentliche Kinderliebe. Familien sind meist vielköpfig, Enkel das Größte, die Kleinsten wohlbehütet. Jetzt zeigt das neue Elektro-SUV Togg T10 X, dass auch türkische Autobauer (übrigens aktuell die einzige Pkw-Marke der Nation) ein Auge auf den Nachwuchs haben.
Eine Kamera im Innenraum des T10X prüft beim Parken, ob vielleicht ein "vergessenes" Kleinkind in der Hitze schmort, und stellt die Klimaanlage an. Sehr aufmerksam. Gleichzeitig zeugt so etwas von intelligenter Vernetzung und digitaler Schule. Passt, denn besonders das haben sich die Entwickler dick auf die Fahne geschrieben: Im Togg soll es so modern, multimedial, elektronisch und assistierend wie nur möglich ablaufen.
Beim Preis kann der Togg punkten
Togg mag den T10X deshalb auch gar nicht so gern Auto nennen, bezeichnet den Wagen lieber als "Device", stellt sich ein rollendes Büro vor und breitet einen Berührbildschirm im XXL-Format (29 Zoll) gleich über die gesamte Innenraumbreite des Armaturenbretts aus. Je nach Konfiguration steuert der T10X dann Infos über fünf (!) Bildschirmabschnitte bei, lässt Musik aus zwölf Lautsprechern tönen und die Außenspiegel per Touch-Symbol in Position surren. Klingt verwegen.

Vergleichsweise günstig: Der Grundpreis des T10X V2 liegt bei 41.200 Euro – ein etwas kleinerer BMW iX1 eDrive20 kostet 7600 Euro mehr.
Bild: Tom Salt / AUTO BILD
Doch von Bits, Bytes und Breitbandformaten lassen wir uns traditionell nicht blenden – prüfen das Auto also nach bewährter, handfester AUTO BILD-Testmethode. Zwei gute Nachrichten gleich vorab: Der T10X V2 bleibt mit 41.200 Euro (Basis V1 40.118 Euro) vergleichsweise günstig, kostet somit immerhin 7600 Euro weniger als ein etwas kleinerer BMW iX1 eDrive20 mit 204 PS.
Im Fahrwerk steckt viel Komfort
Und das türkische Device kann auch fahren wie ein Auto. Echte Ausfälle konnten wir nicht ausmachen, vielmehr kleine Schrullen und zuweilen unerwartete Tugenden entdecken. So läuft der 4,60 Meter lange Wagen so komfortabel wie manch ein 4x4 der Oberklasse. Unter Ausnutzung von viel Federweg und sanftem Nachschwingen bügelt der mehr als 2,1 Tonnen schwere 10er die meisten Bodenwellen faltenfrei weg.

Türkische Sänfte: Dank langer Federwege bügelt der T10X Bodenwellen auf Oberklasse-Niveau glatt. Aber kurze Anregungen mag er gar nicht.
Bild: Tom Salt / AUTO BILD
Mit kantig-kurzen Anregungen aus der Straßenoberfläche mag er sich dagegen nicht recht anfreunden – solche Unebenheiten dringen als dröhnende Stöße in den Innenraum. Zu ausgeprägt sollten die Bodenwellen ebenfalls nicht werden. Arg lasch hält die Zugstufe der Dämpfer in diesen Fällen gegen, zu hastig federt der Wagen auf Kuppen aus. Gelegentlich schlägt die Federung dann spürbar durch, beim Ausschwingen verliert die Hinterachse letztlich sogar Bodenkontakt. Zusammen mit den stärkeren Aufbaubewegungen kein Drama – doch auffällig genug für Punktabzüge in unseren Komfort- und Sicherheitskapiteln.
Fahrzeugdaten
Modell | Togg T10X V2 RWD Long Range |
|---|---|
Motor Bauart | Synchronelektromotor |
Spitzenleistung | 160 kW/218 PS |
Dauerleistung | 63 kW/85 PS |
max. Drehmoment | 350 Nm |
Vmax | 185 km/h |
Getriebe | Einganggetriebe |
Antrieb | Hinterradantrieb |
Bremsen vorn/hinten | Scheiben/Scheiben |
Testwagenbereifung | Lassa Competus H/P 2 |
Reifentyp | 235/50 R 19 99 H |
Radgröße | 8 x 19" |
Reichweite (WLTP) | 523 km |
Verbrauch (WLTP) | 19,1 kWh |
Batteriekapazität | 78 kWh |
Ladeleistung AC | 22 kW |
Ladeleistung DC | 180 kW |
Ladezeit 20-80% | 28 Min. |
Ladeanschluss | vorn rechts |
Fach unter Frontklappe | - |
Vorbeifahrgeräusch | 67 dB(A) |
Anhängelast gebr./ungebr. | – |
Stützlast | – |
Kofferraumvolumen | 441–1515 l |
Länge/Breite/Höhe | 4599/1886–2100**/1676 mm |
Radstand | 2890 mm |
Grundpreis | 41.200 Euro |
Testwagenpreis (wird gewertet) | 46.190 Euro |
Zum grundsätzlich satten Fahrgefühl passen die in Kraftbedarf und Übersetzungsverhältnis sauber einsortierte Lenkung sowie das Sitzgefühl. Zwar sind die Flächen der Vordersitze ungewöhnlich kurz geraten, doch Polsterung und Seitenführung stimmen. Im Fond geht es auch dank ausreichender Kniefreiheit geräumig zu, doch in der Lehnenpolsterung stört eine quer verlaufende Struktur den kuscheligen Sitzkomfort. Nicht optimal: Der Kofferraum ist mit maximal 1515 Liter Fassungsvermögen für ein Fahrzeug dieser Liga klein.
Sportliche Ambitionen sind dem T10X fremd
Grundsätzlich geht es nicht zu laut zu, allenfalls Rollgeräusche sind uns aufgefallen, bei Geschwindigkeiten oberhalb von 130 km/h wuscheln Windwirbel an den Fensterrahmen herum, und aus dem Heck dringt surrende Untermalung der hier verbauten E-Maschine. Diese leistet nach Datenblatt 218 PS, gefühlt jedoch nur 150 (laut Fahrzeugschein dauerhaft 85 PS). Man muss das Fahrpedal letztlich weit durchtreten, bis der Togg ernsthaft – in typisch nachdrücklicher Elektro-Manier – losschiebt.

Um den typischen Elektropunch zu erleben, muss man das Fahrpedal weit durchtreten – von den nominell 218 PS bleiben gefühlt nur 150 PS.
Bild: Tom Salt / AUTO BILD
Dabei bleibt der T10X stets sehr fahrsicher. Die ESP-Reißleine nimmt das hohe Gewicht bestens ins Gebet, zart untersteuernd kündigt der Togg sein Haftvermögen an, die Bremswerte lassen wir als brauchbar durchgehen. Sportliche Anlagen haben wir keine gefunden – Togg baut weder ein verstellbares Fahrwerk noch aktive Differenziale, eine Hinterachslenkung oder gar ein übersetzungsvariables Lenkgetriebe ein.
Messwerte
Modell | Togg T10X V2 RWD Long Range |
|---|---|
Beschleunigung | |
0–50 km/h | 3,0 s |
0–100 km/h | 7,7 s |
0–130 km/h | 9,7 s |
0–160 km/h | 20,8 s |
Zwischenspurt | |
60–100 km/h | 3,0 s |
80–120 km/h | 3,4 s |
Leergewicht/Zuladung | 2144/478 kg |
Gewichtsverteilung v./h. | 49/51 % |
Wendekreis links/rechts | 12,0/11,9 m |
Sitzhöhe | 730 mm |
Bremsweg | |
aus 100 km/h kalt | 38,4 m |
aus 100 km/h warm | 37,0 m |
Innengeräusch | |
bei 50 km/h | 58 dB(A) |
bei 100 km/h | 65 dB(A) |
bei 130 km/h | 69 dB(A) |
Verbrauch | |
Sparverbrauch | 21,1 kWh/100 km |
Testverbrauch Durchschnitt der 155-km-Testrunde (Abweichung zur WLTP-Angabe) | 26,5 kWh/100 km (+39 %) |
Sportverbrauch | 33,4 kWh/100 km |
CO2 (Testverbrauch) | 0 g/km |
Reichweite (Testverbrauch) | 295 km |
Auch schade: Nicht immer nimmt das Getriebe – elektronisch ausgeführt – den Wechsel zwischen D und R sauber an, unzuverlässig löst die elektrische Handbremse, Warntöne funken dazwischen – so wird Rangieren zur stressigen Übung.
Zahlreiche Bildschirme stiften Verwirrung
Die Armee an Unterhaltungselektronik und Fahrassistenz könnte die Stimmung heben. Könnte. Denn: Das digitale Rüstzeug des T10X arbeitet in Teilen unstimmig und gelegentlich sogar fehlerhaft. Beispiele: Mit erschreckendem Bremsruck warnt der Togg zuweilen unnötig vorsichtig vor vermeintlichen Unfällen. Weiter: Sehr oft und kaum nachvollziehbar verabschieden sich die Bildschirme in einen Ruhemodus und müssen (leider lahm) wieder "hochfahren", manchmal auch aus ihrer türkischen Grundsprache herausgelockt werden.

Zeigefreudig: Der Togg wirft mit Infos nur so um sich – fünf Elemente sind per Bildschirm darstellbar. Sein Bedienkonzept lenkt stark ab.
Bild: Tom Salt / AUTO BILD
Das Bedienkonzept selbst (mit virtuell verschiebbaren Bildschirmen, Eingabemöglichkeiten über ein zu tief platziertes Einzeldisplay und verwirrend verschachtelte Icons) ist sehr stark ablenkend, will penibel studiert sein (unauffindbare Tasten-Abkürzungen) und ist mit Übersetzungsfehlern ausgestattet. An dieser Stelle, liebe Toggies: Nebelscheinwerfer und Nebelschlussleuchte sind technisch, aber besonders im Rahmen der StVO gigantisch unterschiedlich – bitte ändern.
Wertung Togg T10X V2 RWD Long Range
Kategorie | Bewertung / Beschreibung | Punkte |
|---|---|---|
Karosserie | Kofferraum relativ klein, gutes Platzangebot fürd ie Passagiere, Qualitätseindruck passabel. | 3 / 5 |
Antrieb | Auf Gaspedal-Befehle reagiert der Togg verhalten. Längere Ladezeiten, Reichweite mäßig. | 3 / 5 |
Fahrdynamik | Schweres Auto, Fahrleistungen nur durchschnittlich, Bremswege kalt länger. | 3,5 / 5 |
Connected Car | In Fahrassistenz nicht auf höchstem Stand, Bildschirm-Überangebot ablenkend. | 3 / 5 |
Umwelt | Hohes Leergewicht, üppig dimensioniertes Auto, Testverbrauch deutlich zu hoch. | 3,5 / 5 |
Komfort | Federung gut, Sitze bequem – könnten mehr Auflagefläche bieten. Insgesamt leise. | 4 / 5 |
Kosten | Trotz höchster Ausstattungslinie kostet weitere Ausstattung Geld, Garantie gute drei Jahre. | 3 / 5 |
AUTO BILD-Testnote | 2,5 |
In eine ähnliche Kerbe schlägt auch das Ladekonzept. Zuweilen hatte das Auto Schwierigkeiten, Verbindung zur Ladesäule aufzubauen. Im "Wartezustand" fährt das System auch mal in die Pausenstufe (Displays dunkel) herab – gern flankiert vom Ausstieg aus der Ladekurve. Darüber hinaus fehlen Konditionierungsprogramme für das Aufladen, eine Wärmepumpe steckt nicht drin, und maximal 180 kW Ladeleistung sind nicht berauschend.
Kurz: Der Togg lädt länger (20 bis 80 Prozent in 28 Minuten) als die Konkurrenz und fährt in der Praxis kürzer. Nach unseren Tests (bei 9 Grad Celsius) maximal nur 295 Kilometer weit. Trost: Kids würden nach dieser Distanz eh eine Pause einfordern – sehr kinderlieb vom T10X.
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