Es war eine echte Lawine, die da im September 2015 in den USA ausgelöst wurde. Das International Council on Clean Transportation (ICCT) brachte damals mit seinen Enthüllungen maßgeblich den VW-Dieselskandal ins Rollen. Jetzt kommen wieder schlechte Nachrichten aus Übersee für den Selbstzünder: Laut einer neuen ICCT-Untersuchung sei die CO2-Bilanz eines Diesels keinesfalls immer besser als die eines vergleichbaren Benziners. Das fand die unabhängige Forschungsorganisation in einem Test mit einem VW Golf TSI und einem Golf TDI, jeweils der siebten Generation, heraus – und zwar auch unter realen Fahrbedingungen auf der Straße.

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VW Golf 1.6 TDI
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Die beiden Testfahrzeuge waren Mietwagen – also nicht von VW bereitgestellt – und nach dem inzwischen bei der Typifizierung abgelösten Neuen Europäischen Fahrzyklus (NEFZ) nach Euro 6b (Diesel) und Euro 6c (Benziner) zertifiziert (alle Daten finden Sie unter diesem Absatz). Zwar war der getestete Diesel-Golf (2016) zwei Jahre älter als der Benziner (2018), doch war laut ICCT sichergestellt, dass sich die wichtigsten Eigenschaften des TDI zwischen den Modelljahren nicht signifikant verändert haben – darunter auch die CO2-Emissionen laut gesetzlicher Typprüfung. Der 1,5-l-Golf TSI wurde in der 96-kW-Version ausgewählt (es gibt auch noch die 110-kW-Variante mit laut Typprüfung nahezu identischen CO2-Werten). Grund: Sie greift auf eine größere Bandbreite an Technologien zur CO2-Reduktion zurück, die für den Test besonders interessant waren.

Daten und Fakten zu den beiden Testfahrzeugen

VW Golf TDI (Diesel)

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Modelljahr: 2016; Abgasstandard: Euro 6b; Motor: 2.0 l TDI Blue Motion Technology; Motorleistung: 110 kW; Getriebe: Doppelkupplung, 6 Gänge; Ausstattungsvariante: Comfortline; Gewicht des Testfahrzeugs: 1420 kg; 0-80 km/h: 6,2 Sekunden; 0-100 km/h: 8,6 Sekunden; Maximalgeschwindigkeit: 214 km/h; CO2 (laut NEFZ): 117 g/km; Listenpreis im Dezember 2017: 29.475 Euro

VW Golf TSI (Benzin)

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Modelljahr: 2018; Abgasstandard: Euro 6c; Motor: 1.5 l TSI ACT Blue Motion; Motorleistung: 96 kW ; Getriebe: Doppelkupplung, 7 Gänge; Ausstattungsvariante: Comfortline; Gewicht des Testfahrzeugs: 1340 kg; 0-80 km/h: 6,2 Sekunden; 0-100 km/h: 9,1 Sekunden; Maximalgeschwindigkeit: 210 km/h; CO2 (laut NEFZ): 113 g/km; Listenpreis im Dezember 2017: 26.075 Euro

Unterschiede auf der Straße noch größer

CO2: Benziner-Golf schlägt Diesel-Golf
Beim Real-Test auf der Straße wird mit einem sogenannten PEMS-Gerät das Abgas untersucht.
Schon die offiziellen Herstellerangaben der ausgewählten Motorvarianten zeigen, dass moderne Benziner in Sachen Klimafreundlichkeit längst konkurrenzfähig sind: 117 g CO2/km beim Diesel, 113 g CO2/km beim Benziner (nach NEFZ). Das ICCT bestätigte mit seinen Messungen diesen Trend nicht nur, es bekräftigt ihn sogar: Unter Laborbedingungen wurde für den TDI ein NEFZ-Wert von 124 g/km ermittelt, für den TSI 109 g/km. Beim Test nach WLTP lagen die gemessenen CO2-Werte erwartungsgemäß höher, bei 139 g/km für den TDI und 126 g/km für den TSI. Aber das ICCT ging auch auf die Straße und maß unter realen Bedingungen (alles zu den verschiedenen Messverfahren lesen Sie hier) mithilfe eines PEMS-Geräts (Portable Emissions Measurement System). Ergebnis: Je nach gewählter Fahrstrecke lagen die CO2-Emissionen beim TDI zwischen 148 und 163 g/km und beim TSI zwischen 140 bis 157 g/km.

Die Messergebnisse im Einzelnen

Hestellerangaben

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VW Golf TDI: 117 g CO2/km (nach NEFZ)
VW Golf TSI: 113 g CO2/km (nach NEFZ)

Labormessungen

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VW Golf TDI: 124 g CO2/km (nach NEFZ)
VW Golf TSI: 109 g CO2/km (nach NEFZ)
VW Golf TDI: 139 g CO2/km (nach WLTP)
VW Golf TSI: 126 g CO2/km (nach WLTP)

Straßenmessungen

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Strecke 1:
VW Golf TDI: 158 g CO2/km
VW Golf TSI: 151 g CO2/km
Strecke 2:
VW Golf TDI: 163 g CO2/km
VW Golf TSI: 157 g CO2/km
Strecke 1:
VW Golf TDI: 148 g CO2/km
VW Golf TSI: 140 g CO2/km

Verbrauchererfahrungen laut "Spritmonitor"

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VW Golf TDI: 162 g CO2/km
VW Golf TSI: 150 g CO2/km

Besseres Klima bei Kompakten und Kleinwagen 

Ist damit das Argument "Klimafreundlichkeit" der Diesel-Befürworter beerdigt? Nicht generell, aber die Tester schlussfolgern: Zumindest in der Kompaktklasse und bei kleineren Fahrzeugsegmenten (insgesamt etwa 55 Prozent Marktanteil in Europa) könne ein moderner Benzin-Pkw dieselben oder sogar niedrigere CO2-Werte aufweisen als ein vergleichbarer Diesel-Pkw. So kam beim Golf 1.5 TSI erstmals in einem Volkswagen-Benzinmotor ein Turbolader mit variabler Turbinengeometrie (VTG) zum Einsatz. Zudem sorgt das sogenannte Miller-Brennverfahren für einen höheren Wirkungsgrad bei geringerem Verbrauch.

ICCT-Iniatoren kämpfen gegen das Dieselprivileg

CO2: Benziner-Golf schlägt Diesel-Golf
Diesel oder Benzin? An der Zapfsäule gibt es noch rund zehn Cent pro Liter Steuernachlass für den Selbstzünder.
Die ICCT-Ergebnisse decken sich zudem mit Kundenerfahrungen auf dem Internetportal Spritmonitor.de. Damit würde Politikern wie Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Branchenvertretern wie VDA-Präsident Bernhard Mattes, die den Diesel nach wie vor für unverzichtbar für das Erreichen der Klimaziele halten, der Wind aus den Segeln genommen. Vor allem aber sollte, so das Hauptanliegen der ICCT-Prüfer, das Dieselprivileg auf den Prüfstand. Durch die um rund 30 Prozent niedrigere Steuer auf Dieselkraftstoff entgehen dem Staat jährlich rund sieben bis acht Milliarden Euro.